Das Glück der Unschuld
Mel. von Reinhardt
Eins nur, Brüder, Seelengröße
Gibt euch hohen Werth und Ruh'!
Keine Schminke deckt die Blöße
Misgeschaffner Seelen zu.
Leichtsinn ist die erste Quelle
Jedes Unglücks, das uns droht;
Unschuld bietet auf der Stelle
Engelarm in aller Noth!
Ja, der erste Schritt ist alles!
O! ist dieser fehlgethan,
Dann so nimmt des nahen Falles
Sich dein Schutzgeist nicht mehr an!
Drum beleuchte deine Wege
Dir mit Vorsicht und Verstand!
Sieh! der Tugend sanft Gepräge
Wird mit einem Blick erkannt.
Tugend ist kein leere Name,
Kein erträumtes Hirngespinnst!
In ihr liegt versteckt der Saame
Zu dem reichlichsten Gewinnst,
Zu der Seelenruh hienieden,
Zu den Freuden jener Welt,
Zu dem ungestörbten Frieden,
Der im Sturm das Steuer hält.
Sie begleite dich auf Erden
Durch den Schmeichler feile Brut,
Durch des Dornenpfads Beschwerden,
Durch der Freuden Ebb' und Fluth!
Wäge dir auf ihrer Wage
Jede That im Stillen ab.
Lebe dem des Lebens Tage,
Der Gefühl für's Edle gab!
O Bewußtseyn eigner Würde --
Welch ein göttliches Gefühl!
Unsers Lebens schwerste Bürde
Macht es leicht wie Tanz und Spiel,
Und gesellt uns zu den Schatten
Unsrer Lieben ohne Schmerz:
Denn von allem was wir hatten,
Folgt uns nur ein redlich Herz.