Johann von Nepomuk

C. Loewe

Böhmenkönig Wenzel:

"Ha, Priester, zitt're! nicht verhöhnen

Läßt sich des Königs Machtgebot!

Sprich, willst du meinen Zorn versöhnen,

Der deinen Trotze furchtbar droht?

Dein Fürst befiehlt, du mußt gehorchen,

Es ist des Untertanen Pflicht,

Sonst schwör' ich dir, du siehst schon morgen

Des Tages erste Sonne nicht.

Die finstern Zweifel, die mich quälen,

Ich löse sie mit mächt'ger Hand;

Umsonst versuchst du zu verhehlen,

Was beichtend dir mein Weib bekannt.

Drum nenne frei die Last der Sünden,

Die schwer Johannas Busen drückt,

Daß mir die Hölenqualen schwinden

Wenn ihre Schuld ich klar durchblickt."

Johann von Nepomuk:

"Herr, nimmer löst der Beuchte Siegel

Ein Staubgeborner frevelnd auf,

Denn ewig birgt ihr eh'rner Riegel

Und hemmt des freien Wortes Lauf.

Zum Dienst der Kirche auserkoren,

Wie Gott und Welt mir Zeuge war,

Hab' ich Verschwiegenheit geschworen

Am glanzerfüllten Hochaltar.

Drum wolle nicht den Diener richten,

Der solch Bekenntnis dir versagt

Und in Erfüllung ernster Pflichten

Der Erdengüter Größtes wagt.

Bedenke, daß der Weltgebieter

Ein Richter herrscht im Königshaus;

Er winkt, und Thronen stürzen nieder,

Und Völker tilgt sein Donner aus.

Doch hast du Ändrung nicht beschlossen,

Wohl, so versöhne dich mein Blut!

Viel reineres ward einst vergossen

Zum heil der Welt für höh'res Gut."

Wenzel:

"Wohlan denn, Haß und Rache kochen

In meiner Brust, ich schwör es laut:

Dein Urteil hast du selbst gesprochen,

Dem leeren Wort zu viel vertraut."

Drauf rief er seiner Knechte Scharen,

Ein Kerker schließt den Priester ein,

Der seinen Eid getreu zu wahren,

Trägt heldenkühn die schwere Pein;

Heiß betend unter süßen Schauern,

Erfleht er Gnade nur von Gott,

Nicht Rettung aus den düstern Mauern,

Trotz seiner Feinde bitterm Spott.

So kommt die Nacht auf dunkeln Schwingen,

In Andacht kniet der Fromme dort,

Die Angel knarrt, und näher dringen

Die Henker ihm, bereit zum Mord.

Die Hände, die vor wenig Stunden

Der Messe Opfer dargebracht,

Sie werden schmachvoll ihm gebunden

Durch Wenzels zügellose Macht.

Und zu des Moldaustromes Brücke

Schleppt ihn die Menge stürmisch hin,

Denn es befahl des Wütrichs Tücke,

Er finde seinen Tod darin.

Die Sterne deckt ein Nebel schleier,

In tiefer Stille ruht die Flur,

Des Gottgeweihten Leichenfeier

Begeht die trauernde Natur.

Wild brausend wälzen sich die Fluten,

Ans Ufer spritzt der Wellen Schaum,

Die drängend nicht im Kampfe ruhten,

Als wär zu eng des Bettes Raum.

Allein die Priestermörder stählen

Wie Erz die Brust. Ins feuchte Grab,

Gehorchend ihres Heern Befehlen,

Wirft ihn die Rotte kalt hinab.

Urplötzlich schweigt das grause Toben

Des Flutenmeers, das ihn errafft.

Von Wellensanft emporgehoben

Schwebt er dahin voll Wunderkraft,

Und aus den schwarzen Wogen steigen,

Umglänzt vom reinsten Strahlensgold,

Fünf Sterne, wie im ew'gen Reigen

Jehovah dort sie tönend rollt.

Da sinken zitternd Wenzels Schergen,

Das Wunder schauend, niederwärts,

Am Boden ihre Schuld zu bergen,

Gefoltert von der Reue Schmerz.

Und singend aus der Wasserhöhle

Schwingt sich der Gist des Heil'gen los,

Und Engel tragen sanft die Seele

Hinauf in Gottes Vatersschoß!