Der Brunnen

M. von Kralik

Der Brunnen zwischen Stall und Haus

verschwätzt den Tag jahrein, jahraus,

und wenn sich abends alles legt,

dann spricht er erst recht aufgeregt.

Da strömt es laut aus seinem Mund,

man hört's in einem weiten Rund.

Es ist kein leerer Monolog,

es ist ein Sermon an den Trog.

Der Trog, der streckt sich steif und träg',

als ob ihm nichts am Hören läg';

der Redefluss des Brunnenrohrs

trifft nur ein Endchen seines Rohrs.

Es ist, als ob ein kleiner Fant

mit einem Riesen sich verstand;

der Quälgeist gibt ihm keine Ruh',

der Riese lässt's geduldig zu,

denn tief aus seines Wesens Trieb

hat er den kleinen Schwätzer lieb.

Er ahnt es, dass er an dem Tag

des Schweigens nicht mehr leben mag.