Das Auge
L. Witt
In des Auges treuem Sterne
liegt die Seele, liegt das Herz,
taut die Träne hoher Freude,
taut die Träne für den Schmerz.
Nur das Herz kann es erfassen,
was das Auge tränend spricht,
weil im Glanze seines Sternes
mehr als in der Sprache liegt.
Aus ihm spricht die bange Sehnsucht,
treuer Liebe stilles Glück,
[und dein Hoffen all', dein Glauben
liegt in dem verklärten Blick.]
In ihm malt sich gold'ne Tugend,
edler Mut und geist'ge Kraft,
in ihm spiegelt sich Verzweiflung,
bange Furcht und Leidenschaft.
In ihm glüht ja selbst die Rache,
die des Lebens Keim versengt,
glüht die Mordlust, wenn die Waffe
tödlich der Verbrecher senkt.
Nur dem Heuchler ist's gegeben,
dass sein Auge untreu spricht,
doch der Wahrheit und der Tugend
ewig treuem Blicke nicht.
Einmal fällt des Heuchlers Larve,
denn sie trügt nur kurze Zeit,
aber Wahrheit hat und Tugend
im Panier "Beständigkeit".
Darum schau mit tiefen Blicken
in das Menschenaug' hinein,
dass es dich mit seinem Zauber
führ' zu Herz und Seele ein.
Lass durch seine Tränen wecken
teilnahmvoll die eig'ne Brust,
seien's Tränen herben Kummers,
seien's Tränen sel'ger Lust.