Kaiser Karl im Untersberg

M. Zenger

Im dunklen Bergesschooße

Schläft wohl an tausend Jahr'

Schon Kaiser Karl der Große

Mit seiner Heldenschar.

Er sitzt auf einem Throne

Wie tief in sich gekehrt,

Auf seinem Haupt die Krone

Und auf den Knien sein Schwert.

Den Heldenleib umschließt ihm

Ein Panzer guter Art,

Und bis zur Erde fließt ihm

Wie rotes Gold sein Bart.

Die Bergkobolde schaffen

Und schmieden wohlbedacht

Viel seltenes Gewaffen

Zur großen Völkerschlacht.

Sie festen drein Karfunkel

Und Gold und Edelstein;

Das wirft im Bergesdunkel

Gar wunderbaren Schein.

Der älteste der Zwerge

Der prüft genau und mißt,

Wie lang dem Kaiser im Berge

Der Bart gewachsen ist.

Und horch! ein dumpfes Rollen

Dröhnt fernher durch den Schacht,

Wie starkes Wettergrollen

In dunkler Frühlingsnacht.

Da fährt empor vom Traume

Der kaiserliche Held

Und ruft: "Schon rauscht's im Baume

Dort auf dem Walserfeld;

"Die jungen Säfte steigen

Im dürren Stamm empor,

Bald bricht aus allen Zweigen

Der Blütenschmuck hervor.

"Ich höre fern Getöse,

Schlachtruf und Roßgestampf;

Es naht für Deutschlands Größe

Der letzte Völkerkampf.

"Drum will ich euch erwecken,

Ihr Schläfer in der Nacht:

Ihr Paladin' und Recken,

Der Kaiser ruft, erwacht!

"Nun ist es Zeit zu reiten,

Die Waffen in der Hand,

Die Freiheit zu erstreiten

Dem deutschen Volk und Land."