Morgenlied eines Armen
Maria Theresia von Paradis
Weckst du mich zum neuen Jammer,
Tag? den meine Sehnsucht rief,
als in meiner kleinen Kammer
Weib und Säugling ruhig schlief?
Trefft nur
Mich
, ihr neuen Sorgen!
Schont noch meines
Weibes
Herz,
Wek sie spät, qualvoller Morgen,
ach! ihr letzter Blick war Schmerz!
Ruh nur sanft! die Qual des Lebens,
Säugling! trift dich nie zu spät!
Du wirsts fühlen, wie vergebens
meine Wehmut für dich fleht.
Bald
fällt deine nackten Glieder
jedes Wetter grausam an!
bald quält dich der Hunger wieder,
den mein Weib nicht stillen kan!
Schlummre, Freundin meiner Jugend,
fühl die Noth nicht, die mich schrekt;
sie ist da, weil Fleis und Tugend
uns nicht mehr, wie vormals, dekt! --
Ich kan Kind und Weib nicht retten!
"Gott der Gnaden, das kanst du.
"mach sie glücklich; und zieh Ketten,
"die
Mich
drücken, vester zu!
"Ich will still auf rauhen Wegen
"des gewohnten Jammers gehn,
"und auch heut um Brod und Segen
"für mein Kind und Weib dir flehn."--
Sie erwachen! -- O dein Scherzen,
Säugling! wie durchdringt es mich! --
Diese allertiefsten Schmerzen
warlich, Herr, sie jammern dich.