Blumenballade

C. Loewe

Noch ziehn die Wolken düster,

die Erde deckt noch Schnee,

da schaut des Lenzes Küster

hervor mit Sehnsuchtsweh;

Es ist das Blumenglöckchen,

das guckt hervor voll Scheu,

ob's wohl im dünnen Röckchen

zu kalt nicht droben sei?

Es guckt nach allen Seiten

und schüttelt trüb sein Haupt,

nur rauhe Winde streiten,

kein Baum ist noch belaubt.

Da faßt ein tiefes Grämen

das kleine Blumenherz,

da muß es Abschied nehmen,

muß wieder grabeswärts.

"Ade, ihr lieben Blumen,

hätt euch so gern geseh'n,

wenn Bienlein euch umsummen,

ist's längst um mich geschehn!

Ade, ihr duftgen Rosen,

ihr Veilchen zart und fein,

wenn West und Falter kosen,

wirds freudlos um mich sein!"

Doch sieh! Doch sieh, mit luft'gen Schwingen

kommt schon ein West daher,

dem folgt mit freud'gem Singen

ein Vöglein übers Meer.

Dem Vöglein folgt ein Zweites,

was sollt es auch allein,

und fröhlichen Geleites

zieht Frühling hinterdrein.

Wie da zu süßen Freuden

des Blümleins Herz entflammt,

doch will es selbst im Scheiden

verrichten noch sein Amt.

Da läutet's ohn' Ermatten

als Küster, klein und schwach,

aus ihrem Gräberschatten

die Blumenschläfer wach.

Doch kaum noch, mit Geflüster

erstehn sie aus dem Grab,

sinkt auch der kleine Küster

in seines schon hinab.