Sehnsucht

M. Hasse

Was weckst du mich auf in der thauigen Nacht,

Du sehnsuchtflötende Nachtigall?

Nun ist mit deinem melodischen Schall

Auch ein Widerhall

Vergangenen Glücks erwacht.

Wie heute schlugst du im Lindenbaum

Ich herzte und küßte mein rosiges Kind;

Die Saiten der Liebe erbebten gelind

Wie Harfen im Wind

O seliger Maientraum!

Und als ich gekommen nach manchem Jahr,

Da schwammen in Thränen die Äugelein blau,

Der Lenz in dem Herzen, der Lenz auf der Au

War hin, weil ein Thau

Auf beide gefallen war.

Was lockst du mich wieder mit dunkler Gewalt,

Mit Lügen von Lenz und von Liebeslust?

Da längst doch verdorrt in der eigenen Brust

Der schwellende Blust

Und die jubelnden Lieder verhallt.

O Nachtigall, flötend im Lindenbaum!

Der Frühling vergeht und die trügende Gunst

Der Götter... Was soll uns die fröhliche Kunst?

Die Liebe ist Dunst

Und das flüchtige Leben ein Traum.