Zwei Frauen

M. von Kralik

Als die Türken einmal wieder

In das Siebenbürgerland

Fielen, trieben sie als Beute

Vieh und Menschen mit sich fort.

Damals ist es auch geschehen,

Dass ein Tartar eine Frau

Mit sich schleppte, eine böse

Sieben, doch der Ehemann

Sah sie ziehn, indess er selber

Sicher stand jenseits des Baches.

Und er rief, mehr um des Feindes

Heil besorgt, als um die Frau:

„Armer Tartar, weh, du weisst nicht,

Weisst nicht, was du mit dir führst!”

Aber nicht von dieser handelt unsere Geschichte.

Nein,

Eine andre Ehfrau bieder,

Schön und gut, ward mitgeführt,

Ward dem liebenden Gemahle

Dort entrissen, der zur Zeit

Nicht im Dorf war, bei der Herde,

Und zu spät zur Rettung kam.

Fortgeschleppt mit allen andern

Ward sie und als schönstes Stück

Aus der Beute ward die Arme

Nun zuteil dem Heeresführer.

Während ihre Mitgefangenen

Alle traf ein hartes Los,

Wiederfuhr ihr reiche Gnade

Von dem Herrn. Und als sie bald

Zwillinge, zwei holde Knaben

Dort im Heidenland gebar,

Da behandelte der greise Türke sie gleich eignen Kindern,

Wartet ihrer, spielt mit ihnen,

Ehrt die Mutter, nichts unziemlich

Mutet er der Edlen an.

So verstreichen schon vier Jahre.

Doch nach ihrer Heimat sehnt

Sich zurück die Frau. Sie sehnt sich

Nach dem lieben Mann, dem Vater

Ihres holden Knabenpaares.

Eines Tages ging sie wieder

Wie gewohnt zu den Gefangnen,

Die in Ketten auf dem Feld

Harte Arbeit schaffen müssen.

Gute Labung reicht sie ihnen

Heimlich stets, so oft sie kann.

Und die schwer Gefangnen flehen,

Fleh'n sie an um Gottes Willen

Um Erlösung aus den Fesseln:

„Mit dir wollen wir dann fliehn,

Fliehen nach der lieben Heimat

Zu den Unsern, die da harren!”

Und die gute Frau verspricht es,

Sucht den rechten Augenblick,

Schliesst die Ketten auf und eilt,

Eh sie flieht, zurück zum Hause

Ihre Kinder mitzunehmen.

Aber weh, der gute Türke

Hat sie grad mit sich genommen,

Mitgenommen auf das Feld,

Hoch zu Ross mit ihnen spielend.

Wofür soll sie sich entscheiden?

Schrecklich ist es, hier die Kinder

Zu verlassen; schrecklich ist es,

Hier zu bleiben und die Rache

Zu erwarten für die Tat.

Doch die Freunde überreden

Sie, dass teurer als die Kinder

Freiheit sei und Vaterland:

„Deine Pflicht ist es, zum Gatten

Hinzuziehn. Ihm schuldest du's

Mehr als deinen, seinen Kindern!”

Und mit ganz zerrissnem Herzen

Folgt sie jenen endlich, halb

Frei, sich nach der Heimat sehnend,

Halb gewungen, immer wieder

Ihrer Kindelein gedenkend.

Müde werden die Genossen,

Ihren Jammer anzuhören

Und verlassen eines Nachts

Heimlich sie, die allzusehr

Ihre bange Flucht verzögert.

Weh, nun ist sie ganz allein.

Weh, was soll sie nun beginnen!

Schon will sie sich wieder wenden

Zu den Kindern hin, dem Tod

Will sie mutig dort begegnen

Doch sie kennt nicht mehr den Weg.

Und indem sie zagt und irrt,

Und indem sie Tag für Tag,

Nacht für Nacht Gefahr und Schrecken

Aufsucht, wieder flieht,

gelangt sie zum Schluss von ihrem Engel

unbewusst geführt zur Grenze ihres heiLes.

mischen Gebiets und erkennt die Berge wieder,

wieder ihrer Sprache Laut,

ihre Fluren, ihre Täler, ihre Städte

und ihr Dorf und ihr Haus, ihr liebes Häuslein.

Aber sieh, was soll das sein?

Ganz mit grünem Laub bekränzt

und umwunden ist die Schwelle,

wie's der Brauch zur Hochzeit ist.

Und sie tritt hinein, da sitzt ihre Freundin Margarete,

in dem Brautstaat sitzt sie da, schön und blühend.

Sie erkennt nicht, die da kommt Abgehärmt

und im Türkenkleid, ganz zerrissen.

Diese aber setzt sich stolz

Auf den Herd des Hauses: also

Ist es ja der Hausfrau Recht.

Sonderbar erscheint's der andern:

„Fort! Wer bist du? Sag, was willst du?

Fort, sonst kommt mein Mann zurück

Und verscheucht dich, freche Bettlerin!”

„Wie, dein Mann? Wo ist er denn?”

„Heute hielt ich mit ihm Hochzeit.

Fortgegangen ist er eben,

Um die Gäste heimzuführen mit Musik.”

Doch jene spricht:

„Kennst du mich denn nicht!

Ich bin Hier des Hauses wahre Herrin,

Fälschlich tot gewähnt von euch,

Die nun wieder ihre Rechte

Nehmen wird; drum weiche du!”

Aber jene fleht und bittet:

„Liebe Freundin, stoss mich nicht

In die Schmach hinaus!”

Ο nimm du,

Nimm du hin mein ganzes Gut,

Meinen Brautschatz, meinen reichen;

Aber lass mich, lass mich hier

Bei dem Mann, den ich von jeher

Hab geliebt, und der mich auch

Liebt, wie er dich niemals liebte.

Wenn du ihn in Wahrheit liebst,

Scheuch uns beide nicht von hinnen;

„Denn ich weiss, er ginge lieber

Fort mit mir in Elend, Armut,

Als dass er bei dir da bliebe”

Unnennbare Trauer fasste da die Frau.

Doch sieh, hier

kommt schon der

Gatte in die Stube

„Weib, du bist es?” ruft er laut.

Er vergisst der Braut von heute

Und umarmt das treue Weib,

Weinend vor zu grosser Freude.

Und sie weint, sie weint mit ihm.

Und er fragt, und sie erzählt alles, was mit ihr geschehn;

von dem alten Muselmann,

von den Knaben, die sie leider in der Fremde lassen muste.

Und erzählt, erzählt noch im mer,

und der Gatte forscht und fragt.

Aber beide sehen nicht, dass die Braut,

die längst vergessene, taumelnd aus der Kammer wankt.

Und als sie sich endlich sammeln

Und bedenken, was zu tun sei

Und nach der Vergessnen suchen,

Ist sie längst, schon längst von dannen.

Niemand, niemand weiss wohin.

Tat sie sich ein Leides an?

Niemand, niemand kann es sagen.

Alles Suchen ist vergebens.

Und so leben nun die beiden

Wieder mit einander still

Jahr um Jahr und merken nicht,

Dass die Zeit entschwindet, freuen

Sich der Gegenwart und denken

Sinnend der entschwundnen Stunden.

Sieh, da treten eines Tages

Zwei bewaffnete, geschmückte,

Reichgekleidete Gesellen

In die Türe und sie reichen

Einen Brief dem. Manne hin.

In dem Briefe steht geschrieben:

„Margarete, deine Freundin,

schickt dir aus dem Heidenlande deine Söhne hier zurück.

Damals an dem Hochzeitstage schwur ich mir's,

sie aufzusuchen, denn aus deiner Gattin Worten

wurden mir die Wege klar.

Und ich zog hin zu den Türken und ich kam zu jenem Schloss,

wo der alte Muselmann mit den beiden Knaben hauste.

Und ich bot mich ihm zur Magd.

Und ich zog die Kinder auf, deine lieben süssen Kinder.

Konnt' ich dich nicht selber haben, hatt' ich deine Kinder doch.

Und so hab' ich mich geteilt mit der

Freundin in die Liebe zum Geliebten.

Jahr um Jahr lebt ich glücklich so mit ihnen

und vertraut dem guten Greis. Und ich kündete ihm alles,

und ich kündete den Söhnen alles, was ich von dir wusste,

was ich von der Mutter wusste. Gestern starb der alte Türke.

Mich liess er zurück als Erbin.

Deine beiden Söhne aber sendet er euch nun zurück.

Denn so lang er lebte, konnte er sich nicht von ihnen trennen;

allzusehr liebt' er sie ja.

Lebet wohl, lebt alle glücklich!

Sorget euch um mich nicht weiter, denn im Glücke leb' ich auch,

ferne wohl von meiner Heimat, ferne wohl von meinem Liebsten,

doch nicht fern von Landesleuten.

Die Gefangenen tröst ich hier und sie endlich loszukaufen

und nach Haus zu senden such' ich. Bei mir auch ist euer Pfarrer,

denn die Tartar'n haben ihn so verstümmelt,

dass er nicht in die Heimat kehren mag.

Hier will er sein Leben schliessen,

will auch ich mein Leben schliessen,

wie ich diesen Brief beschliesse.”

Und ich schliesse die Geschichte.

Nun wird aber mancher fragen,

Ob nicht jene böse Sieben,

Die zu ihres Gatten Frommen

Einst der Tartar mitgenommen,

Nicht auch sei zurückgekommen.

Davon hab ich nichts vernommen.