Sehnsucht
L. von Drieberg
Einstmals wohnt' ich still im stillen Thale,
Trank aus ewig voller Freudenschale,
Denn im Thal war eitel Seligkeit,
Süße Lieder unter'm Laubendache,
Veilchen und Vergißmeinnicht am Bache,
Alles war zu meiner Lust bereit!
Doch des Herzens unbegreiflich Sehnen
Ließ mich draußen süß're Freuden wähnen;
Lockte durch ihr Bild
Mich hinaus in's sonnige Gefild.
Herrlich war der Erde weite Fläche,
Sturmgetrübte Ströme, klare Bäche,
Rebenhügel, fruchtbedeckte Au'n,
Boten wechselnd sich den trunknen Blicken;
Überfloß mein Leben von Entzücken
In dem ewig wonnenvollen Schau'n.
Doch des Herzens unbegreiflich Sehnen
Ließ mich droben rein're Freuden wähnen,
Ließ mir nimmer Ruh',
Trieb des Berges blauem Haupt mich zu.
Schön und labend war die Wohnung droben:
Tief zum bunten Teppich lag gewoben
Unter mir das blüthenreiche Land;
Morgenwinde hauchten süße Kühle,
Schatten fand ich bei der Mittags Schwüle
In dem Zedernkranz, der mich umwand.
Doch des Herzens unbegreiflich Sehnen
Ließ mich höher höh're Freuden wähnen;
Ich begann den Lauf
Zur bemoosten Felsenstirn hinauf.
Hier nun fand ich wechsellosen Frieden:
Denn vom Leben bin ich abgeschieden,
Wolken bergen es vor Aug' und Ohr;
An dem Himmel könnt' ich mich nun weiden,
Seine Sterne wären meine Freuden,
Denn der Blick fliegt ungehemmt empor.
Doch des Herzens unbegreiflich Sehnen
Hört nicht auf, die müde Brust zu dehnen;
In des Himmels Schooß
Sucht es nun des bessern Glückes Loos.
Ach! -- ich kann die Sehnsucht nicht besiegen! --
Hätt' ich Flügel nur, empor zu fliegen! --
Doch ich sehe schon den schwarzen Aar,
Seh' ihn aus der Tiefe her sich schwingen,
Der als Herold kommt, mich hinzubringen
Zu der Sterne lichtbekränzter Schaar. --
Schnell! o schnell! dann ist gestillt mein Sehnen;
Denn dort ist kein Wünschen und kein Wähnen;
In des Lichtes Haus
Löscht die Sehnsucht ihre Fackel aus.