Frühling! vollen Liebesüberfluss
M. Hauptmann
Frühling, vollen! vollen
Liebesüberfluß!
Mehr als Herzen wollen,
Strömenden Genuß!
Wonnen mehr, als schwellen
Wünsche meine Brust,
Ungezählte Wellen,
Ungemess'ne Lust!
Mir nicht Sonnenstrahlen,
Sondern Sonnengluth,
Mir nicht Thaues Schalen,
Sondern Meeres Fluth!
Mir nicht ferne Grüße,
Mir nicht leisen Blick,
Sondern heiße Küsse,
Ketten um's Genick!
Nicht die halben Lippen,
Sondern vollen Tausch,
Nicht des Bechers Nippen
Sondern ganzen Rausch!
Röthlich angeglommen
Sei nicht Luftazur,
Eine Gluth verschwommen
Morgenroth und Flur!
Nicht ein knospend Ringen,
Sondern voller Flor,
Nicht vereinzelt Klingen,
Sondern voller Chor!
Nicht verzagte Blätter,
Sondern buntes Grün,
Wechselreich Geschmetter,
Durcheinanderblüh'n.
Rosen an dem Stocke
Meiner Lust so viel,
Daß sich mag die Flocke
Nehmen Ost zum Spiel.
Immer neu beflissen
Knospen auszugeh'n,
Daß wir nicht vermissen,
Die wir sterben seh'n.
Immer neu Gefieder,
Immer neuen Schall.
Tausendfache Lieder,
Gleich der Nachtigall!
Daß die Rose lauschen
Mag mit halbem Ohr,
Eins sie muß berauschen,
Wenn sie eins verlor.