Die Begegnung am Meeresstrande

C. Loewe

Des Jünglings Blick erkennt der Liebe Zeichen,

vom Söller an des Meeres Felsenhang:

"Mit Hesper's Licht sollst du den Strand erreichen,

daß dich der Liebe treuer Arm umfang'."

Den kühnen Schwimmer winkt durch Wogen

Branden der Liebe Stern zu süssem Ziele fort.

"Du Göttin! die aus Meeresflut erstanden,

sie zügelnd, leit' ihn zu der Liebe Port!"

Und er ringt mit des Sturmes aufbrausender Wut,

und bekämpfet mit kröftigem Arme die Flut.

Doch weh' der Wellen rauhes, wild'res Schlagen

erfüllt die Brust mit immer bangem Zagen!

Und drüben, fern, umtobt von grausen Wogen,

von Schauernacht umwebt am Meeresstrand,

der Lilie gleich, von Sturmes Macht gebogen,

das Mädchen bang, voll Liebessehnsucht stand.

Ihr flatternd Haar strömt nun, des Windes

Beute, der Seufzer Klage dringt in öde Weite

ach! grüsset nicht des Schwimmers Ohr!

Doch sieh! dort jener dunkeln Woge Rücken

trägt ihrer Hoffnung langersehntes Glück!

Ach ja! er ist's, schon ruhet er am Strand

sie eilt, sie fliegt hin an des Ufers Rand,

daß sie die zarte Liebeshand ihm reiche

und sinkt entseelt auf ihres Jünglings Leiche.