Das todte Kind

M. Bayern

Die Mutter weint' und härmte sich,

gestorben war ihr Kind,

ein Kind so schön und minniglich,

wie nur die Engel sind.

Und als es nun im Grabe lag,

da hatt' es nimmer Ruh':

Die Mutter weinte Nacht und Tag

und weinet immerzu.

So lang' die Mutter weint und wacht,

so steigt aus seinem Grab

der Knabe spat um Mitternacht

und geht ins Dorf hinab.

Besucht die Plätze rings herum,

wo er gespielet hat,

und geht dann wieder totenstumm

hinauf den Kirchhofspfad.

Die Mutter aber weint und wacht

und weinet immerzu;

so lange hat auch Nacht für Nacht

der Knabe keine Ruh'.

Und endlich tritt im Sterbekleid

er vor die Mutter hin:

O liebe Mutter, lass dein Leid

und lass mich, wo ich bin!

O liebe Mutter, lass doch ab!

Was weinst du allezeit?

Die Tränen dringen durch mein Grab,

nicht trocken wird mein Kleid.

Die Mutter hört's: O könnt' ich sein

bei dir doch Tag und Nacht!

Die Mutter ruft's und schlummert ein,

und ist nicht mehr erwacht.

So konnte dann der Knabe ruh'n,

sein Grab ward ringsum grün,

und jeden Frühling sieht man nun

d'rauf Veil und Rosen blüh'n.