Maria und das Milchmädchen

C. Loewe

Maria kam auf ihrer Flucht'gen Mittag in ein ödes Tal,

Da war kein Baum mit Laub und Frucht,

der Rasen dürr, die Felsen kahl,

Und sengend fiel der Mittagsstrahl.

Es schmachten Kind und Mutter sehr,

Sie schaut nach einem Quell umher,

Jedoch umsonst, kein Quell, kein Tau

Tränkt dieses Tal, so nachkt und rauh.

Das schmerzt die Frau der Lieb' und Huld,

Das Knäblein trug es mit Geduld.

Jetzt kommt ein Mägdlein wohl gemut

Mit Milch daher, ein junges Blut,

Zwar gelb und häßlich von Gesicht,

Doch klingt gar lieblich, was es spricht.

Es nimmt herab den Topf geschwind

Und bietet ihn der Jungfrau an

Und freut sich, daß es geben kann:

»Heil, Mutter, dir! Und dreimal Glück dir und dem Kind!

Ich trüg' es gern

nur einen einz'gen Augenblick;

So schön ist nicht

Der Morgenstern!«

Die Mutter legt von ihrer Brust

Den Knaben in des Mägdleins Arm;

Die Maid ihn herzt mit frommer Lust,

Sie küßt sein Mündlein, rot und warm,

Und wünscht der Mutter nochmals Glück!

Und geht und blickt noch oft zurück.

Und als sie kommt mit frohem Sinn zu ihrer Hütte still und klein,

Da tritt sie an den Brunnen fein

Und wäscht von Staub das Antlitz rein.

Jedoch ein fremdes schönes Bild

Strahlt aus dem Wasser klar und mild.

Sie teilt das Wasser mit der Hand,

Das Bild kommt wieder, wie's verschwand,

Sie lacht es an, es lacht sie an,

Sie ist es selbst, es ist kein Wahn.

Vom Kuß des Knäbchens kam alsbald

Ihr diese himmlishce Gestalt.

Doch quillt ihr in dem Busen auch

Ein Sehnen, wie beim Frühlingshauch,

Und Alles ist ihr fremd, als wär

Die Erd' nicht ihre Heimat' mehr!