Moosröslein

C. Loewe

In tiefster Schlucht, in Waldesschoß

Entsproßt das grüne zarte Moos,

Ein Teppich, sammetweich.

Den Blicken zeigt es sich nur klein,

Doch schließt sein Bau ein Wunder ein

Von Wipfel, Laub und Zweig.

Zu Rosenglut, zu Waldesgrün

Schaut's niedre Moos und seufzt: "Solch Blüh'n

Gab mir der Himmel nicht!

Viel Tritte rauschen über mir

Und nicht ein Auge sieht mich hier,

Denn Alle lockt das Licht!"

Und sieh! da kommt im Abendschein

Der Heiland wandelnd durch den Hain

Mit bleichem Angesicht.

Mit wundem Fuß er weiter mußt',

Da fühlt' er's weiche Moos mit Lust

Zu seinen Füßen dicht.

Er kam erst durch die Wüste her,

Da brannten Sand und Sonne sehr,

Nun kühlt das sanfte Moos.

Da spricht der Heiland: "Vaters Hand

Hat solche Lieb' auf dich gewandt

In Zartheit ernst und groß!

Welch Auge mag so blöde sein,

Erkennt nicht in der Kleinheit dein

Des Schöpfers Macht und Huld?

Du zierlich Kraut, so unbeacht't,

Auch dein der Vater hat gedacht,

Dein Loos trag mit Geduld!"

Dies Wort bringt Jesus kaum hervor,

Da sproßt es aus dem Moos hervor,

Ein Röslein wundermild.

Moosröslein wird es bald genannt,

Das blühet nun in jedem Land,

Der Demut süßes Bild!

Ein Leid des Heilands hat's versüßt

Und sanft die Füße ihm geküßt,

Deß wurd' ihm solcher Lohn.

O Herz, bleib immer treu und weich,

Bist du bedrückt, dem Moosegleich,

Dann knospt die Rose schon!