Wallhaide

C. Loewe

Wo dort die alten Gemäuer stehn

und licht im Abendrot schimmern,

erhob sich ein Schloß in waldigten Höhn;

nun liegt's versunken in Trümmern.

Nun pfeift der Sturm

in Saal und Turm,

Nachts wandeln durch Türen und Fenster

Gespenster.

Da hauste ein Graf vor langer Zeit,

wohl Sieger in manchem Strauße,

gar wild und furchtbar in Kampf und Streit,

und streng und ernst auch zu Hause;

doch sein Töchterlein

war wie die Sonne so klar,

und so mild und voll Liebe und Freude;

Wallhaide.

Sie wehte still im häuslichen Kreis

und trat gar selten ins Leben:

doch ein Ritter liebte sie glühend und heiß,

ihr ewig zu eigen gegeben.

Vom nahen Schloß

auf flinkem Roß

flog Rudolph zur Süßen, zur Lieben

dort drüben.

Und eh die Sonne noch untergeht,

hart er still am einsamen Orte,

und leiser schleicht, als der Zephyr weht,

Wallhaide durch Hof und Pfote,

in stiller Lust

an Buhlens Brust,

und er hält sie mit treuem Verlangen

umfangen.

Sie träumen, sie hätten im Himmel gelebt,

zwei kurzeschöne Minuten;

denn er scheidet, wenn Dämmrung niederwebt,

wenn die letzten Strahlen vergluten.

Noch Kuß auf Kuß

zum Abschiedsgruß,

dann eilt sie mit Tränen im Blicke

zurücke.

Und wie sie den Sommer so scheiden sah,

fing Sehnsucht an sie zu quälen.

Und also trat Rudolph den Grafen an:

"Herr, ich mag's nicht länger verhehlen,

ich liebe Wallhaid,

drum gebt mir die Maid,

auf daß sie treueigen mir bleibe,

zum Weibe!"

Da zog der Graf ein finster Gesicht:

"Was ziemt dir solch kecke Minne?

Mein Mädel, Rudolph, bekommst du nicht,

das schlag dir nur frisch aus dem Sinne;

ein reicher Baron

führt morgen sie schon,

die Braut, trotz Tränen und Jammer,

zur Kammer."

Das fuhr dem Rudolph durch Mark und Bein,

er warf sich wild auf den Dänen,

und jagte in Wald und Forst hinein,

das Auge hatte nicht Tränen,

ein kalter Schmerz

zerriß ihm das Herz,

als müßt er in grausamen Wehen

vergehen.

Da durchbebt's ihn auf einmal mit stiller Gewalt,

er fühlt sich wie neugeboren,

und Ahndungen werden zur lichten Gestalt,

als wär' noch nicht alles verloren.

"Bin ich doch frei

und Wallhaide treu;

Gott hilft sie aus Vaters Ketten

zu retten!"

Und eh die Sonne noch untergeht,

harrt er still am einsamen Orte,

und leiser schleicht, als der Zephyr weht,

Wallhaide durch Hof und Pforte,

in stiller Lust

an Buhlens Brust,

und er hält sie mit treuem Verlangen

umfangen.

Sprach Rudolph endlich: "Um Mitternacht,

wenn Alles längst ruht auf dem Schlosse,

kein Verräterauge die Liebe bewacht,

dann komm ich mit flüchtigem Rosse.

Du schwingst dich hinauf,

und freudig im Lauf

jag' ich mit der herrlichen Beute

ins Weite!"

Da sank sie glühend an seine Brust

und kos't ihn mit zärtlichem Worte;

doch schnell erwacht sie aus ihrer Lust:

"Wie komm ich, Freund, durch die Pforte?

denn streng in der Nacht

wird die Mauer bewacht;

wie mag ich der Knechte Reigen

durchschleichen?

Zwar so wenn mich nimmer die Hoffnung betrog

so käm' ich durch Pforten und Türen;

's ist freilich für Mädchenmut zu hoch

doch Liebe soll mich leiten und führen!

wer ihr vertraut,

hat wohl gebaut,

und wenn er im Kerker auch wäre!

Drum höre:

Als Wundebold noch, unsres Hauses Ahn',

in dieser Burg residirte,

da wuchst ihm ein Töchterlein herrlich heran,

des ganzen Hauses Zierde,

hieß auch Wallhaid,

hat früh're Zeit

einen Buhlen glücklichen Stunden

gefunden.

Dem wollte sie ewig treueigen sein,

im Leben und Leiden und Freuden;

doch der harte, trotzige Vater sprach:

nein! Da wollte sie nicht von ihm scheiden,

und kühn bedacht

um Mitternacht

zur Liebe aus Vaters Ketten

sich retten.

Doch dem Grafen sagt's ein Verräter an,

der zerstörte blutig ihr Hoffen.

Ihr Buhle fiel auf nächtlicher Bahn,

von meuchelnden Schwertern getroffen.

Sie harrte noch sein,

trat der Vater herein,

stieß den Dolch ins Herz der Armen

ohn Erbarmen.

Nun hat ihr Geist im Grabe nicht Ruh',

's ist alle Rast ihm genommen;

sie wandelt oft nächtlich der Pforte zu,

ob wohl der Buhle möcht kommen,

und harret sein

bis Morgenschein;

der Buhle soll einst, wie sie meinen,

erscheinen!

So lange wandert sie ohne Rast

im weißen blutigen Kleide,

ist Allen ein stiller befreundeter Gast,

tat Keinem je was zu Leide;

still geht ihre Bahn

zur Pforte hinan,

die Wächter lassen sie schleichen

und weichen.

Und wie sie ihr Leben der Liebe geweiht,

wird sie tot auch zur Liebe sich neigen;

sie borge heut Nacht mir ihr blutiges Kleid,

die Wächter sollen mir weichen.

Die Geisterbahn

hält Keiner an,

frei lenk' ich so durch ihr' Mitte

die Schritte.

Drum harr' an der Pforte! wenn's Zwölfe schlägt,

kommt Wallhaide langsam gegangen;

ein blutiger Schleier, vom Winde bewegt,

hält die Geistergestalt umfangen.

In deinem Arm

da wird sie erst warm,

drum schnell auf den Gaul und reite

ins Weite!"

"O herrlich!" fiel Rudolph ihr freudig ins Wort,

"fahrt hin nun, Zweifel und Sorgen!

Und sind wir nur erst aus dem Schlosse fort,

so ist auch die Liebe geborgen;

wenn der Morgen graut,

grüß ich dich als Braut,

Ade, fein's Liebchen, ist scheide zur Freude!"

Und lange noch glüht auf der Lippe der Kuß,

da sprengt er mutig bergunter,

und scheidend wirft sie den letzten Gruß

dem Liebsten ins Tal hinunter.

"Lieb Rudolph! bist mein,

lieb Rudolph! bin dein;

nicht Himmel und Hölle scheide

uns Beide!"

Und wie die Nacht auf die Täler sinkt,

sitzt der Ritter gerüstet zu Pferde;

manch bleiches Sternlein am Himmel blinkt,

tief dunkel liegt's auf der Erde.

Er spornt das Roß

auf's Grafen Schloß

und kömmt, nach Liebchens Worte,

zur Pforte.

Und wie es vom Turme Zwölfe schlägt,

kommt Wallhaide langsam gegangen;

ein blutiger Schleier, vom Winde bewegt,

hält die Geistergewalt umfangen.

Da springt er hervor

und hebt sie empor

und jagt mit der zitternden Beute

ins Weite.

Und reitet lange, und Liebchen schweigt,

er wiegt die Braut auf den Knieen.

"Fein's Liebchen, wie bist du so federleicht,

machst dem Reiter nicht Arbeit und Mühe."

"Mein Gewand ist so fein,

das mag's wohl sein,

mein Gewand ist wie Nebel so duftig

und luftig!"

Und der Ritter umfaßt die zarte Gestalt,

da schauert ihm Frost durch die Glieder.

"Fein's Liebchen, wie bist du so eisig und kalt,

erwärmt dich die Liebe nicht wieder?"

"In deinem Arm

da ist's wohl warm,

doch mein Bette war kalt, Gefährte,

wie Erde!"

Und sie reiten weiter durch Flur und Wald,

bleich flimmert der Sterne Schimmer;

"und bist auch von aussen so frostig und kalt,

dein Herzchen glüht doch noch immer?"

"Lieb Rudolph! bist mein,

lieb Rudolph! bin dein;

nicht Himmel und Hölle scheide

uns Beide!"

Und sie reiten rastlos immer zu,

und nächtlich schleichen die Stunden.

"Nun bin ich erlöst, nun komm ich zur Ruh',

nun hab' ich den Liebsten gefunden.

Bist ewig mein, bin ewig dein;

nicht Himmel, nicht Hölle scheide

uns Beide."

Der Morgen allmählich dämmert und graut,

noch geht's durch Fluren und Felder;

doch immer stiller wird die Braut,

und immer kälter und kälter.

Da kräht der Hahn,

schnell hält sie an,

und zieht den Liebsten vom Pferde

zur Erde.

"Husch! wie die kalte Morgenluft weht

mit dem nächtlichen Sturm um die Wette;

es graut der Tag, der Hahn hat gekräht,

lieb Buhle, die Braut will zu Bette!

Komm herein, komm herein,

bist mein, bin dein;

nicht Himmel, nicht Hölle scheide

uns Beide."

Und eiskalte Lippen drückten den Kuß

auf seine zitternden Wangen,

und Leichenduft und Totengruß

umweht ihn und hält ihn gefangen,

da sinkt er zurück,

es bricht der Blick

und die Braut hat den Liebsten gefunden

dort unten!