Die junge Tarenterin
Michel Bosc
Weint, sanftmütige Halkyone, ach ihr, heilige Vögel,
die ihr Thetis teuer seid, sanftmütige Halkyone, weint!
Sie war unter uns, Myrto, die junge Tarenterin.
Ein Schiff trug sie an die Gestade von Camarine,
wo sie Hymenaios, der Hochzeitsgott, mit Gesang und Flötenspiel
langsam zur Schwelle ihres Geliebten geleiten sollte.
Ein wachsamer Schlüssel hielt für diesen Tag
das Brautkleid in der Zedernholztruhe verschlossen,
auch das Gold, das beim Festmahl ihre Arme schmücken sollte
und wohlbereitete Düfte für ihr goldenes Haar.
Aber als sie allein am Bug steht und die Sterne anruft,
packt sie der ungestüme Wind am Gewande;
sie ist überrascht, kein Matrose in ihrer Nähe.
Sie schreit auf, fällt und stürzt in die Fluten.
Sie treibt in den Fluten, die junge Tarenterin;
ihr schöner Leib dreht sich unter den Meereswogen;
weinend verbarg sie die sorgende Thetis
vor gierigen Ungeheuern in einer Felsenkluft.
Auf ihr Geheiß heben die schönen Nereiden
sie alsbald aus ihrem nassen Grabe,
tragen sie ans Ufer und haben sie in diesem Tempel
am Kap Zephir behutsam abgelegt;
Darauf riefen sie mit lauter Stimme ihre Gefährtinnen heran,
auch die Nymphen aus den Wäldern, Quellen und Gebirgen;
vereint umschritten sie in langem Trauerzug den Sarg,
schlugen sich an die Brust und wiederholten im Chore:
" Ach! Bei deinem Geliebten hast du dich nicht eingefunden,
als Braut dich nicht mehr gewandet,
das Gold hat deine Arme nicht umschlungen
und Wohlgerüche dein Haar nicht mehr benetzt."
Weint, sanftmütige Halkyone, ach ihr, heilige Vögel,
die ihr Thetis teuer seid, sanftmütige Halkyone, weint!