Das Geheimnis
C. Loewe
War einst ein hübsch' Mädchen voll Feuer und Glut,
doch saß dem Käthchen die Neugier im Blut.
Da gab ihr der Vater eine Reise vor
und sprach sehr ernst, dass sie kein Wort verlor:
„In meinem Zimmer der Schrank,
außen schwarz, innen blank,
zu dem vertrau' ich dir die Schlüssel,
doch beding' ich mir:
Verschlossen bleibt die Pforte,
gehorche meinem Worte!“
Das arme Käthchen rang und litt
wie Sankt Laurentius.
Die Neugier quält auf Schritt und Tritt
sie bis zum Überdruss.
Sie eilt hinaus, sie flieht hinab,
sie läuft Galopp und Schritt und Trab.
Da endlich entschließt sie in später Nacht,
damit kein Lauscher sie höre,
den Schrank zu öffnen, doch mit Bedacht,
auf dass sie das Inn're nicht störe.
Ihre Pulse jagt das Fieber
und sie wünscht, es wär' vorüber.
Nun wohlan, die Pforte knarrt,
Käthchen schaut... sie starrt...
Ein bleicher Totenschädel grinst sie fletschend an,
langsam hebt die Arme ein weißer Knochenmann.
Mit gellendem Schrei fiel sie darnieder,
ihre Neugier, die kehrte nie wieder.