Schwalbenmärchen

C. Loewe

Auf dem stillen, schwülen Pfuhle

tanzt die dünne Wasserspinne;

unten auf krystallnem Stuhle

thront die Unkenköniginne.

Von den edelsten Metallen

hält ein Reif ihr Haupt umzogen,

und wie Silberglocken schallen

Unkenstimmen durch die Wogen.

Denn der Lenz erschien; die Schollen

sind zerflossen; Blüten zittern;

dumpfe Frühlingsdonner rollen

durch die Luft, schwarz von Gewittern.

Wasserlilienkelche fliessen

auf des Teiches dunkelm Spiegel,

und die ersten Schwalben schiessen

drüber hin mit schnellem Flügel.

Aus den zarten Schnäbeln leise

tönt Gezwitscher in die Wellen:

»Viele Grüße von der Reise

haben wir dir zu bestellen.

Lange waren wir im fremden

sandbedeckten heissen Ländern,

wo in weiten Kaftanhemden träge

Turbanträger schlendern.

Purpurfarbne Wunderpflanzen

dienten uns zu Meilenweisern;

gelbe Mauren sah'n wir tanzen

nackt vor ihren Leinwandhäusern.

Lechzend auf dem warmen Sattel

saß der Araber, der leichte,

während Ziegenmilch und Datel

ihm aufs Pferd die Gattin reichte.

Auf die Jagd der Antilopen,

Kriegerisch, mit Spiess und Pfeile,

zogen schlanke Aethiopen;

klagend tönte Memnons Säule

Aus des Niles Flut getrunken

haben wir, matt von der Reise;

Gruß dir, Königin der Unken,

von dem königlichen Greise!

Alles grüßt dich, Blumen, Blätter!

Doch zumeist der Grüße viele

bringen wir von deinem Vetter,

ja von deinem lieben Vetter,

von dem Krokodil im Nile!«