Rolfs Fahne

M. von Sabinin

Der Fürst an Nordlands Küsten,

Held Rolf trat in's Gemach,

Wo ihn drei Töchter grüßten

Und er zu ihnen sprach:

"Ihr Töchter, meine Wonne,

Schafft schleunig ein Panier;

Des Adlers Flug zur Sonne

Webt in die Seide mir."

Da sang die Jüngste heiter:

"Ich webe für Dich gern;

Du, siegbeglückter Streiter,

Bleib' mir nicht lange fern."

Da rief die Zweite munter:

"Ich webe Dir auch gern;

Treu wirbt um mich Hargunder

Im Kampf für Dich, den Herrn."

Da sprach die Ält'ste traurig:

"Ich webe -- doch nicht gern;

Dein Feind ist mein Baldaurig,

Ach -- untergeht mein Stern."

Die Fahne war gewoben:

Des Adlers Sonnenflug

Rauscht' in des Kampfes Toben

Voraus dem Siegeszug.

Rolf kehrte heim zum Schlosse,

Begrüßt vom jüngsten Kind;

Hargunder sprang vom Rosse

Zur Zweiten blitzgeschwind.

Sie, nun von ihm errungen

Durch Thaten wundersam,

Hielt seinen Hals umschlungen

In bräutlichholder Scham.

Doch ach! die Ält'ste netzte

Mit ihrer Thränen Fluth

Das Banner, das zerfetzte

Roth von Baldaurigs Blut.

So weihte sie die Seide

Und rief ihn tausendfach,

Bis ihr vom tiefsten Leide

Das Herz im Tode brach.