Fliederlied
M. Erdmannsdörfer
Was flüstert in deinen Zweigen,
Du duftender Fliederbaum?
Die Blüthen nicken und neigen
Sich wie im Elfenreigen;
Mir wird dabei so eigen,
Als läg' ich im tiefsten Traum,
Als seien es meine Grüße,
Die flüsternd mich umwehn,
Als sei's mein eig'nes Flehn:
"Ich hab dich lieb, du Süße!"
Wohl hab' ich's leise gesungen,
Als ich den Strauß mir brach;
Nun singt's mit tausend Zungen
Der Fliederbaum mir nach;
Nun singen's die Nachtigallen
Auch schon im schattigen Thal:
Ich habe dich lieb vor Allen
"In Lust und auch in Qual."
Und in die weite Runde
Klingt immer weiter das Lied,
Von Munde geht's zu Munde
Und Allen bringt's die Kunde,
Die ich in stiller Stunde
Dem Fliederbaum verrieth;
Und Alle plaudern das süße
Geheimniß weiter aus,
Den Spruch vom Fliederstrauß:
"Ich habe dich lieb und grüße!"
Doch nein! Noch ist's verschwiegen,
Noch weiß es kein Menschenkind,
Die Blüthen neigen und wiegen
Sich stumm im Abendwind.
Mir aber ward zum Traume
Des Herzens süße Qual;
Ich grüß' unter'm Fliederbaume
"Dich tausend vieltausend Mal!"