Der Abendrosenkranz
M. von Kralik
Siehst du Blütenkelche glühen
in des Abends Dämmergrau?
Fühlst du Blumendüfte ziehen
durch den Nachtwind lind und lau?
7Rosen, Rosen sind's, die glänzen
um der reinsten Jungfrau Bild,
Rosen, Rosen sind's, die kränzen
ihre Stirne lieberfüllt.
In des Domes weiten Hallen
blüh'n sie auf in heil'ger Lust,
ihre süßen Düfte wallen
aus der frommen Beter Brust.
Schneeig weiß und purpurdunkel
strahlen sie in sanfter Pracht,
morgen wohl im Goldgefunkel
glüh'n sie in die stille Nacht.
Leuchtend sank der Tag zur Rüste,
klar und mild, ein Maientag;
seine müde Lippe küsste
noch der Jungfrau Rosen wach.
Leise spinnt im Eisgeflimmer
Winternacht den Nebelrauch,
doch in unverwelktem Schimmer
streu'n die Rosen ihren Hauch.
Immer frisch in ew'gem Lenze
blühen sie jahraus, jahrein,
schlingen ihre vollen Kränze
um der Jungfrau heil'gen Schein.
Und zur Stund', wo sie ergießen
ihres Kelches frommen Duft,
klingt wie Silberharfengrüßen
leis' die weihrauchschwere Luft.
Leuchtet denn, ihr Rosengluten,
ob des Lebens Dämmergrau;
auf der Herzen Liebesfluten
wogt nun uns're liebe Frau.
Wenn am Thron der Makellosen
zieh'n die Sternlein auf die Wacht,
bringt ihr hold, ihr Abendrosen,
Grüße aus der Erdennacht.