Das alte Lied
M. von Kralik
Im Klostergang zur Abendzeit
lustwandelt eine Nonne;
das junge Haupt, das weiße Kleid
umfließt die Abendsonne.
Im Klosterhof, da sprudelt hell
und rauscht in kühlen Garben
des Springbrunns nimmermüder Quell,
umsprüht von bunten Farben.
Die Nonne fährt ans sanfte Kinn
die alte treue Geige;
ein Lied ging just ihr durch den Sinn
in trauter Tagesneige.
Wie streicht der Bogen sanft und leicht!
Es beben leis' die Saiten;
am Himmel hoch die Sonn' erbleicht
und will zur Nacht vergleiten.
Die Nonne spielt, und rings umher
verstummt's in stillem Lauschen,
der Brunnen schweigt und springt nicht mehr,
verklungen ist sein Rauschen.
Die Nonne spielt ein altes Lied
und immer neu voll Sehnen,
ein Sang voll Weh' ins Weite zieht
und schluchzt in süßen Tönen.
Die Nonne spielt, und leise quillt's
wie Tränen auf die Geige;
o, niemand sieht's und niemand stillt's,
das Herz nur ist ihr Zeuge.
Im fernen Herrenstifte blickt
ein junger Mönch ins Freie.
Der Tag, der hat sein Herz erquickt
mit Sonn' und Himmelsbläue.
Sein Auge schweift zum grünen Wald,
und ach, an ferne Stelle.
Wie wird's mit einmal grau und kalt!
Wie dämmert es so schnelle!
Zu Boden sinkt ihm das Brevier,
sein Herz durchzieht's wie Träume;
dazwischen raunen süß von ihr
des Waldes ernste Bäume.
Da tönt's wie Geigenklang herein
dort von des Waldes Ende;
da wird der Mönch zu Marmelstein
und faltet stumm die Hände.