Der welke Kranz

Max Zenger

Auf der Haide ist ein Platz

Wo im Mai mein schöner Schatz

Einmal bei mir saß.

Hinterm Busch die Amsel rief,

Wilde Rosen hiengen tief

In's bethaute Gras.

Leise sprach er, und ich wand

Einen Kranz mit scheuer Hand,

Blickte bang zuthal.

Aber näher neigt' er sich,

Hob mein Haupt und küßte mich,

Ach, zum ersten Mal!

O wie war der Tag so licht!

Und ich, Arme, wehrt' ihm nicht,

Ließ es still geschehn.

Doch den Kranz in trunk'nem Traum

Hängt' ich in den Fliederbaum,

Der uns zugesehn.

Erste Lieb, du gehst vorbei,

Schneller als ein Sturm im Mai,

Bleibst kein treuer Gast:

Ach, mein Schatz ist lange fort,

Und mein Kränzlein hängt verdorrt

An dem grünen Ast.