Der ewige Jude

C. Loewe

Von des Hügels kahlem Rücken

Wankt ein hagrer Greis herab,

Wandelt fort mit stieren Blicken

Über Bäche ohne Brücken;

Nimmer ruht sein Wanderstab.

Unter Bäumen sieht erblinken

Einen Quell im Abendlicht,

Aus der Quelle will ertrinken,

In den Schatten will ersinken,

Doch ihn treibet das Gericht.

Eine Blume will erpflücken,

Laben sich an ihrem Duft:

Nieder kann er sich nicht bücken,

An sein Herz kein Wesen drücken,

Denn der Geist der Rache ruft.

Unter abgestorb'nen Eiben

Über Gräber geht sein Lauf:

»Wird es mich denn ewig treiben,

Darf ich auch bei euch nicht bleiben,

Nimmt auch hier mich Keiner auf?«

Und die alten Gräber dröhnen,

Geisterstimme ruft ihm zu:

»Gott läßt nimmer sich verhöhnen;

Eile fort, ihn zu versöhnen,

Störe nicht auch unsre Ruh!«

Und er irrt mit scheuem Tritte

Immer weiter ohne Plan,

Und es suchen seine Schritte

Keine Heimat, keine Hütte,

Er gehöret Niemand an!

Unter alten Zwillingseichen

Sieht er jetzt ein Denkmal stehn.

Weh', es ist des Mittlers Zeichen,

Ängstlich will er ihm entweichen,

Will ihn auch in Stein nicht sehn.

Doch es drängt ihn, hin zu wallen

Zu dem heil'gen Angesicht,

Auf die Knie kann er fallen

und mit schwacher Stimme lallen:

»Floß für mich dein Blut denn nicht?

Ach! In deiner Todesstunde

Raubt' ich dir die kleine Rast,

Mit der Frevler Schar im Bunde,

Höhnt' ich dich aus frechem Munde

Unter deines Kreuzes Last!

Dein Gericht hat schwer getroffen;

Ewig irrt mein Wanderstab

Ohne Ruhe, ohne Hoffen.

Ach! Kein Arm ist für mich offen,

Und kein Himmel und kein Grab.«

Sieben goldne Strahlen reihen

Jetzt sich um des Mittlers Haupt:

»Wer gefehlt hat, darf bereuen,

Und mein Antlitz Keiner scheuen,

Der mich liebt und an mich glaubt.

Alle sind zu mir berufen,

Alle durch des Vaters Huld;

Hättest an des Kreuzes Stufen

Früher du zu mir gerufen,

Längst getilgt wär deine Schuld.«

Und der Wandrer sieht die Wunden

Und das Blut, das ewig wallt.

Plötzlich ist sein Geist entschwunden,

Und vom Leben losgebunden

Kniet am Kreuze die Gestalt.