Komm, verhüllte Schöne

M. Hauptmann

Komm', verhüllte Schöne! komm'! o komm' heraus!

Locken helle Töne dich nicht aus dem Haus?

Komm' und schlag' den Schleier dir vom Angesicht,

Zeige dir nun freier, süßes Mondenlicht!

Unter ist die Sonne, deren Blick, so scharf,

Deine milde Wonne nicht verletzen darf.

Tag mit lautem Tosen sank zur Ruhe hier,

Liebchen! alle Rosen schlafen außer dir.

Abendgluthumröthet starb der Lerche Schall;

Und aus Büschen flöthet nun die Nachtigall.

Lüstern keine Biene trägt mehr Honig ein;

Und an deiner Meine saugt mein Blick allein.

Alle losen Lüften sind zur Ruh' im Laub;

Nachtviolendüfte fürchten keinen Raub.

Laß uns still geniessen Mondennacht in Ruh',

alle Knospen schließen nun die Augen zu!

Vor dem Abendsterne wirst du dich nicht scheu'n,

dessen Blick sich gerne mag an dir erfreu'n.