Die vier Weltalter

Max Bruch

Wohl perlet im Glase der purpurne Wein,

Wohl glänzen die Augen der Gäste,

Es zeigt sich der Sänger, er tritt herein,

Zu dem Guten bringt er das Beste,

Denn ohne die Leier im himmlischen Saal

Ist die Freude gemein auch beim Nektarmahl.

Ihm gaben die Götter das reine Gemüth,

Wo die Welt sich, die ewige, spiegelt,

Er hat alles gesehn, was auf Erden geschieht,

Und was uns die Zukunft versiegelt,

Er saß in der Götter urältestem Rath,

Und behorchte der Dinge geheimste Saat.

Er breitet es lustig und glänzend aus

Das zusammengefaltete Leben,

Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,

Ihm hat es die Muse gegeben,

Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,

Er führt einen Himmel voll Götter hinein.

Und wie der erfindende Sohn des Zeus

Auf des Schildes einfachem Runde

Die Erde, das Meer und den Sternenkreis

Gebildet mit göttlicher Kunde,

So drückt er ein Bild des unendlichen All

In des Augenblicks flüchtig verrauschenden Schall.

Er kommt aus dem kindlichen Alter der Welt,

Wo die Völker sich jugendlich freuten,

Er hat sich, ein fröhlicher Wandrer, gesellt

Zu allen Geschlechtern und Zeiten.

Vier

Menschenalter hat er gesehn,

Und läßt sie am

Fünften

vorübergehn.

Erst regierte Saturnus schlicht und gerecht,

Da war es Heute wie Morgen,

Da lebten die Hirten, ein harmlos Geschlecht,

Und brauchten für gar nichts zu sorgen,

Sie liebten und thaten weiter nichts mehr,

Die Erde gab alles freiwillig her.

Drauf kam die Arbeit, der Kampf begann

Mit Ungeheuern und Drachen,

Und die Helden fingen, die Herrscher, an,

Und den Mächtigen suchten die Schwachen,

Und der Streit zog in des Skamanders Feld,

Doch die Schönheit war immer der Gott der Welt.

Aus dem Kampf gieng endlich der Sieg hervor,

Und der Kraft entblühte die Milde,

Da sangen die Musen im himmlischen Chor,

Da erhuben sich Göttergebilde!

Das Alter der göttlichen Phantasie,

Es ist verschwunden, es kehret nie.

Die Götter sanken vom Himmelsthron,

Es stürzten die herrlichen Säulen,

Und geboren wurde der Jungfrau Sohn,

Die Gebrechen der Erde zu heilen,

Verbannt ward der Sinne flüchtige Lust,

Und der Mensch griff

denkend

in seine Brust.

Und der eitle, der üppige Reiz entwich,

Der die frohe Jugendwelt zierte,

Der Mönch und die Nonne zergeisselten sich,

Und der eiserne Ritter turnierte.

Doch war das Leben auch finster und wild,

So blieb doch die Liebe lieblich und mild.

Und einen heiligen keuschen Altar

Bewahrten sich stille die Musen,

Es lebte, was edel und sittlich war,

In der Frauen züchtigem Busen,

Die Flamme des Liedes entbrannte neu

An der schönen Minne und Liebestreu.

Drum soll auch ein ewiges zartes Band

Die Frauen, die Sänger umflechten,

Sie wirken und weben Hand in Hand

Den Gürtel des Schönen und Rechten.

Gesang und Liebe in schönem Verein

Sie erhalten dem Leben den Jugendschein.