Die Alte
M. Fiedler
Als ich, noch ein kleines Mädchen,
Heimwärts aus der Schule ging,
Kam der Jost, der wilde Junge,
Und ich lief -- bis er mich fing.
Fest hielt er mir beide Hände,
Küßte grad' mich auf den Mund,
Und ich sträubte mich und weinte,
Und doch wußt' ich kaum den Grund.
Als ich nun, herangewachsen,
Abends durch die Felder ging,
Wie mein Herz -- sah ich ihn kommen --
Heftig an zu klopfen fing!
Und er nahte scheu und drückte
Meine Hand an seinen Mund,
Doch er sah mir nicht ins Auge --
Und ich ahnte wohl den Grund.
Als ich dann an seiner Seite
Sonntags hin zur Kirche ging,
Und der grüne Kranz der Myrte
Bräutlich mir im Haare hing,
Und als nun das „Ja” gesprochen
Am Altar mein bleicher Mund --
Da erbebt' ich tief im Herzen,
Da verstand ich wohl den Grund.
Jetzund ist herangebrochen
Unsres Lebens Dämmerung,
Doch sind wir auch alt an Jahren,
Sind wir doch an Liebe jung.
Unsre Jugend, unsre Freuden,
Unser Alter, unsre Noth,
Alles theilten wir zusammen --
Trenn' uns, Herr, auch nicht im Tod!