Dornröschen

M. Zenger

Wo drüben der Waldbach, der rauschende geht,

Ohne Rast sich und Ruhe das Mühlrad dreht,

Wo die Schwalben ihr Nest an die Mauer gebaut,

Neugierig der Epheu in's Fensterchen schaut,

Da waltet mit heiter geschästigem Sinn

Dornröschen die liebliche Müllerin.

Stramm klappern die Werke, wild schultert der Steg,

Der Wandrer weilt lauschenden Blickes am Weg --

Jetzt zeigt sich die Holde -- ha! flüchtiges Glück!

Schon eilt sie behend in die Mühle zurück;

Denn Einer, ach Einer nur liegt ja im Sinn

Dornröschen der lieblichen Müllerin.

Spät Abends, wenn Alles entschlummert im Herrn,

Da lacht ihr das Leben, da leuchtet ihr Stern;

Wie unter der Weiden dichtlaubigem Dach

Sich küssen die Lippen der Wellen im Bach,

So gibt auch, so nimmt auch die Küsse dahin

Dornröschen die liebliche Müllerin.