Nebo

C. Loewe

Auf Jordan's grünen Borden,

Da weilte Jakobs Samen,

Da feierten die Horden,

Die von Mizraim kamen;

Da lagerten die Scharen,

Da hielt der Heerzug Rast

Seit langen, langen Jahren

Der sand'gen Wüste Gast.

Da waren ihre Hütten von Leinen aufgestellt,

Und in der Zelte Mitten hob sich des Stiftes Zelt.

Da schützten grüne Sträucher

Sie vor der Glut der Sonnen,

Da füllten sie die Schläuche

An kühlen Wasserbronnen.

Da freuten sich die Müden

Und hoben fromm die Hände,

Daß ihnen bald beschieden

Der langen Wallfahrt Ende;

Da schärften sie die Schneide

Des Schwert's mit kräft'ger Hand,

Zu kämpfen um grüne Weide

In ihrer Väters Land.

Im Tal ruh'n die Nomaden

Und jauchzen: Kanaan!

Moses auf steilen Pfaden

Klimmt das Gebirg hinan,

Schneeweiße Locken fliessen

Auf seine Schultern dicht;

Zwei goldne Strahlen schiessen

Von seinem Haupte Licht.

Und wie er nun die Höhe,

Die schauende, erreicht,

Und, daß er Alles sehe,

Sich zitternd vorwärts beugt,

Da glänzen ihm die Auen

Von tausend Freuden voll,

Die er nur sehnend schauen,

Doch nicht betreten soll,

Da dehnen sich die Flächen,

Wo Korn und Traubereift,

Da ist mit weißen Bächen

Das grüne Land gestreift;

Da schwärmen Bienenkörbe,

Da schreitet Pfluggespann,

Da funkelt Juda's Erbe

Von Bersaba gen Dan.

»Ich habe dich gesehen!

Jetzt ist der Tod mir recht!

Säulend mit leisem Wehen,

Herr! hole deinen Knecht!

Auf diesem Berge sterben,

Wohl müßt' es köstlich sein,

Wo sich die Wolken färben

Im Morgensonnenschein.«

Da nah't auf lichter Wolke

Der Herr des Berges Rücken,

Dem müden Pilgervolke

Den Führer zu entrücken.

Tief unten der Welt Gewimmel,

Forst Flur und Stromeslauf,

Und oben tut der Himmel

Die goldnen Pforten auf!