Chovantsjina
Mussorgsky, Modest
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Chovantsjina Libretto
Deutsch Übersetzung
Personen:
FÜRST IWAN CHOWANSKIJ, Führer der Strelitzen (Bass)
FÜRST ANDREJ CHOWANSKIJ, sein Sohn (Tenor)
FÜRST WASSILIJ GOLITZYN (Tenor)
SCHAKLOWITIJ, ein Bojar (Bariton)
DOSSIFEJ, Haupt der Raskolniki (Bass)
MARFA (Alt)
SUSANNA (Sopran)
EIN SCHREIBER (Tenor)
EMMA (Sopran)
PASTOR (Bass)
WARSSONOWJEW, Vertrauter des Fürsten Golitzyn (Bass)
KUSKA, ein Strelitze (Tenor)
STRESCHNJEW, ein Bojar (Tenor)
ERSTER STRELITZE (Bass)
ZWEITER STRELITZE (Bass
CHORMoskauer Volk; Strelitzen; Raskolniki, Petrowzen
BALLETTPersische Sklavinnen
SYSTEMERSTER AKT
BALLETTMoskau. Der Rote Platz. An einer Steinsäule hängen Kupfertafeln mit Aufschriften. Rechts das Häuschen des Schreibers. Schräg über den Platz sind Absperrketten gespannt. Es dämmert. An einer Säule lehnt Kuska, ein wachhabender Strelitze. Die Szene liegt im morgendlichen Dämmerlicht. In der aufgehenden Sonne leuchten die Kirchenkuppeln, während es zum Frühgottesdienst läutet. Allmählich erstrahlt die ganze Szene in der aufgehenden Sonne.
BALLETTIn der Ferne ertönen Signaltrompeten der Strelitzen aus dem Kreml
KUSKAim Halbschlaf
KUSKAIch ziehe ... nach Iwangorod ...
KUSKAIch schlage... die steinernen Mauern ... ein ...
KUSKAIch führe ... eine schöne Jungfrau ... heraus ...
Eine Strelitzenpatrouille kommt und nimmt die Ketten ab
ZWEITER STRELITZESieh da, er pennt!
ERSTER STRELITZEAch, lass ihn, Bruder Antipytsch.
ERSTER STRELITZEGestern haben wir uns ganz schön abgeplagt.
ERSTER STRELITZEDiesem Obersekretär Lariwon lwanow
ERSTER STRELITZEwurde doch die Brust mit einem spitzen Stein
ERSTER STRELITZEin zwei Teile geteilt.
ZWEITER STRELITZEUnd den Deutschen, Gaden, haben wir an der Erlöserkirche gefangen,
ZWEITER STRELITZEzum Platz haben wir ihn hergeschleppt
ZWEITER STRELITZEund ihn Glied für Glied auseinandergenommen.
Trompeten hinter der Szene
ERSTER STRELITZEDa brüllen sie wieder!
KUSKAim Halbschlaf
KUSKAAch, hindre mich nicht ... Wind,
KUSKAach, zieh mir nicht ... die Füsse ... weg ...
ZWEITER STRELITZEIm Namen Gottes beschützen sie unablässig
ZWEITER STRELITZELeben und Gesundheit der jungen Zaren ...
ERSTER STRELITZE.. vor bösen Feinden, hochmütigen Bojaren,
ERSTER STRELITZEvor Wucherern und Kronräubern.
Trompeten hinter der Szene
ZWEITER STRELITZEDer grossfürstliche Hof ist erwacht.
KUSKAspringt auf
KUSKAWo sind die Räuber? Ich werd's ihnen geben!
BEIDE STRELITZENHe, Kuska, ein schöner Wächter bist du! Das hat man gern!
KUSKAWas wollt ihr, Teufel?
ERSTER STRELITZEAch, du Strelitze, das fängt ja schlecht an.
ZWEITER STRELITZEDer Wojewode hat sich zu einem Ungeheuer aufgetürmt.
KUSKAmacht sie nach
KUSKA»Ach, du Strelitze, das fängt ja schlecht an ... «
BEIDE STRELITZENHa, ha, ha! ...
KUSKA»Ha, ha, ha!«
KUSKANun, welcher Teufel bringt euch zur Nachtzeit her?
BEIDE STRELITZENWas heisst hier zur Nachtzeit?
BEIDE STRELITZENWir waren bereits im Frühgottesdienst.
Der Schreiber tritt auf, er spitzt die Feder
BEIDE STRELITZENSieh dort: Der Bittbrief-Schreiberling.
ERSTER STRELITZEEr wetzt die Feder.
KUSKADas Tintenfass, o Gott!
ZWEITER STRELITZEDa fängt er an zu kritzeln.
ZWEITER STRELITZESie nähern sich dem Schreiber
BEIDE STRELITZENEuer Schreibwürden ...
BEIDE STRELITZENSie verbeugen sich
KUSKALieber an dieser Säule, zu Diensten!
KUSKAHa, ha, ha ...
BEIDE STRELITZENHa, ha, ha ...
Sie gehen ab zum Kreml. Der Schreiber setzt sich in sein Häuschen
SCHREIBERSodom und Gomorrha! Zeiten sind das! ...
SCHREIBEREr reibt sich die Hände
SCHREIBERSchwere Zeiten ...
SCHREIBERAber wir machen doch Gewinn ... Jawohl!
SCHREIBERSchaklowity kommt
SCHAKLOWITYHe ... He du, Schreiberling!
SCHAKLOWITYDurch mich sandte Gott dir Gnade!
SCHREIBERWir danken, guter Mann.
SCHREIBERAber ich bin ein sündiger, unwürdiger Knecht Gottes,
SCHREIBERnicht würdig zu schauen ...
SCHAKLOWITYNun gut ... Darum geht es nicht.
SCHAKLOWITYVersteh schon: Ich bringe dir einen wichtigen Auftrag.
SCHREIBERAch was! Schmieren wir! Es geht gleich los!
SCHREIBERDer Reihe nach, wie es sich gehört, schmieren wir die Beschuldigung flink dahin.
SCHAKLOWITYWenn du die Folter ertragen kannst,
SCHAKLOWITYwenn Wippe und Folterkammer dich nicht schrecken,
SCHAKLOWITYwenn du dich von deiner Familie lossagen
SCHAKLOWITYund alles vergessen kannst, was dir teuer ist ... also, schmier los!
SCHREIBERMein Gott!
SCHAKLOWITYAber wenn du mich jemals verrätst,
SCHAKLOWITYdann bewahre dich der Herr, wenn du mich triffst!
SCHAKLOWITYMerk dir das!
SCHREIBERAlso weisst du: Geh weiter, guter Mensch,
SCHREIBERdu hast mir zu viel versprochen, mein lieber Freund.
SCHAKLOWITYSchmier los, schnell!
SCHREIBERSieh mal einer an! Dass dich der Henker hole! Schiff ab!
SCHAKLOWITYlegt eine Geldbörse aufden Ladentisch
SCHAKLOWITYSchmier los!
SCHREIBERgreift nach der Börse und reibt sich die Hände
SCHREIBERAha! Nun rede. Bei uns, Bruder,
SCHREIBERhackt keine Krähe der anderen ein Auge aus. Fang schon an!
SCHAKLOWITY»Den Zaren, Herren und Grossfürsten,
SCHAKLOWITYden Herrschern von ganz Gross-, Weiss- und Kleinrussland ... «
SCHAKLOWITYDer Schreiber schreibt
SCHAKLOWITYHast du's hingeschmiert?
SCHREIBERKeine Bedenken, rede nur weiter.
SCHAKLOWITYgeben die Moskauer Strelitzen über die Chowanskys folgendes bekannt:
SCHAKLOWITYDer Schreiber hört
SCHAKLOWITYDer Bojar Fürst Iwan und sein Sohn Fürst Andrej
SCHAKLOWITYplanen einen Aufstand im Reich.«
SCHREIBERschreibend
SCHREIBERDann gesegnete Mahlzeit!
SCHREIBERDer spinnt wohl!
SCHAKLOWITYLies mal vor!
MOSKOWITERhinter der Bühne
MOSKOWITEREs lebte einmal eine Gevatterin;
MOSKOWITERdie Gevatterin sah den Gevatter,
MOSKOWITERaber die Gevatterin erkannte den Gevatter nicht.
MOSKOWITERNun sitzt die Gevatterin und wartet die Gevatterin.
MOSKOWITERDer Gevatterin verspricht der Gevatter Geld.
MOSKOWITERDer Gevatterin gibt der Gevatter einen Rubel.
MOSKOWITERDie Gevatterin steckt das Geld ins Mieder.
SCHREIBERliest
SCHREIBER»Den Zaren, Herren und Grossfürsten,
SCHREIBERden Herrschern von ganz Gross-, Klein- und Weissrussland,
SCHREIBERgeben die Moskauer Strelitzen über die Chowanskys
SCHREIBERfolgendes bekannt: Der Bojar Fürst lwan und sein Sohn
SCHREIBERFürst Andrej planen einen Aufstand im Reich.«
SCHAKLOWITYStimmt! Schmier weiter!
SCHAKLOWITY»Sie haben ihre Brüder zur Hilfe gerufen; als ob sie ihnen
SCHAKLOWITYdas Zarenreich überlassen wollten.
SCHAKLOWITYDeshalb heimlich in grosser Versammlung in die Stadt
SCHAKLOWITYzu kommen, das Volk aufzuwiegeln,
SCHAKLOWITYdamit es viele Bojaren erschlage.«
SCHAKLOWITYDer Schreiber schreibt
SCHAKLOWITY»Und dort, im ganzen grossen Reich
SCHAKLOWITYin Dörfern, Siedlungen und Vorstädten,
SCHAKLOWITYwollen sie gegen die Wojewoden und gegen die Obrigkeit
SCHAKLOWITYdie ehrlichen Fronbauern aufwiegeln.
SCHAKLOWITYUnd es wird Aufruhr in Russland herrschen.
SCHAKLOWITYDieses Mal sollen die künftigen Herrscher gewählt werden,
SCHAKLOWITYdie die alten Bücher lieben,
SCHAKLOWITYund auf den Moskauer Zarenthron
SCHAKLOWITYsoll Andrej Chowansky gesetzt werden.«
SCHREIBERschreit auf
SCHREIBERAch! Das ist das Ende!
STRELITZENhinter der Bühne
STRELITZENHeissa, hurtig!
SCHREIBERKeine Schonung wird es geben!
SCHREIBERDer Fürst wird alles erfahren,
SCHREIBERer wird mir nicht verzeihen!
SCHREIBERMein Gott!
STRELITZENHe, Leute!
SCHREIBERMit grausamer Folter und Peitsche
SCHREIBERwird er mich zu Tode quälen ...
STRELITZENHe ihr, Kriegsvolk,
STRELITZENkühne Strelitzen ihr,
STRELITZENheda, seid lustig, macht euch ein fröhliches Leben.
SCHAKLOWITYaufgeregt
SCHAKLOWITYDie Strelitzen! Hörst du? Die Strelitzen!
SCHAKLOWITYEr hüllt sich in seinen Mantel und geht zur Säule
SCHREIBERhorcht auf
SCHREIBEROh, Mütterchen, schlimm ist das!
SCHREIBERversteckt hastig den Brief
STRELITZENKein Gesetz
STRELITZENund kein Verbot gibt es!
STRELITZENHe, seid lustig, macht euch ein fröhliches Leben.
STRELITZENHe, erstickt
STRELITZENund vernichtet kühn den feindlichen Aufruhr.
SCHAKLOWITYnähert sich dem Häuschen des Schreibers; hastig
SCHAKLOWITYSie gehen weg ... Hörst du, Schreiberling!
SCHAKLOWITYHorch also auf.
SCHREIBERnoch ganz erschrocken
SCHREIBERSchweig doch. Schweige!
SCHREIBEREr horcht. Schaklowity überdenkt die Denunziation. Der Schreiber beruhigt sich, langt nach dem Brief und korrigiert etwas
SCHREIBERRuhm sei dir, o Herr ...
SCHREIBERDie Verfluchten sind vorübergezogen.
SCHREIBERWie ich sie hasse,
SCHREIBERkann ich gar nicht sagen.
SCHREIBERDas sind keine Menschen: Bestien sind es, wilde Bestien!
SCHREIBERWo sie auch gehen, fliesst Blut,
SCHREIBERwen sie greifen - Kopf ab.
SCHREIBERUnd in den Häusern Trauer und Wehklagen.
SCHREIBERUnd alles das soll für die Ordnung nötig sein?
SCHAKLOWITYHöre,
SCHAKLOWITYschreib schnell weiter
SCHAKLOWITY»Wir leben jetzt noch im Verborgenen;
SCHAKLOWITYaber wenn Gott die Ruhe wiederherstellt
SCHAKLOWITYund alles wieder sicher ist,
SCHAKLOWITYdann werden wir uns zu erkennen geben.«
SCHAKLOWITYDer Schreiber schreibt
SCHREIBER»Im Verborgenen...
SCHREIBERwerden wir uns zu erkennen geben.«
SCHREIBERFertig.
SCHAKLOWITY»Zu Händen der Zarewna.«
SCHREIBERschreibt
SCHREIBER»Zu Händen der Zarewna.«
nimmt den Brief
SCHAKLOWITYDer Herr bewahre dich.
SCHAKLOWITYGib acht und vergiss nicht!
SCHREIBERWarum jagst du mir so einen Schrecken ein,
SCHREIBERbei Gott, was soll das!
SCHREIBERWas für ein Vogel bist du bloss,
SCHREIBERkommst mal eben daher und blähst dich auf!
SCHREIBERMit vollem Geldbeutel
SCHREIBERist es ein wahres Vergnügen, anderen Furcht einzujagen.
SCHAKLOWITYNicht doch! Versuche nicht zu erfahren,
SCHAKLOWITYmit wem du es zu tun hast.
SCHAKLOWITYZwing mich nicht zu sagen,
SCHAKLOWITYwer ich bin.
SCHAKLOWITYVerflucht mein Leben lang,
SCHAKLOWITYbin ich des Teufels Sachwalter;
SCHAKLOWITYjetzt und in alle Ewigkeit,
SCHAKLOWITYlebe wohl!
Er geht fort
SCHREIBERsieht dem fortgehenden Schaklowity nach
SCHREIBERGute Reise, leb wohl!
SCHREIBERWirklich ein sonderbarer Kerl!
SCHREIBERDie Ehre eines Schreibers kommt ihm nicht in den Sinn.
SCHREIBERMächtig schien er,
SCHREIBERberühmt und reich,
SCHREIBERUnd seine Nase trägt er, weiss Gott, hoch.
SCHREIBERDoch wenn du genau hinsiehst,
SCHREIBERmag er auch mächtig und berühmt sein,
SCHREIBERso ist er dümmer als unser erbärmliches Kalb.
SCHREIBERIch aber, ein armer Hund zwar,
SCHREIBERbin noch ein wenig schlauer:
SCHREIBERich habe die Handschrift des toten Ananjew nachgeahmt,
SCHREIBERdenn die Toten haben keine Schande zu fürchten.
SCHREIBERHa, ha!
nimmt die Geldbörse vom Ladentisch
SCHREIBERAber jetzt die Geldbörse,
Er öffnet sie
SCHREIBERmal sehen, was drin ist.
SCHREIBEREr zählt das Geld
MOSKOWITERhinter der Bühne
MOSKOWITEREs war einmal eine Gevatterin,
MOSKOWITERvon der ging der Ruf,
MOSKOWITERdass sie eine Zimperliese und ein bisschen hässlich sei.
MOSKOWITERDa erfuhr der Gevatter, da verstand der Gevatter,
MOSKOWITERwie er sich der Gevatterin nähern könnte,
MOSKOWITERwie er die Gevatterin ärgern könnte.
Das Volk tritt auf. Der Schreiber verbirgt die Geldbörse
MOSKOWITERUnd der Gevatter kam und fand ...
MOSKOWITERSie bemerken die Säule. Der Schreiber zählt heimlich sein Geld unter dem Ladentisch und sieht ängstlich auf die Ankömmlinge. Diese betrachten die Säule, gehen um sie herum, betasten sie verständnislos und schweigen
MOSKOWITERWas ist in Moskau nur passiert?
MOSKOWITERSeht doch, Brüder, eine Säule haben sie aufgerichtet!
MOSKOWITERWas für ein Pilz ist hier über Nacht gewachsen!
MOSKOWITERBleibt stehen, Brüder,
MOSKOWITERseht, das ist ein Wunder, wirklich:
MOSKOWITEReine Säule mit einer Aufschrift.
MOSKOWITERWas meint ihr?
MOSKOWITERWas kann das sein?
MOSKOWITERRichtig, mit einer Aufschrift!
MOSKOWITERBrüder, bleibt stehen, eine Aufschrift!
MOSKOWITERWie schön wär' es zu erfahren,
MOSKOWITERwas hier geschrieben steht.
MOSKOWITERWer könnte uns sagen, was hier geschrieben steht?
MOSKOWITERWer, Leute, wer kann schreiben und lesen?
MOSKOWITERWie ärgerlich, Burschen!
MOSKOWITERWir können nicht schreiben und lesen.
MOSKOWITERWer könnte uns vorlesen, was hier geschrieben steht?
MOSKOWITERAber Schriftkundige gibt's hier nicht
MOSKOWITERGibt's hier überhaupt nicht.
MOSKOWITERSie denken nach und schauen um sich
MOSKOWITERWir Dummköpfe, allesamt!
MOSKOWITERDer Schreiberling da, wozu dient er?
MOSKOWITERHaltet ein, ihr Teufel, er ist ein Staatsbeamter.
MOSKOWITEREr arbeitet für die Herrschenden, Leute!
MOSKOWITERWas denn, was soll das heissen?
MOSKOWITERNun, das kann irgendwie gefährlich sein.
MOSKOWITERWas heisst hier gefährlich?
MOSKOWITERWir machen es mit Hochachtung und Verehrung,
MOSKOWITERdoch wie das Gesetz es verlangt.
MOSKOWITERUnd nun mit Ehrerbietung und wohlgesittet
MOSKOWITERan ihn heran, Leute!
MOSKOWITERzum Schreiber
MOSKOWITERGuter Mensch,
MOSKOWITERsage uns, Bester,
MOSKOWITERwas hier geschrieben steht!
SCHREIBERIch?
MOSKOWITERWas steht denn hier geschrieben?
SCHREIBERIch bin nicht von hier,
SCHREIBERich weiss von nichts.
MOSKOWITERKeine Angst,
MOSKOWITERwir sind nur einfache Leute.
SCHREIBERWas? Wer arm wir eine Kirchenmaus ist,
SCHREIBERbraucht keinen Schreiber.
MOSKOWITERLeute, er will ein Geschenk.
MOSKOWITERDoch bei uns ist nichts zu holen,
MOSKOWITERer wird nicht reich, der Teufel.
MOSKOWITERImmerhin aber, Leute, sollten wir wissen,
MOSKOWITERwas die Aufschrift auf der Säule sagt.
MOSKOWITERLos, Brüder, wir heben ihn hoch!
MOSKOWITERAlle zusammen! Wen?
MOSKOWITERDen Schreiber mit seinem Häuschen heben wir hoch
MOSKOWITERzu der Säule, damit er uns die Aufschrift liest!
MOSKOWITERSie heben das Häuschen mit dem darin sitzenden Schreiber hoch und tragen es zur Säule
MOSKOWITEREs war einmal ein Schreiber, der lebte siebzig Jahr'.
SCHREIBERlehnt sich entsetzt aus dem Häuschen und fuchtelt mit den Armen
SCHREIBERAch! Ach! Rechtgläubige!
SCHREIBERschreit
SCHREIBERSie erwürgen mich, sie reissen mich in Stücke! Hilfe!
MOSKOWITERDer Schreiber hat zweihundert Sünden auf sich geladen.
MOSKOWITERSeine Hütte hat er am Rande des Dorfes hingesetzt.
MOSKOWITERViel Böses bewahrt er in der Hütte auf.
MOSKOWITERDie Hütte wurde ihm weggetragen,
MOSKOWITERman verbeugte sich vor dem Schreiber bis zur Erde.
MOSKOWITERSie stellen das Häuschen an der Säule nieder und verbeugen sich vor dem Schreiber
MOSKOWITERMach uns das Vergnügen, hab Mitleid mit uns:
MOSKOWITERLehre uns, mit Verlaub, was wir nicht wissen.
MOSKOWITERAbgelehnt hat der Schreiber. Ein Geschenk wollte er.
MOSKOWITERDa machten sich die Burschen an die Hütte,
MOSKOWITERund begannen an dem Bretterdach zu ziehen.
MOSKOWITERSie machen sich daran, das Dach des Häuschens auseinanderzunehmen
SCHREIBERHört auf, ihr Verfluchten!
SCHREIBERWas macht ihr da, ihr Räuber,
SCHREIBERwas habt ihr angerichtet? ...
SCHREIBERIch werde euch vorlesen ... hört ihr?
MOSKOWITERBurschen, Schluss jetzt!
MOSKOWITERWas bist du halsstarrig, Bester?
MOSKOWITERWas plantest du uns zu zwingen?
MOSKOWITERWir kamen mit Hochachtung zu dir,
MOSKOWITERaber du spieltest gleich
MOSKOWITERdie Amtsperson heraus,
MOSKOWITERals ob wir den Brüdern
MOSKOWITERdas Geld abpressen wollten.
SCHREIBERWenn ihr keine Steuern zu zahlen brauchtet,
SCHREIBERdann wär das schön für euch, Vagabunden,
SCHREIBERohne Arbeit zu leben.
MOSKOWITERNun, schon gut.
MOSKOWITERLies schon die Aufschrift.
SCHREIBERfür sich
SCHREIBERO Herr,
SCHREIBERschütze mich vor den argen Strelitzen!
MOSKOWITERWas machst du? Was machst du?
MOSKOWITERWarum liest du denn nicht?
SCHREIBERWas soll ich tun?
MOSKOWITERLies uns die Aufschrift!
SCHREIBERIst es denn wirklich so weise, was da geschrieben ist?
SCHREIBERfür sich
SCHREIBERHilf, o Herr, mein Tod ist nahe.
MOSKOWITERHe, Bruder, scherz nicht mit uns!
MOSKOWITERMit irgendwelchen Tricks kriegst du uns nicht dran.
MOSKOWITERDu hast dich doch verstellt.
MOSKOWITERNein, du bist närrisch,
MOSKOWITERnein, jetzt bist du reingefallen.
MOSKOWITERLies uns die Aufschrift.
SCHREIBERvor Schrecken zitternd
SCHREIBERRechtgläubige! Furchtbar sind die Strafen der Strelitzen,
SCHREIBERunersättlich ist ihr grausames Wüten!
MOSKOWITERWas soll uns das? Lies!
SCHREIBERverzweifelt
SCHREIBERDas ist mein Untergang!
SCHREIBEREr liest die Aufschrift
SCHREIBER»Entsprechend dem Geheiss Gottes an uns, die Grossfürsten,
SCHREIBERhaben die Strelitzen der Moskauer Regimenter,
SCHREIBERdie Kanoniere und Festungswachen
SCHREIBERwegen der ihnen angetanen Ungerechtigkeiten
SCHREIBERden Fürsten Telepnia niedergeschlagen ... «
MOSKOWITERDie Strelitzen, sicherlich!
MOSKOWITERDie Strelitzen müssen es sein!
SCHREIBER»Sie haben ihn mit der Knute geschlagen und verbannt;
SCHREIBERFürst Romodanowski haben sie getötet:
SCHREIBEREr hat Tschigirin den Türken übergeben;
SCHREIBERebenso haben sie den Obersekretär Larionow getötet,
SCHREIBERden Sohn Wassilijs:«
MOSKOWITERDas sind aber Bestien!
SCHREIBER»Er plante mit giftigen Schlangen
SCHREIBEReinen Anschlag auf den Herrscher ... «
MOSKOWITERNun, das ist ganz gerecht.
SCHREIBER“Noch mehr Bojaren haben sie getötet ... «
MOSKOWITERWelche Bojaren?
SCHREIBER»Die aus Briansk ... «
MOSKOWITERWen noch?
SCHREIBER»Alle aus Solnzewo.«
MOSKOWITERWarum? Wessen werden sie beschuldigt?
SCHREIBER»Sie ordneten Abgaben in Geld und Getreide an
SCHREIBERund haben alles verprasst
SCHREIBERund vergassen die Gottesfurcht «
MOSKOWITERAh, das ist es.
SCHREIBER»Und wer mit übler Rede
SCHREIBERdie obengenannten Leute,
SCHREIBERdie Moskauer Regimenter beschimpft ... «
MOSKOWITERunter sich
MOSKOWITERHörst du? Hört, Brüder!
SCHREIBER»... den trifft unser gnädiger Erlass
SCHREIBERohne jede Schonung.«
MOSKOWITERDu lügst!
SCHREIBERaufrichtig
SCHREIBERIch schwöre vor Gott, Brüder!
SCHREIBERgeht in sein Häuschen
MOSKOWITERO Gott!
MOSKOWITERWas für Zeiten
MOSKOWITERO teures Russland!
MOSKOWITERKeine Ruhe findest du, niemandem nutzt du,
MOSKOWITERtapfer und mutig hast du uns beschützt,
MOSKOWITERdu teures Land aber wirst unterdrückt.
MOSKOWITERDoch bedrückt dich nicht ...
MOSKOWITERIn einiger Entfernung sind die Trompeten der Strelitzen zu hören, die Fürst Iwan Chowansky ankündigen
MOSKOWITER. . . ein böser, fremder,
MOSKOWITERungebetener Feind,
MOSKOWITERsondern alle deine eigenen kühnen Kinder.
MOSKOWITERIn Zwistigkeit und unter Lasten
MOSKOWITERlebtest und stöhntest du,
MOSKOWITERwer aber tröstet dich jetzt,
MOSKOWITERteures Russland, und beruhigt dich?
KNABENhinter der Bühne
KNABENAuf, lasst uns lustig sein!
FRAUENhinter der Bühne
FRAUENO wie herrlich, Frauen!
FRAUENLasst uns ein Lied anstimmen!
KNABENDas gefällt uns.
MOSKOWITERaufhorchend
MOSKOWITERWas könnte das sein? Was ist denn das, Brüder?
SCHREIBERkommt aus seinem Häuschen; zum Volk
SCHREIBERDie wilde Bestie kommt zu uns,
SCHREIBERjeder soll sich auf und davon machen!
geht ab
MOSKOWITERHol dich der Teufel!
FRAUENFür den weissen Schwan bereitet den Weg!
FRAUENPreis dem berühmten Bojaren!
STRELITZENin der Ferne
STRELITZENDer Mächtige kommt!
KNABENGeht aus dem Weg!
KNABENRuhm, Preis dem Vater!
MOSKOWITERDie Menge strömt herbei, alles Frauen!
MOSKOWITERIst wohl ein Fest, aber welches?
MOSKOWITERMan macht Platz für die Strelitzen
KNABENstürmen herein
KNABENDen Weg frei, der Mächtige kommt;
KNABENden Weg frei, der Vater ist gekommen!
FRAUENtreten herein
FRAUENEhre dem Schwan, Ruhm!
FRAUENEhre dem weissen Schwan!
KNABENEhre, Ehre dem Vater, Ehre!
STRELITZENDer Mächtige kommt!
MOSKOWITERDas ist lustig, ein Vergnügen, Brüder.
MOSKOWITERWas gibt es für ein Fest in Moskau?
MOSKOWITERJeder Tag ist ein Festtag hier!
FRAUENMacht den Weg frei für ihn!
STRELITZENauftretend
STRELITZENMacht Platz, Volk!
MOSKOWITERDie Strelitzen! Wie die Henker!
FRAUENPlatz für ihn! Ehre sei ihm!
STRELITZENauf der Szene
STRELITZENDer Allermächtigste kommt!
STRELITZENVolk in allgemeiner Gruppe. Die Strelitzen zum Volk:
STRELITZENIhr Rechtgläubigen, russisches Volk,
STRELITZENder Allermächtigste wird zu euch sprechen:
STRELITZENHört gut zu!
STRELITZENDer Mächtige kommt!
STRELITZENFürst Iwan Chowansky kommt, gleichmässig schreitend, in stolzer Haltung.
STRELITZENHinter ihm Anführer der Strelitzen und Besucher Moskaus
FÜRST IWAN CHOWANSKYzur Menge
FÜRST IWAN CHOWANSKYKinder, meine Kinder!
FÜRST IWAN CHOWANSKYMoskau und Russland (Gott bewahre sie!)
FÜRST IWAN CHOWANSKYsind in grosser Verwüstung,
FÜRST IWAN CHOWANSKYdie die diebischen und aufrührerischen Bojaren
FÜRST IWAN CHOWANSKYin ihrer üblen, bösen Ungerechtigkeit angerichtet haben.
FÜRST IWAN CHOWANSKYStimmt das nicht, liebe Kinder?
FÜRST IWAN CHOWANSKYEr nähert sich ein wenig der Menge
VOLKa, so ist es, Mächtiger!
VOLKEs ist die Wahrheit! Schwer ist es für uns!
IWAN CHOWANSKYDeshalb haben wir die grosse Last auf uns genommen
IWAN CHOWANSKYund zum Wohl der jungen Zaren
IWAN CHOWANSKYden Aufruhr niedergeschlagen.
IWAN CHOWANSKYGott bewahre uns! Sind wir im Recht?
IWAN CHOWANSKYEr macht einen Rundgang um die Menge
VOLKJa, im Recht! Dem Mächtigen Ruhm!
VOLKRuhm unserem Vater, Ruhm!
IWAN CHOWANSKYStrelitzen! Sind die Musketen geladen?
IWAN CHOWANSKYGott bewahre uns!
STRELITZENAlles bereit, Vater!
IWAN CHOWANSKYJetzt zum Rundgang durch unser geliebtes Moskau,
IWAN CHOWANSKYzum Ruhm der Herrscher!
IWAN CHOWANSKYzu allen
IWAN CHOWANSKYSingt Preislieder!
IWAN CHOWANSKYIwan Chowansky und sein Gefolge ab
VOLKRuhm sei dem weissen Schwan,
VOLKRuhm dem mächtigsten aller Bojaren!
VOLKTrompetenrufe der Strelitzen
VOLKGebe Gott dem Schwan einen leichten Gang,
VOLKgebe er dir Gesundheit und Ruhm,
VOLKRuhm unserem Vater!
STRELITZENDer Mächtige ist gekommen!
STRELITZENRuhm unserem Vater.
STRELITZENDer Mächtige selbst zieht voran!
VOLKRuhm dem Mächtigsten!
STRELITZEDer Mächtige kommt!
STRELITZEDer Vater selbst zieht voran! Ruhm!
STRELITZEFürst Andrej Chowansky und Emma erscheinen. Chowansky versucht Emma zu umarmen
EMMALasst mich!
EMMALasst ab von mir, lasst mich los!
EMMAIhr macht mir Angst!
FÜRST ANDREJ CHOWANSKYNein, nein,
FÜRST ANDREJ CHOWANSKYdas Täubchen entkommt dem raubgierigen Falken nicht.
EMMAHabt Erbarmen mit mir!
EMMAIch flehe Euch an, habt Erbarmen!
ANDREJ CHOWANSKYEi, stolz war die Taube
ANDREJ CHOWANSKYsogar in den Fängen des Falken.
EMMAreisst sich los
EMMAHört!
EMMAIch kenne Euch: Ihr seid Fürst Chowansky.
EMMAIhr habt meinen Vater getötet;
EMMAIhr habt meinen Bräutigam verbannt,
EMMAIhr habt nicht einmal Erbarmen mit meiner armen
EMMAMutter gehabt.
EMMAWas wollt Ihr jetzt? Nun, tötet mich!
EMMAIch bin doch in Euren Händen.
ANDREJ CHOWANSKYWie hübsch du bist im Zorn, Vögelchen,
ANDREJ CHOWANSKYals ob es die kleinen Nestvögelchen beschützte.
ANDREJ CHOWANSKYAch, liebe mich, meine Schöne,
ANDREJ CHOWANSKYach, richte nicht deine klaren Augen auf die feuchte Erde.
EMMALasst mich los!
EMMAWenn es sein muss, dann tötet mich!
EMMATötet mich doch'
EMMAMarfa kommt unversehens hinzu und beobachtet Andrej Chowansky und Emma
ANDREJ CHOWANSKYGib dich mir hin! Reize mich nicht!
ANDREJ CHOWANSKYIch werde dich zur Zarin machen, Emma.
ANDREJ CHOWANSKYMit der Zarenkrone werde ich dich schmücken.
EMMAMein Gott! Was sagt er?
EMMAWas ist das, mein Gott!
ANDREJ CHOWANSKYMein Täubchen, nimm Kummer und Wehmut
ANDREJ CHOWANSKYvom Herzen des Falken;
ANDREJ CHOWANSKYach, erschrick nicht, du bist doch meine Geliebte!
EMMAO Gott, du meine Stärke und mein Schutz!
ANDREJ CHOWANSKYGib dich mir hin!
MARFAbeiseite
MARFAGib dich ihm hin!
EMMAFürst ...
ANDREJ CHOWANSKYLiebe mich!
MARFAbeiseite
MARFALiebe ihn!
EMMAFürst, lasst mich!
ANDREJ CHOWANSKYEmma!
EMMALasst mich, lasst ab!
EMMAIch habe Euch gesagt: Tötet mich!
EMMATötet mich!
ANDREJ CHOWANSKYDann zwingt der wütende Falke
ANDREJ CHOWANSKYdie Taube eben mit Gewalt.
EMMARettet mich, oh, helft mir!
ANDREJ CHOWANSKYEs gibt kein Entkommen für das Täubchen,
ANDREJ CHOWANSKYwenn es in den Fängen des Falken ist.
EMMAHelft, rettet mich!
ANDREJ CHOWANSKYKeine Rettung gibt es!
ANDREJ CHOWANSKYdreist
ANDREJ CHOWANSKYEs gibt niemanden!
MARFAtrennt Chowansky und Emma
MARFAIch bin hier!
ANDREJ CHOWANSKYverblüfft
ANDREJ CHOWANSKYMarfa?
MARFASo also, Fürst,
MARFAbist du mir treu geblieben?
MARFASchnell, wie's scheint,
MARFAmein Teurer, bin ich dir gleichgültig geworden.
MARFADu schworst, beteuertest, mein Fürst,
MARFAdass du mich nicht betrügen würdest.
MARFADoch zur unrechten Zeit
MARFAwar dieser Schwur, mein Lieber.
MARFAlegt ihre Hand auf Emmas Schulter
MARFANun liebst du eine andere!
MARFAWerde mit ihr glücklich!
EMMAzu Marfa
EMMAIch bin unschuldig.
EMMAVerschont mich!
MARFAzu Emma
MARFABeruhige dich, ich schütze dich, mein Kind!
ANDREJ CHOWANSKYbeiseite
ANDREJ CHOWANSKYDer Teufel selbst
ANDREJ CHOWANSKYhat diese verruchte Hexe hierher gebracht!
EMMAIhr seid gut,
EMMAIhr beschützt mich.
EMMAEr ist grausam, ich habe Angst vor ihm.
EMMAEr verfolgt mich erbarmungslos.
MARFAIch weiss alles;
MARFAzu meiner Schande sah ich alles.
MARFAAls aufmerksame Wächterin stehe ich dir bei;
MARFAich mache die Krallen des bösen Falken stumpf.
ANDREJ CHOWANSKYWie eine Schlange zischt sie!
ANDREJ CHOWANSKYIch beschwichtige dich, du bösartiges Weib!
ANDREJ CHOWANSKYDir Alten mache ich noch Freude.
MARFAzärtlich zu Emma
MARFADu bist makellos,
MARFArein und unschuldig.
ANDREJ CHOWANSKYstösst Marfa frech zurück
ANDREJ CHOWANSKYWer gibt dir das Recht, hier zu sein, du Schöne?
ANDREJ CHOWANSKYIst es nicht Zeit, zu deinen Alten zu gehen?
MARFAIst jetzt nicht der rechte Augenblick zur Reue
MARFAfür einen Burschen, anstatt das Herz einer Jungfrau zu betrügen?
MARFAOder ist dein Bojarenstolz wichtiger
MARFAals die Leiden einer verstossenen Jungfrau?
ANDREJ CHOWANSKYSchweig, du Hexe!
MARFAVergassest du den Schwur, Fürst:
MARFA»dem lutherischen Glauben nicht anzuhängen ...
ANDREJ CHOWANSKYO Herr!
ANDREJ CHOWANSKYSie treibt es weit, die Schlimme ...
EMMAfür sich
EMMAEr ist verwirrt, er fürchtet sich?
MARFA...der Verlockung des Antichristen zu widersagen,
MARFAin Furcht vor der ewigen Qual!«
ANDREJ CHOWANSKY... zur Beschimpfung, zum Gericht
ANDREJ CHOWANSKYder Väter führet sie.
EMMAFurchtbar war er zu mir!
ANDREJ CHOWANSKYbeiseite
ANDREJ CHOWANSKYNein, ich unterwerfe mich nicht;
ANDREJ CHOWANSKYnein, ich mache sofort ein Ende mit ihr.
ANDREJ CHOWANSKYdreist zu Marfa
ANDREJ CHOWANSKYKennst du die Geschichte, meine Schönheit,
ANDREJ CHOWANSKYwie ein Jüngling,
ANDREJ CHOWANSKYder, seiner Geliebten überdrüssig,
ANDREJ CHOWANSKYsie losgeworden ist,
ANDREJ CHOWANSKYder kühne Held?
ANDREJ CHOWANSKYMarfa beobachtet Chowansky aufmerksam
ANDREJ CHOWANSKYOhne Umschweife
ANDREJ CHOWANSKYzog er ein scharfes Messer ...
Chowansky wirft sich mit einem Messer auf Marfa
EMMAschreit auf
EMMAAh!
zieht ein Messer unter ihrem Rock hervor und pariert den Schlag
MARFAIch habe es gehört, Fürst, und umgekehrt…
MARFANicht dieses Ende
MARFAwollte ich dir bereiten,
MARFAund nicht durch meine Hand
MARFAsollst du mit dem Leben abrechnen.
MARFAfeierlich
MARFAMein schmerzerfülltes Herz fühlt des Schicksals Verheissung,
MARFAmir erscheint droben eine wunderbar leuchtende Wohnung!
EMMAEr ist furchtbar, er ist ein Übeltäter.
EMMAO Herr, rette sie!
EMMAIn deinem heiligen Schutz bewahre sie!
EMMASie hat mich gerettet;
EMMAund ich bin nicht fähig, sie zu retten.
ANDREJ CHOWANSKYDer Teufel selbst hat die böse Hexe hergeschickt,
ANDREJ CHOWANSKYum mich zu ärgern.
ANDREJ CHOWANSKYSie ist wie besessen,
ANDREJ CHOWANSKYund ein scharfes Messer fängt sie ab.
ANDREJ CHOWANSKYFurchtlos und zornig
ANDREJ CHOWANSKYkennt sie keine Grenzen mehr.
MARFAUnd in wunderbarem Strahl ...
MARFATrompeten der Strelitzen in der Ferne
VOLKin der Ferne|
VOLKRuhm dem Schwan!
STRELITZENin der Ferne
STRELITZENUnser Vater kommt!
MARFA...schweben der Entschlafenen Seelen!
VOLKDem Mächtigen Ruhm!
ANDREJ CHOWANSKYhorcht auf
ANDREJ CHOWANSKYMein Vater kommt!
EMMAauf die Bewegung in der Ferne horchend, zu Marfa
EMMAWas ist dort?
MARFAhorcht auf
MARFADer Mächtige kommt!
VOLKhereinkommend
VOLKRuhm dem weissen Schwan...
VOLKRuhm dem allermächtigsten der Bojaren!
VOLKMach dem Schwan den Weg frei!
EMMAfällt entsetzt aufdie Knie
EMMAGott, du meine Stärke.
STRELITZENhereinkommend
STRELITZENUnser Vater kommt. Gott bewahre unseren Vater!
Fürst Iwan Chowansky erscheint
IWAN CHOWANSKYerstaunt
IWAN CHOWANSKYWas geht hier vor?
IWAN CHOWANSKYMarfa verbeugt sich vor Iwan Chowansky
IWAN CHOWANSKYFürst Andrej?
IWAN CHOWANSKYzu Marfa im Vorübergehen
IWAN CHOWANSKYSei gegrüsst, Marfa!
IWAN CHOWANSKYbetrachtet Emma
IWAN CHOWANSKYDu bist nicht allein,
IWAN CHOWANSKYbist mit einer Schönen, die ein helles Antlitz
IWAN CHOWANSKYund ein angenehmes Äusseres hat ...
IWAN CHOWANSKYStrelitzen, verhaftet sie!
IWAN CHOWANSKYDie Strelitzen stürzen sich auf Emma, aber sie bleiben vor Andrej Chowansky stehen
ANDREJ CHOWANSKYstellt sich schützend vor Emma
ANDREJ CHOWANSKYZurück!
ANDREJ CHOWANSKYNein, nein, ich übergebe sie euch nicht zur Folter,
ANDREJ CHOWANSKYeuch Übeltätern, zum Vergnügen;
ANDREJ CHOWANSKYnein, nicht euch Bauerntölpeln kommt es zu,
ANDREJ CHOWANSKYmit meinem unbeugsamen Willen zu streiten.
IWAN CHOWANSKYerstaunt
IWAN CHOWANSKYWas bedeutet das? Gott bewahre! ...
IWAN CHOWANSKYWie ist das möglich? ...
IWAN CHOWANSKYStrelitzen, nehmt sie gefangen!
ANDREJ CHOWANSKYstösst die Strelitzen zurück
ANDREJ CHOWANSKYZurück, habe ich gesagt!
STRELITZENUnmöglich, Vater!
STRELITZENFürst Andrej hindert uns.
ANDREJ CHOWANSKYFürst, Vater!
IWAN CHOWANSKYnachdenklich
IWAN CHOWANSKYAls ob wir tatsächlich
IWAN CHOWANSKYschon nicht mehr herrschten;
IWAN CHOWANSKYals ob man uns befehligt
IWAN CHOWANSKYund wir keine Macht mehr hätten über den Sohn!
ANDREJ CHOWANSKYFürst, Vater!
IWAN CHOWANSKYWas ist?
IWAN CHOWANSKYWer wagt es, sich uns zu widersetzen?
IWAN CHOWANSKYWer kann uns befehlen?
IWAN CHOWANSKYzu den Strelitzen
IWAN CHOWANSKYIm Namen der Grossfürsten,
IWAN CHOWANSKYder hochberühmten und allmächtigen ...
ANDREJ CHOWANSKYVater!
IWAN CHOWANSKY... befehlen wir euch, Strelitzen,
IWAN CHOWANSKYunverzüglich ...
IWAN CHOWANSKYauf Emma zeigend
IWAN CHOWANSKYdie Lutheranerin dort
IWAN CHOWANSKYgefangenzunehmen und uns hierher auszuliefern!
IWAN CHOWANSKYDie Strelitzen stürzen sich aufAndrej Chowansky, der sein Messer gegen Emma hält
ANDREJ CHOWANSKYTot mögt ihr sie haben!
ANDREJ CHOWANSKYDossifej kommt; hinter ihm einige Mönche
DOSSIFEJhält die Hand Andrej Chowanskys fest
DOSSIFEJHalt!
DOSSIFEJIhr seid des Teufels! Was macht Euch so rasend?
IWAN CHOWANSKYzornig
IWAN CHOWANSKYAber herrschen wir hier nicht?
EMMAfällt vor Dossifej auf die Knie
EMMAO, wer Ihr auch seid ...
EMMArettet mich,
EMMAduldet es nicht, dass man mich umbringt ...
EMMAHabt Erbarmen!
DOSSIFEJzu Marfa, ruhig
DOSSIFEJMarfa, führe doch die Lutheranerin nach Hause,
DOSSIFEJMarfa richtet Emma auf
DOSSIFEJund sei ihr auf dem Weg ein treuer Schutz,
DOSSIFEJmein Kind.
MARFAverbeugt sich tief
MARFAVater, gib mir deinen Segen.
MARFAführt Emma sanf fort
DOSSIFEJFriede sei mit dir!
DOSSIFEJzu Iwan und Andrej Chowansky
DOSSIFEJUnd Ihr, Besessene,
DOSSIFEJnochmals frage ich Euch:
DOSSIFEJWarum seid Ihr so rasend?
DOSSIFEJDie Zeit der Finsternis
DOSSIFEJund des Untergangs der Seele ist gekommen:
DOSSIFEJEs herrscht der Antichrist!
DOSSIFEJUnd aus der Tiefe
DOSSIFEJund aus der Hölle
DOSSIFEJging der Abfall
DOSSIFEJvon der wahren russischen Kirche aus.
DOSSIFEJBrüder, Freunde,
DOSSIFEJes ist Zeit, für den wahren Glauben einzustehen:
DOSSIFEJWir schreiten zum Kampf,
DOSSIFEJzum grossen Kampf.
DOSSIFEJUnd die Brust schmerzt, und das Herz friert ...
DOSSIFEJKönnen wir wohl den heiligen Glauben verteidigen?
DOSSIFEJverneigt sich demütig
DOSSIFEJHelft mir, Rechtgläubige!
IWAN CHOWANSKYStrelitzen! Rasch zum Kreml!
IWAN CHOWANSKYBesetzt alle Wachen und seid aufmerksam;
IWAN CHOWANSKYbewacht alle Eingänge und Ausgänge ständig.
IWAN CHOWANSKYGott bewahre Moskau!
STRELITZEUnser Blut geben wir für den Glauben.
IWAN CHOWANSKYzu den Trompetern
IWAN CHOWANSKYTrompeten zum Abmarsch!
Das Volk zieht sich unentschlossen zurück
IWAN CHOWANSKYFürst Andrej,
IWAN CHOWANSKYübernimm die Führung!
Iwan Chowansky zieht sich mit den Strelitzen zurück. Andrej Chowanskyfolgt mit gesenktem Kopf
DOSSIFEJin mystischer Stimmung
DOSSIFEJO Herr! Verleihe nicht den Sieg der Macht des Feindes;
DOSSIFEJVater! Beschütze deine Offenbarung
DOSSIFEJvor den Feinden, zum Wohle deiner Kinder! ...
DOSSIFEJEr verneigt sich bis zur Erde in Richtung des Kremls. Die Glocke der Kathedrale Iwan Weliky läutet. Dossifej richtet sich schnell auf
DOSSIFEJBrüder, mir ist schwer!
DOSSIFEJVollbringen wir die Rettung?
DOSSIFEJSingt, Brüder, ein Lied
DOSSIFEJder Absage von dieser Welt!
DOSSIFEJSchreiten wir zum Kampf.
ALTGLÄUBIGEO Gott, Allmächtiger,
ALTGLÄUBIGEvertreibe die Worte
ALTGLÄUBIGEder Bosheit von uns.
ALTGLÄUBIGESie gehen zum Kreml
ALTGLÄUBIGEWehre den Kräften der Verführung
ALTGLÄUBIGEdurch den Antichrist!
DOSSIFEJdie Hände emporhebend
DOSSIFEJVater!
DOSSIFEJIch öffne mein Herz vor dir!
DOSSIFEJfolgt ihnen
ALTGLÄUBIGEGütiger Gott! Herr! Gebenedeiter!
ALTGLÄUBIGEStehe uns bei!
SYSTEMZWEITER AKT
ALTGLÄUBIGEBeim Fürsten Wassily Golizyn. Die Ausstattung im gemischten Stil: Moskowitischeuropäisch. Fürst Golizyn liest Briefe. Sommerliches Schreibkabinett. Spät am Abend. Auf dem Schreibtisch des Fürsten angezündete Kandelaber. Ausblick auf einen kleinen Garten und ein schönes schmiedeeisernes Gitter mit Steinpfeilern. Abenddämmerung
GOLIZYNliest
GOLIZYN»Mein Licht, Bruderherz Wassenka,
GOLIZYNsei gegrüsst, mein Lieber!
GOLIZYNIch kann es nicht glauben, meine Freude,
GOLIZYNLicht meiner Augen, dass wir uns wiedersehen werden.
GOLIZYNGross wäre der Tag,
GOLIZYNan dem ich dich, mein Licht,
GOLIZYNin meinen Armen sähe!
GOLIZYNbetrachtet den Brief aufmerksam
GOLIZYNIch wanderte zu Fuss von Wosdwischensk
GOLIZYNmit den Briefen von den Bojaren und von dir.
GOLIZYNIch erinnere mich nicht, wie ich hinaufstieg:
GOLIZYNIch las beim Gehen.«
GOLIZYNzerknittert den Brief in seiner Hand
GOLIZYNDie Zarewna gibt sich trotz ihrer grossen Sorgen
GOLIZYNund das Wohl der jungen Herrscher
GOLIZYNihrer brennenden Leidenschaft hin,
GOLIZYNunaufhörlich verliert sie sich
GOLIZYNan den Traum vergangener Wonne
steht auf
GOLIZYNKann man dem Schwur
GOLIZYNeiner ehrgeizigen und mächtigen Frau glauben?
GOLIZYNruhig
GOLIZYNEwiger Zweifel,
GOLIZYNan allem; immerdar!
GOLIZYNverliert sich in Gedanken; dann entschlossen
GOLIZYNNein, ich unterwerfe mich nicht dem Trug
GOLIZYNeines leeren Traumes,
GOLIZYNbetäubender Minuten des Vergnügens.
GOLIZYNmit Spott
GOLIZYNEuch glaube ich natürlich gerne,
GOLIZYNaber bei Euch ist Vorsicht am Platz,
GOLIZYNandernfalls fällt man sofort in Ungnade ...
GOLIZYNund dann ... Kopf ab!
GOLIZYNVorsicht, Hetman und Fürst.
nimmt einen Brief von seinem Schreibtisch
GOLIZYNNanu!
GOLIZYNEin Brief von der Mutter Fürstin!
GOLIZYNDie Gesandten sputen sich mit dem fürstlichen Geld
GOLIZYNzum Ruhme des Nachkommen
GOLIZYNgrosser und berühmter Vorfahren.
öffnet den Brief
GOLIZYNFür grosse Taten ist viel Geld nötig.
GOLIZYNliest
GOLIZYN»Du, mein Licht, du weisst selbst,
GOLIZYNwie ich deiner bedarf,
GOLIZYNkostbarer bist du
GOLIZYNals meine sündige Seele.
GOLIZYNBewahre dir die Reinheit der Seele und des Körpers.
GOLIZYNDu weisst selbst, wie das Gott gefällt.«
GOLIZYNWas ist das?
GOLIZYNEtwa ein Vorzeichen?
GOLIZYNWomit droht der Beschluss meines Schicksals?
GOLIZYNSchwarze Gedanken versuchen die Seele,
GOLIZYNwir sind ohnmächtig, das Geheimnis zu begreifen,
GOLIZYNeitel ist die Macht, eitel der Verstand
GOLIZYN»Bewahre dir die Reinheit der Seele und des Körpers
GOLIZYNdas gefällt Gott. . .«
Er versinkt wieder in Gedanken. Warssonowjew, ein Vertrauter des Fürsten Golizyn, tritt ein
GOLIZYNWer ist da?
WARSSONOWJEWDurchlauchtigster Fürst!
GOLIZYNNun!
WARSSONOWJEWDer Luther-Priester liess nicht locker
WARSSONOWJEWer will euch unbedingt sehen.
GOLIZYNSo soll er eintreten.
Warssonowjew ab,- der Pastor tritt ein
PASTORIch kenne Eure hochheilige Sitte, Fürst,
PASTORniemals die Bitten der Söhne des von Euch geliebten
PASTOREuropas zurückzuweisen.
PASTORVerzeiht, ich wagte es, Euch in Euren
PASTORtiefen Gedanken zu stören.
GOLIZYNIch bitte Euch, Pastor, mir zu erzählen,
GOLIZYNwodurch Ihr so verwirrt seid;
GOLIZYNtut Euch keinen Zwang an, ich bitte Euch,
GOLIZYNsagt mir doch,
GOLIZYNwas Euch beunruhigt.
PASTORBosheit und Hass,
PASTORVerachtung und Rachsucht,
PASTORdie ganze Welt der teuflischen Widersprüch
PASTORquält mein Herz.
GOLIZYNWas ist mit Euch?
PASTORDer junge Fürst Chowansky ...
GOLIZYNNun!
PASTOR... heute auf dem Platz. . .
GOLIZYNWas geschah denn dort? ...
PASTOR. . hat er das junge Mädchen beleidigt
GOLIZYNWie das?
PASTOR.. die unglückliche Waise...
GOLIZYNEmma?
PASTORJa, mein Fürst!
GOLIZYNfür sich
GOLIZYNSo, das ist die Sache!
GOLIZYNzum Priester
GOLIZYNSehen Sie, Herr Pastor,
GOLIZYNo, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich,
GOLIZYNich kann mich nicht
GOLIZYNin die persönliche Angelegenheit
GOLIZYNder Chowanskys mischen.
PASTORfür sich
PASTORMein Gott!
GOLIZYNAber, wenn es Ihnen,
GOLIZYNin den Grenzen der mir geschenkten Macht,
GOLIZYNbeliebt zu bitten,
GOLIZYNum Verbesserungen und mögliche
GOLIZYNErleichterungen, für Euch, für Eure Herde ...
PASTOREine günstige Gelegenheit!
GOLIZYN... werde ich mit Anteilnahme Eure Bitte annehmen,
GOLIZYNmeine Lage ist Euch bereits bekannt.
GOLIZYNSprecht, Pastor.
PASTORzu Golizyn
PASTORIch bin verwirrt ...
PASTORIch fürchte mich ...
GOLIZYNSprecht!
PASTORfür sich
PASTOREmma hat er verstossen, vielleicht
PASTORwird er den Pastor nicht verstossen.
GOLIZYNWas ist denn mit Ihnen?
PASTORzu Golizyn
PASTORUm in den Herzen
PASTORmeiner geliebten Herde
PASTORdie Fundamente des lebendigen Glaubens zu bewahren,
PASTORmöchte ich bitten, Fürst:
PASTORgebt die Erlaubnis, bei uns in der
PASTORdeutschen Vorstadt eine Kirche zu bauen,
PASTORnoch eine, nur eine,
PASTORSie waren uns doch so gewogen.
GOLIZYNIch würde Euch vorschlagen, Pastor,
GOLIZYNein wenig bescheidener zu träumen.
PASTORIch bitte Euch, hört! ...
GOLIZYNSind Sie etwa verrückt geworden…
GOLIZYNoder wie weit wollen Sie gehen…
GOLIZYNRussland wollen Sie mit Kirchen bebauen! …
GOLIZYNAber das trifft sich gut:
GOLIZYNHeute erwarte ich bei mir den alten Chowansky
GOLIZYNzur Beratung,
GOLIZYNund was wichtig ist auch Dossifej:
GOLIZYNein Treffen mit ihnen wird wohl für Euch
GOLIZYNgünstig sein, sagt?
PASTORFürst, ich habe verstanden.
GOLIZYNIst es wahr? Leben Sie wohl, Herr Pastor,
GOLIZYNauf Wiedersehen, nicht wahr?
Der Priester geht ab
GOLIZYNAuf Wiedersehen!
GOLIZYNFrechling, Abgefeimter ...
GOLIZYNWolf im Schafpelz!
Warssonowjew tritt ein
GOLIZYNAbermals?
WARSSONOWJEWDurchlauchtigster Fürst!
GOLIZYNNun, wer ist dort noch?
WARSSONOWJEWDie Wahrsagerin,
WARSSONOWJEWdie Ihr neulich geruhtet zu rufen,
WARSSONOWJEWist gekommen.
GOLIZYNHast du deinen eigenen Kopf auf den Schultern
GOLIZYNoder einen fremden?
WARSSONOWJEWVerzeiht, Fürst, ich habe mich versprochen.
WARSSONOWJEWDie Frau, die häufig zu Euch kommt
WARSSONOWJEWund Euch um Rat fragt.
GOLIZYNNun denn, ruf sie herein!
Warssonowjew geht ab, Marfa tritt still ein - der Sitte entsprechend
MARFAZu Euch, Fürst,
MARFAkommt man wie in einen Hinterhalt,
MARFAüberall lauern die Vertrauten.
GOLIZYNWir leben in einer Zeit der Heimlichkeiten
GOLIZYNeiner Zeit des Verrats und der Gewinnsucht.
GOLIZYNabergläubisch
GOLIZYNUnsere Zukunft liegt im Nebel verborgen;
GOLIZYNman zittert um jeden Augenblick
GOLIZYNdes unnützen Lebens.
MARFASoll ich dir dein Schicksal voraussagen,
MARFAFürst?
MARFASoll ich nach den Befehlen der geheimen Kräfte
MARFAder Herrscher der Erde fragen?
GOLIZYNWie?
MARFABefiehl, Wasser zu bringen.
Golizyn klingelt. Warssonowjew tritt ein
GOLIZYNWasser, zum Trinken!
GOLIZYNWarssonowjew giesst an einem Tischchen Wasser in einen silbernen Krug und gibt ihn dem Fürsten
GOLIZYNStell nieder!
GOLIZYNWarssonowjew gehtfort. Marfa verhüllt sich mit einem grossen schwarzen Tuch und bereitet sich zum Wahrsagen vor
MARFAVerborgene Mächte,
MARFAgrosse Mächte,
MARFASeelen, entschwunden
MARFAin eine unbekannte Welt,
MARFAzu euch rufe ich!
MARFAErtrunkene Seelen,
MARFAumhergegangene Seelen,
MARFAdie ihr die Geheimnisse
MARFAder Welt unter dem Wasser kennt,
MARFAseid ihr hier?
MARFAWerdet ihr dem von Furcht gequälten
MARFABojaren und Fürsten
MARFAsein geheimes,
MARFAin Dunkelheit gehülltes Schicksal
MARFAwohl entdecken?
MARFAstarrt ins Wasser
MARFAStill und rein ist es in den Lüften.
MARFAVom Licht des Zaubers ist alles erleuchtet.
MARFAGeheime Mächte, ihr habt meinen Ruf gehört.
MARFAFürst, deines Schicksals Geheimnis wird enthüllt.
MARFAHeimtückisch lächelnd
MARFAumgeben dich böse Menschen;
MARFAFürst, fest haben sie sich zusammengeschlossen:
MARFADir bekannte Menschen
MARFAweisen den Weg ins Weite.
MARFAIch sehe, es ist hell, die Wahrheit hat sich verkündet!
GOLIZYNbeunruhigt
GOLIZYNWas wurde verkündet?
MARFAFürst! Dir droht Acht und Verbannung
MARFAin ein fernes Land;
MARFAMacht, Reichtum und Ansehen
MARFAwerden dir auf immer genommen.
MARFANicht einstiger Ruhm, nicht Mut,
MARFAnicht Wissen, nichts wird dich retten:
MARFADas Schicksal hat es so entschieden!
MARFADu wirst das grosse Leid und die Trauer
MARFAund den Verlust kennenlernen, mein Fürst;
MARFAund in diesem Leid, in brennenden Tränen
MARFAerfährst du die ganze Wahrheit der Erde ...
GOLIZYNVerschwinde!
Golizyn klingelt, Warssonowjew tritt ein. Marfa zieht sich langsam zurück
GOLIZYNSie ist unverzüglich im Sumpf zu ertränken,
GOLIZYNdass mir kein Gerede entsteht!
GOLIZYNMarfa hört die letzten Worte Golizyns und eilt hinaus. Warssonowjew läuft hinter ihr her. Golizyn in einem Anfall von Verzweiflung
GOLIZYNDas ist also der Beschluss meines Schicksals,
GOLIZYNdeshalb krampft sich so das Herz zusammen:
GOLIZYNMir droht schmachvolle Acht,
GOLIZYNRuhmlosigkeit und Untergang.
GOLIZYNBis vor kurzem noch,
GOLIZYNmit festem Glauben an das Glück,
GOLIZYNdachte ich, das Werk des heiligen Vaterlandes zu erneuern:
GOLIZYNMit den Ämtern der Bojaren rechnete ich ab…
GOLIZYNdie Verhältnisse mit Europa festigte ich,
GOLIZYNeinen hoffnungsvollen Frieden stiftete ich demVaterland
GOLIZYNund auf mich blickten die Europäer,
GOLIZYNals ich an der Spitze
GOLIZYNder kampferprobten Regimenter
GOLIZYNden Hochmut
GOLIZYNder anmassenden Polen brach,
GOLIZYNoder bei Andrusow
GOLIZYNunsere angestammten Länder
GOLIZYNaus dem Schlund der gierigen Könige riss, und diese Länder,
GOLIZYNmit dem Blut unserer Vorväter purpurrot gefärbt,
GOLIZYNals Gabe meinem heiligen Vaterland brachte
GOLIZYNAlles ist zu Staub zerfallen,
GOLIZYNalles vergessen
GOLIZYNO heiliges Russland,
GOLIZYNso schnell reinigst du dich nicht vom Rost,
GOLIZYNden du in der Tartarenzeit angesetzt hast!
Iwan Chowansky tritt ein
IWAN CHOWANSKYWir kommen ohne Anmeldung, Fürst, mal eben so.
GOLIZYNIch bitte, Platz zu nehmen.
IWAN CHOWANSKYPlatz nehmen? Gott bewahre!
IWAN CHOWANSKYDas ist so eine Sache.
IWAN CHOWANSKYWir haben jetzt alle Plätze verloren.
IWAN CHOWANSKYDu selbst aber hast sie uns genommen, Fürst.
IWAN CHOWANSKYMit den Bauern hast du uns gleich gemacht.
IWAN CHOWANSKYWo also befiehlst du, Platz zu nehmen?
GOLIZYNWas soll das, Fürst?
IWAN CHOWANSKYHier, dort oder wo?
IWAN CHOWANSKYHinten auf der Schwelle,
IWAN CHOWANSKYbeim Hausgesinde,
IWAN CHOWANSKYbei den Sklaven?
GOLIZYNIst das nicht sonderbar?
GOLIZYNDu, so reich an Ruhm und Macht,
GOLIZYNdu, Herrscher über die unbesiegbaren Strelitzen,
GOLIZYNdu grämst dich über die Launen der Bojaren.
IWAN CHOWANSKYHöre zu, spotte nicht, Golizyn!
IWAN CHOWANSKYDu blähst dich mit deinen Erfolgen auf;
IWAN CHOWANSKYuns, unsere Ehre und Würde
IWAN CHOWANSKYübergabst du den Schreibern zum Hohn.
GOLIZYNDen Schreibern?
IWAN CHOWANSKYNun, schon gut, Fürst,
IWAN CHOWANSKYdu hast genug Freude gehabt.
GOLIZYNWorüber denn?
IWAN CHOWANSKYAuch bei den Tataren sind alle gleich:
IWAN CHOWANSKYbeim kleinsten Muckser -
IWAN CHOWANSKYKopf ab.
IWAN CHOWANSKYNehmt Ihr Euch schon die Tataren als Beispiel?
GOLIZYNWas? Was ist mit dir,
GOLIZYNdu hast den Verstand verloren ...
GOLIZYNKomm zur Besinnung, Chowansky!
IWAN CHOWANSKYAha, das hat gewirkt!
GOLIZYNDu wagtest es, den verdammten Stamm
GOLIZYNGolizyn zu unterstellen ...
GOLIZYNDoch übrigens, Fürst, Ihr wisst,
GOLIZYNhitzig bin ich, masslos heftig. . .
GOLIZYNso habt Ihr doch in unserer
GOLIZYNBojarenduma entschieden.
IWAN CHOWANSKYDer Herr sei mit dir!
IWAN CHOWANSKYIch entschied nicht,
IWAN CHOWANSKYohne mich haben sie entschieden.
IWAN CHOWANSKYAber meinen Platz, den Bojarenplatz,
IWAN CHOWANSKYfinde ich und werde ihn vor dir bewahren.
GOLIZYNVerzeiht meinen unerwarteten Ausfall,
GOLIZYNFürst Chowansky.
GOLIZYNIch bin der Eurige,
GOLIZYNso lange es Euch genehm sein wird.
IWAN CHOWANSKYAber erlaubt daran zu zweifeln, Fürst.
GOLIZYNIch möchte um die Erlaubnis bitten,
GOLIZYNmeine Rede zu beenden.
IWAN CHOWANSKYNun, das sei genehmigt,
IWAN CHOWANSKYmit welchem Ziel auch immer!
GOLIZYNVielleicht habe ich die Bojaren sehr beleidigt,
GOLIZYNaber es musste sein.
GOLIZYNNur seltsam ist, dass ich
GOLIZYNEuch dabei ganz vergessen habe,
GOLIZYNFürst Chowansky,
GOLIZYNobgleich ich wusste, dass Ihr
GOLIZYNneidisch auf jenen Bojaren wart,
GOLIZYNder - Ihr erinnert Euch - beim Zaren Alexej
GOLIZYNwegen seines Platzes bei Tisch so sehr gekränkt war,
GOLIZYNdass er sich bei der Mahlzeit unter den Tisch verkroch,
GOLIZYNheisse Tränen vergoss
GOLIZYNund wie ein bestraftes Kind heulte.
IWAN CHOWANSKYNun, was lügst du da!
GOLIZYNDorthin, unter den Tisch,
GOLIZYNbefahl der Allergnädigste Zar
GOLIZYNdem Bojaren
GOLIZYNWein und Speisen zu schieben ...
GOLIZYNUnd du, Fürst Chowansky,
GOLIZYNdu allmächtiger Herrscher,
GOLIZYNvor dem ganz Moskau
GOLIZYNim Staube lag,
GOLIZYNblutübergossen,
GOLIZYNdu findest nirgendwo einen Platz!
IWAN CHOWANSKYNun reicht es, Fürst!
IWAN CHOWANSKYIch habe dich in Ruhe angehört
IWAN CHOWANSKYund dich an deinem Lästern nicht gehindert.
IWAN CHOWANSKYHöre aber auch du mich an,
IWAN CHOWANSKYund unterbrich mich nicht.
Golizyn macht eine ironisch gemeinte, höfliche Verbeugung. Dossifej tritt ein und bleibt stehen, ohne Chowansky aus den Augen zu lassen
IWAN CHOWANSKYWeisst du, wessen Blut in mir fliesst?
IWAN CHOWANSKYGedimins* Blut fliesst in mir,
IWAN CHOWANSKYjawohl, Fürst,
IWAN CHOWANSKYund deshalb dulde ich
IWAN CHOWANSKYdeinen Hochmut nicht!
IWAN CHOWANSKYWomit blähst du dich auf?
IWAN CHOWANSKYNein, mit Verlaub, sag es mir:
IWAN CHOWANSKYWorauf bist du so stolz?
IWAN CHOWANSKYEtwa auf den berühmten Feldzug,
IWAN CHOWANSKYals du eine Unzahl Truppen
IWAN CHOWANSKYnicht durch Kampf, sondern durch Hunger ausrottetest?
IWAN CHOWANSKY* Grossfürst von Litauen, 1316-1341
GOLIZYNjährzornig
GOLIZYNWas?
GOLIZYNDir kommt es nicht zu, meine Taten zu beurteilen!
IWAN CHOWANSKYSo sind sie aber nun mal, stimmt es nicht?
GOLIZYNNein,
GOLIZYNdein Verstand reicht dafür nicht,
GOLIZYNhörst du!
IWAN CHOWANSKYzornig
IWAN CHOWANSKYWas heisst das?
DOSSIFEJbleibt zwischen den Fürsten stehen
DOSSIFEJFürsten, mässigt Euren Zorn,
DOSSIFEJbesänftigt Euren bösen Stolz.
DOSSIFEJDie Fürsten stehen unbeweglich und wenden sich voneinander ab
DOSSIFEJNicht in Eurem Zwist liegt die Rettung Russlands.
DOSSIFEJWahrhaftig, es ist schön, auf Euch, Fürsten,
DOSSIFEJzu blicken!
DOSSIFEJVersammelt habt ihr Euch zum Rat:
DOSSIFEJSo sollte man sich um Russland sorgen,
DOSSIFEJaber da sind sie mal eben zusammengekommen
DOSSIFEJund sind wie die Streithähne: Zap, zap!
GOLIZYNDossifej,
GOLIZYNich bitte die Grenzen zu wahren.
GOLIZYNDu hast vergessen,
GOLIZYNdass die Fürsten ihre eigene Art haben,
GOLIZYNes ist nicht die deinige, mein Lieber.
DOSSIFEJIch habe nicht vergessen,
DOSSIFEJich könnte mich wohl an meine vergessene
DOSSIFEJund auf ewig begrabene
DOSSIFEJVergangenheit erinnern.
GOLIZYNWas hast du vergessen?
GOLIZYNWas hast du begraben?
DOSSIFEJDie von mir selbst verworfene,
DOSSIFEJmeine fürstliche Macht, Fürst.
GOLIZYNfür sich
GOLIZYNFürst Mysetzky?
IWAN CHOWANSKYMysetzky?
GOLIZYNWahrhaftig ...
GOLIZYNes liefen Gerüchte um. . .
GOLIZYNich konnte es nicht glauben,
GOLIZYNdass die russischen Fürsten jetzt die Vorväter fliehen
GOLIZYNund sich in Mönchskutten kleideten.
IWAN CHOWANSKYRichtig!
IWAN CHOWANSKYWenn du als Fürst geboren bist, musst du Fürst bleiben.
IWAN CHOWANSKYDas Gewand des Mönchs ist für uns Fürsten
IWAN CHOWANSKYnicht nach Mass gewebt.
DOSSIFEJFürsten, lasst von diesen leeren Träumen ab.
DOSSIFEJHinweg mit ihnen.
DOSSIFEJWir haben uns hier zum Rat versammelt.
DOSSIFEJLasst uns beginnen, die Zeit duldet
DOSSIFEJkeinen Aufschub.
setzt sich
GOLIZYNIch bitte, Platz zu nehmen.
IWAN CHOWANSKYWenn schon Mysetzky, der ehemalige Fürst, sich setzt,
IWAN CHOWANSKYso befiehlt mir, Chowansky,
IWAN CHOWANSKYsogar Gott selbst,
IWAN CHOWANSKYmich zu setzen.
DOSSIFEJMysetzky ist von nun an fern.
DOSSIFEJBeruhigt euch.
DOSSIFEJIch bin nicht Mysetzky, ich bin Dossifej,
DOSSIFEJder demütige Knecht Gottes.
GOLIZYNGott sei Dank!
IWAN CHOWANSKYIn Wahrheit, Gott sei Dank!
DOSSIFEJFürsten!
DOSSIFEJDer allmächtige Gott sandte Euch
DOSSIFEJRat und Weisheit.
GOLIZYNVor allem würde ich gerne
GOLIZYNdirekt zum Ziel unseres Gespräches kommen.
DOSSIFEJHabt Ihr, Fürsten, nicht erkannt,
DOSSIFEJworin für das heilige Russland der Untergang liegt
DOSSIFEJund worin seine Rettung?
DOSSIFEJWarum schweigt ihr denn?
GOLIZYNMan muss die Kräfte kennen.
GOLIZYNWo sind diese Kräfte?
DOSSIFEJUnsere Kräfte?
DOSSIFEJIn Gottes Herz
DOSSIFEJund im heiligen Glauben.
GOLIZYNJa, das versteht sich.
GOLIZYNNein, ich meine andere Kräfte.
DOSSIFEJWas heisst hier andere Kräfte,
DOSSIFEJwenn die Bauern die Häuser verlassen
DOSSIFEJund umherziehen?
GOLIZYNNun, das bedeutet, das Gespräch ist beendet.
DOSSIFEJNun, und was meinst du, Fürst Chowansky?
IWAN CHOWANSKYIch?
IWAN CHOWANSKYLasst mir nur meine Strelitzen,
IWAN CHOWANSKYund - weiss Gott -
IWAN CHOWANSKYich habe Moskau bewahrt,
IWAN CHOWANSKYund ich werde
IWAN CHOWANSKYmit ganz Russland fertig.
GOLIZYNSo. Und was für eine Herrschaft wird es geben?
IWAN CHOWANSKYWie - was für eine?
IWAN CHOWANSKYMeine, hoffe ich.
GOLIZYNzu Dossifej
GOLIZYNUnd was meinst du dazu?
DOSSIFEJzu Golizyn
DOSSIFEJÜber die Herrschaft?
DOSSIFEJNach friedlicher, alter Art,
DOSSIFEJnach den alten Büchern,
DOSSIFEJund alles weitere wird das Volk schon sagen.
GOLIZYNNicht doch, am Alten hänge ich nicht allzu sehr,
GOLIZYNwie ich bekennen muss.
IWAN CHOWANSKYzu Dossifej
IWAN CHOWANSKYSiehst du, er ist direkt, was?
DOSSIFEJzu Golizyn
DOSSIFEJNicht umsonst hast du in Deutschland
DOSSIFEJdie Schule besucht.
DOSSIFEJFühre nur den Teutonen gegen uns,
DOSSIFEJmit seinem Teufelsheer;
DOSSIFEJmeinetwegen führe Lustbarkeiten und Tänze bei uns ein,
DOSSIFEJdem Teufel zu Gefallen.
GOLIZYNDossifej!
GOLIZYNWirf mir nicht Verrat vor;
GOLIZYNich habe mich von mir nicht losgesagt, wie du.
GOLIZYNMeine Liebe zum Vaterland ist vielleicht tiefer
GOLIZYNals dein Trachten nach der friedlichen, alten Zeit.
DOSSIFEJIn mir und meinem Zorn musst du
DOSSIFEJden Zorn und das Klagen des Volkes vernehmen, Fürst.
DOSSIFEJDas Volk flieht vor Euren bösen Neuerungen
DOSSIFEJin die Wälder und in die Wildnis.
IWAN CHOWANSKYDas ist die Wahrheit! Das ist auch meine Meinung;
IWAN CHOWANSKYich habe nämlich auch den Kern der Sache erkannt.
IWAN CHOWANSKYDem stolzen Fürsten habe ich es doch wiederholt gesagt,
IWAN CHOWANSKYso nämlich habe ich immer wieder gesprochen:
IWAN CHOWANSKY»Fürst, zerstöre nicht das Alte!«
IWAN CHOWANSKYAber er hat, wie man sieht,
IWAN CHOWANSKYden Bojaren die Plätze gemindert.
DOSSIFEJIhr solltet besser auf die Strelitzen achten.
IWAN CHOWANSKYAch, was ist mit den Strelitzen?
DOSSIFEJDem Mammon dienen sie.
DOSSIFEJBelial verehren sie,
DOSSIFEJsie haben ihre Frauen und Häuser aufgegeben,
DOSSIFEJsie brüllen und treiben sich umher wie die Tiere.
IWAN CHOWANSKYSieh da!
IWAN CHOWANSKYBin ich etwa schuld,
IWAN CHOWANSKYdass sie sich am grünen Wein berauschten?
IWAN CHOWANSKYOhne Wein
IWAN CHOWANSKYhätten sie ordentlich gedient.
DOSSIFEJAber was schautest du ihnen zu?
DOSSIFEJAch, Schwätzer, du bist ein Schwätzer.
GOLIZYNauffahrend
GOLIZYNWas denn? ... Was soll das? ...
GOLIZYNIch bitte darum, in meinem Hause
GOLIZYNdie Sitte zu bewahren.
IWAN CHOWANSKYIch lasse mich nicht fälschlich beschuldigen!
GOLIZYNIch möchte darum bitten, meine Gäste zu achten, Verehrter!
Golizyn am Tisch wendet sich von ihnen ab. Dossifej und Golizyn hören aufden Gesang in der Ferne
MÖNCHEWir haben gesiegt,
MÖNCHEwir haben die Gottlosen beschämt und widerlegt.
IWAN CHOWANSKYOder bin ich vielleicht
IWAN CHOWANSKYjetzt zum Gespött geworden,
IWAN CHOWANSKYweil ich Euch Hilfe gab mit Truppen,
IWAN CHOWANSKYRat, und meiner nicht kleinen Kasse?
DOSSIFEJfeierlich
DOSSIFEJSchweigt
DOSSIFEJund vernehmt die Mutigen,
DOSSIFEJdie auf dem Weg des Herrn wandeln.
GOLIZYN(beunruhigt
GOLIZYNWas bedeutet das?
DOSSIFEJIhr, Bojaren, seid nur in Worten gross,
DOSSIFEJauf die Prozession zeigend
DOSSIFEJaber diese hier handeln.
DOSSIFEJAItgläubige Mönche, von einer Menge begleitet, kommen feierlich heran; sie halten die heiligen Bücher senkrecht über ihren Köpfen
DOSSIFEJSeht, seht, da kommen sie!
MÖNCHEWir haben sie besiegt, beschämt, widerlegt,
MÖNCHEund wir haben die Häresie der Gottlosigkeit bekämpft
MÖNCHEund die feindlichen Abgründe des Bösen.
MÖNCHEWir haben die Nikonianer widerlegt und überwunden.
IWAN CHOWANSKYerfreut
IWAN CHOWANSKYHelden, Kinder, tapfer seid ihr!
GOLIZYNbeunruhigt
GOLIZYNWer sind die Helden?
DOSSIFEJfeierlich
DOSSIFEJWiderlegt und überwunden haben wir
DOSSIFEJder Nikonianer Lügenlehre,
DOSSIFEJwir haben den Weinberg des Herrn gepflanzt.
DOSSIFEJWir haben den wahren Glauben bewahrt,
DOSSIFEJzum Ruhm des Schöpfers der Erde.
MÖNCHEentfernt
MÖNCHEWir haben sie widerlegt!
MÖNCHEWir haben die gottlosen Nikonianer überwunden.
GOLIZYNzornig
GOLIZYNDas ist die Spaltung!
IWAN CHOWANSKYkühn
IWAN CHOWANSKYDas liebe ich!
IWAN CHOWANSKYDurch uns und das Alte
IWAN CHOWANSKYwird sich Russland wieder erfreuen können.
stürzt herein; ausser Atem zum Fürsten Golizyn
MARFAFürst, Fürst!
MARFABefiehl, mich nicht zu strafen,
MARFAbefiehl Erbarmen!
GOLIZYNin abergläubischer Angst
GOLIZYNWerwölfin!
IWAN CHOWANSKYsich auf Golizyn stürzend
IWAN CHOWANSKYGott sei mit dir!
IWAN CHOWANSKYWas hast du, Fürst?
IWAN CHOWANSKYDas ist Marfa.
DOSSIFEJzu Marfa
DOSSIFEJWas ist mit dir, geliebtes Kind?
MARFAerkennt Dossifej
MARFAVater! Du bist hier?
MARFAIch kam abends vom Fürsten;
MARFAund als ich in den Hinterhof gelange, ist da plötzlich ein, Diener.
MARFAIch begriff sofort: Er folgte mir, ganz offenkundig,
MARFAbis hinter Bjelgorod, in die Nähe des Sumpfes.
MARFAHier beim Sumpf fing er an, mich zu würgen,
MARFAzu Golizyn
MARFAer sagt, du hättest es befohlen, Fürst.
MARFAIch glaubte es nicht, ich wehrte mich;
MARFAaber der Übeltäter plante, die böse Tat auszuführen.
MARFALange kämpften wir,
MARFAmir drohte das Verderben
MARFADa, ich kann mich schon nicht mehr erinnern, wie,
MARFAergab sich die Gelegenheit, kaum mehr bei Kräften,
MARFAdass ich mich losriss Dank sei dir, o Gott
MARFADie Petrowzen kamen rechtzeitig
MARFAund hielten auf dem Hinterhof.
MARFAGOLIZYN, IWAN CHOWANSKY, DOSSIFEJ
MARFADie Petrowzen?
MARFAJa, Peters Regiment kam.
WARSSONOWJEWstürzt hastig herein
WARSSONOWJEWSchaklowity!
WARSSONOWJEWflieht durch die Aussentür
SCHAKLOWITYtritt durch die Seitentür ein
SCHAKLOWITYIhr Fürsten!
SCHAKLOWITYDie Zarin befahl, Euch mitzuteilen,
SCHAKLOWITYdass in Ismajlowo folgende Nachricht angeheftet wurde:
SCHAKLOWITYDie Chowanskys haben einen Anschlag
SCHAKLOWITYauf die Zarenkrone versucht.
IWAN CHOWANSKYDie Chowanskys!
DOSSIFEJzu Chowansky
DOSSIFEJGib deine Träume auf!
DOSSIFEJzu Schaklowity
DOSSIFEJUnd was sagte Zar Peter?
SCHAKLOWITYEr schalt das »Chowanschtschina«
SCHAKLOWITYund befahl eine Untersuchung.
Trompeten der Petrowzen hinter der Szene
SYSTEMDRITTER AKT
SCHAKLOWITYSamoskwaretschje, Vorstadt der Strelitzen, gegenüber von Bjelgorod, jenseits der Kremlseite der Moskwa. Hinter dem Fluss ist ein Teil von Bjelgorod sichtbar. In der Ferne eine starke Holzwand aus kräftigen Bohlen. Mittagszeit
gehen in Begleitung einer Menge durch die Vorstadt; hinter der Szene
ALTGLÄUBIGEWir haben sie bezwungen und widerlegt,
ALTGLÄUBIGEwir haben die häretische Gottlosigkeit
ALTGLÄUBIGEund die feindlichen Abgründe des Bösen überwunden!
ALTGLÄUBIGEtreten auf die Bühne
ALTGLÄUBIGEWir haben die Nikonianer widerlegt
ALTGLÄUBIGEund sie überwunden!
ALTGLÄUBIGEWir haben gesiegt,
ALTGLÄUBIGEwir haben sie bezwungen!
ALTGLÄUBIGEMarfa sondert sich unbemerkt von der Menge ab
ALTGLÄUBIGEWir haben die häretische Gottlosigkeit,
ALTGLÄUBIGEdie feindlichen Abgründe des Bösen überwunden!
ALTGLÄUBIGESie verschwinden langsam hinter der Wand
ALTGLÄUBIGEWir haben gesiegt ...
ALTGLÄUBIGEüber die Gottlosigkeit ...
ALTGLÄUBIGEgeächtet und überwunden!
ALTGLÄUBIGEDie Bühne wird allmählich leer
MARFAsitzt auf dem Wall vor Chowanskys Haus
MARFAEin junges Mädchen ging hinaus,
MARFAdurch alle Wiesen und Sümpfe,
MARFAdurch alle Wiesen und Sümpfe
MARFAund durch alle Heuschläge.
MARFASusanna schleicht sich heran und horcht.
MARFADas junge Mädchen trat hinaus
MARFAund zerstach sich die Füsschen,
MARFAimmer den Liebsten suchend,
MARFAaber konnte ihn doch nicht finden.
MARFASchon hat es sich herangestohlen,
MARFAdas junge Mädchen, zu dem Schloss,
MARFAschon hat es an das Fensterchen geklopft,
MARFAschon hat es an das klingende Ringlein geschlagen:
MARFAErinnere dich, gedenke mein, Liebster,
MARFAach, vergiss nicht, wie du schworst,
MARFAviele Nächte hindurch habe ich mich gequält,
MARFAimmer mich tröstend an deinem Schwur.
MARFAWie Kerzen Gottes
MARFAwerden wir leuchten:
MARFARingsum die Brüder in Flammen,
MARFAin Rauch und Feuer entschwinden die Seelen.
MARFAAber du hast aufgehört, das junge Mädchen zu lieben
MARFAes war deine Freiheit, und sie wird dir zum Verderben.
MARFAIn der bösen Sklaverei wirst du
MARFAdie überdrüssig gewordene, üble Altgläubige zu spüren bekommen.
SUSANNAböse
SUSANNAO Sünde! Schwere, unverzeihliche Sünde.
SUSANNAHölle! Ich sehe die brennende Hölle,
SUSANNAdas Freudengeschrei der Teufel,
SUSANNAder Höllenschlund lodert,
SUSANNAes kocht das flammende Pech.
MARFAMutter, Erbarmen, erzähle mir von deiner Furcht.
MARFAUnerträglich ist unser Leben geworde
MARFAin diesem Tal des Klagens und der Trauer ...
MARFAbeiseite
MARFAAugenscheinlich will sie meine Bücherweisheit nicht hören!
SUSANNAhorcht auf
SUSANNAAch, sieh da!
SUSANNADu Listige, spielst die Beleidigte
SUSANNAund singst für dich sündhafte Lieder.
MARFADu hast meinem Lied gelauscht,
MARFAwie ein Dieb hast du dich zu mir geschlichen,
MARFAnach Diebesart
MARFAhast du meinem Herzen die Trauer geraubt
MARFABarmherzige Mutter!
MARFAIch habe vor den Menschen meine Liebe nicht verheimlicht,
MARFAund vor dir werde ich nicht die Wahrheit verbergen.
MARFAnähert sich Susanna
SUSANNAO Herr!
MARFAEs war furchtbar, wie er zu mir flüsterte,
MARFAund seine heissen Lippen brannten wie eine Flamme.
SUSANNAHalt ... verschöne mich!
SUSANNAVersuchst du mich mit bösem Wort,
SUSANNAmit teuflischer Rede?
MARFANein, Mutter, nein, so höre doch!
MARFAWenn du doch irgendwann die Liebesglut
MARFAdes gequälten Herzens verstehen könntest;
MARFAwenn du die Neigung verspürtest,
MARFAdich der Liebe zum Geliebten in der ganzen Seele hinzugeben,
MARFAviele, viele Sünden würden dir vergeben,
MARFAbarmherzige Mutter, vielen würdest du selbst verzeihen,
MARFAwenn du im Herzen die Trauer der Liebe verstündest.
SUSANNAWas ist mit mir?
SUSANNAMein Gott, was ist mit mir?
SUSANNAVermag ich nicht mehr zu erkennen?
SUSANNAFlüstert ein listiger Teufel mir Böses ein?
MARFAErinnere dich, gedenke mein, Liebster,
MARFAach, vergiss nicht, wie du mir schworst,
MARFAviele Nächte hindurch habe ich mich gequält,
MARFAimmer mich tröstend an deinem Schwur.
SUSANNAGott, mein Gott!
SUSANNAEntferne von mir den rasenden Dämon.
SUSANNAUnstillbare Rachsucht
SUSANNAhält mein Herz gefangen.
SUSANNAzu Marfa
SUSANNADu, du führtest mich in Versuchung,
SUSANNAdu hast mich verblendet,
SUSANNAden Geist der höllischen Bosheit
SUSANNAhast du mir geschickt.
SUSANNAZum Gericht, zum Gericht der Brüder,
SUSANNAzum grausamen Gericht der Kirche!
SUSANNADossifej kommt aus dem Haus Chowanskys
SUSANNAÜber deinen bösen Zauber
SUSANNAwerde ich bei Gericht aussagen;
Marfa steht auf, als sie Dossifej erblickt und verneigt sich vor ihm
SUSANNAich werde dir dort
SUSANNAden flammenden Scheiterhaufen errichten!
DOSSIFEJSusanna Einhalt gebietend
DOSSIFEJWarum ereiferst du dich?
MARFAnähert sich Dossifei
MARFAGütiger Vater!
MARFAMutter Susanna entbrannte in Zorn
MARFAüber meine Rede, ohne Falsch und Trug...
DOSSIFEJWarum denn das, Mutter?
DOSSIFEJErinnerst du dich, oder hast du es vergessen,
DOSSIFEJdass Marfa dich vor grossem Unglück bewahrte?
DOSSIFEJIn der Folterkammer haben sie dich mit
DOSSIFEJder Wippe peinlich befragt, wegen deiner Bosheit,
DOSSIFEJwegen deines Zornes, wegen deiner Torheit.
SUSANNAWas geht mich das an?
SUSANNAIch verzeihe nicht!
SUSANNASie hat mich versucht, sie hat mich geblendet,
SUSANNAsie hat mir den höllischen Geist
SUSANNAder Bosheit gebracht.
SUSANNAZum Gericht mit ihr, zum Gericht der Brüder,
SUSANNAzum strengen Gericht der Kirche!
DOSSIFEJHalt ein, Rasende!
DOSSIFEJHalt ein!
DOSSIFEJIn stolzer Bosheit machtest du einen Anschlag
DOSSIFEJliebevoll auf Marfa zeigend
DOSSIFEJauf das kranke Herz
DOSSIFEJdeiner gequälten Schwester.
SUSANNANein, ich unterwerfe mich nicht.
DOSSIFEJDu? ... Du, Susanna?
DOSSIFEJDienerin Belials und der Hölle,
DOSSIFEJdurch deine Raserei wurde die Hölle geschaffen!
DOSSIFEJUnd hinter dir eilen und jagen,
DOSSIFEJhüpfen und tanzen
DOSSIFEJLegionen von Teufeln!
DOSSIFEJSusanna bedeckt sich mit ihrer Kapuze und entfernt sich in beherrschter Haltung. Dossifej folgt ihr
DOSSIFEJTochter Belials, weiche von hinnen!
DOSSIFEJAusgeburt der Hölle, weiche von hinnen!
DOSSIFEJEr folgt Susanna, bis sie nicht mehr zu sehen ist; dann kehrt er zurück
DOSSIFEJNun, mag Sie! Sie scheint fort zu sein.
DOSSIFEJzu Marfa
DOSSIFEJAch du, meine Liebe,
DOSSIFEJhab ein wenig Geduld, und diene unerschütterlich
DOSSIFEJunserem alten, heiligen Russland,
DOSSIFEJdas wir doch suchen.
MARFAWehe, mir schmerzt das Herz, Vater,
MARFAman sieht, es leidet schlimme Qual!
MARFAVerachtet, vergessen und verstossen bin ich.
DOSSIFEJVon Fürst Andrej?
MARFAJa.
DOSSIFEJHat er dich beleidigt?
MARFAEr wollte sein Messer ziehen.
DOSSIFEJUnd was hast du mit ihm gemacht?
MARFAin mystischer Stimmung
MARFAWie die göttlichen Kerzen
MARFAwerden wir uns schnell aneinander wärmen.
MARFAInmitten der Brüder stürzen wir uns
MARFAin die Flamme, in den Rauch, in das Feuer!
DOSSIFEJVerbrennen! Furchtbare Tat!
DOSSIFEJNoch ist die Zeit nicht gekommen, mein Täubchen…
MARFAAch, Vater!
MARFAMeine Liebe ist eine furchtbare Prüfung,
MARFATag und Nacht hat die Seele keine Ruhe.
MARFAIch meine, ich achtete nicht des Herrn Gebot,
MARFAund sündig und frevlerisch ist meine Liebe.
MARFAkniend
MARFAVater, wenn meine Liebe Frevel ist,
MARFAdann strafe mich schnell, strafe mich:
MARFAach, schone mich nicht, mag mein Fleisch sterben,
MARFAdamit meine Seele dadurch gerettet wird.
DOSSIFEJMarfa, mein unglückliches Kind!
DOSSIFEJVerzeih mir, ich bin der erster aller Sünder!
DOSSIFEJIm Willen des Herrn ist unsere Pflicht.
DOSSIFEJGehen wir fort von hier.
DOSSIFEJführt Marfa fort und tröstet sie
DOSSIFEJHab Geduld, mein Täubchen;
DOSSIFEJliebe, wie du geliebt hast;
DOSSIFEJalles, was geschehen ist, geht vorüber.
DOSSIFEJVon der entgegengesetzten Seite tritt Schaklowity auf
SCHAKLOWITYDas Nest der Strelitzen schläft.
SCHAKLOWITYSchlafe, russisches Volk:
SCHAKLOWITYDer Feind schlummert nicht.
SCHAKLOWITYAch du, heimatliches Russland
SCHAKLOWITYmit deinem unglücklichen Schicksal!
SCHAKLOWITYWer denn, wer rettet dich,
SCHAKLOWITYtrauriges Land, vor bösem Unglück?
SCHAKLOWITYWird ein böser Feind mit seiner Hand
SCHAKLOWITYdein Schicksal besiegeln?
SCHAKLOWITYOder erwartet der schadenfrohe Deutsche
SCHAKLOWITYvon deinem Schicksal Gewinn?
SCHAKLOWITYAch, teure Heimat!
SCHAKLOWITY0 nein, niemals sollst du ihnen,
SCHAKLOWITYdeinen üblen Feinden, untertan sein!
SCHAKLOWITYSei eingedenk und erinnere dich deiner Kinder,
SCHAKLOWITYdie doch an dir hängen und unglücklich sind.
SCHAKLOWITYnachdenklich
SCHAKLOWITYDu stöhntest unter dem Joch der Tataren,
SCHAKLOWITYdu gingst und schlepptest dich nach den Launen der Bojaren.
SCHAKLOWITYMit den Steuern für die Tataren
SCHAKLOWITYberuhigtest du die Feindschaft unter den Bojaren,
SCHAKLOWITYdu zwangst sie auf ihren »Platz«.
SCHAKLOWITYVerschwunden ist das Tatarenjoch,
SCHAKLOWITYdie Bojarenmacht hat aufgehört -
SCHAKLOWITYaber du, trauerndes Land,
SCHAKLOWITYleidest und duldest immer noch.
SCHAKLOWITYMein Gott!
SCHAKLOWITYDu, der du aus unendlichen Höhen
SCHAKLOWITYunsere sündige Welt lenkst,
SCHAKLOWITYdu, der du alle Geheimnisse
SCHAKLOWITYder betrübten und ohnmächtigen Herzen kennst,
SCHAKLOWITYsende auf Russland
SCHAKLOWITYdas gnadenreiche Licht deines Geistes herab.
SCHAKLOWITYSchenke ihm einen Auserwählten,
SCHAKLOWITYder das unglückliche Russland rette und emporführe,
SCHAKLOWITYdieses leidende Land! O, mein Gott,
SCHAKLOWITYnimm hinweg die Sünden der Welt, erhöre mich:
SCHAKLOWITYLass Russland nicht untergehen
SCHAKLOWITYdurch seine bösen Söldner!
hinter der Szene
STRELITZENAuf, auf, ihr Burschen!
STRELITZENOder fällt euch der Aufbruch zu schwer?
STRELITZENAuf, auf, ihr Burschen!
STRELITZENSammelt euch, Strelitzen-!
STRELITZENOder schmerzt das Köpfchen,
STRELITZENoder drückt das Herz?
SCHAKLOWITYhorcht auf
SCHAKLOWITYDie Herde ist erwacht!
SCHAKLOWITYspöttisch
SCHAKLOWITYDie friedliche Herde
SCHAKLOWITYder allweisen Chowanskys.
SCHAKLOWITYNicht lange ist die Frist:
SCHAKLOWITYDas Lied wird bald gesungen sein!
verbirgt sich in der Strasse
STRELITZENSich zu besaufen, wäre schön,
STRELITZENum den Rausch zu vertreiben!
STRELITZENauf die Bühne kommend
STRELITZENHer damit!
STRELITZENAch, nichts, kein Kummer würde geschehen,
STRELITZENgäbe es nicht den bösen, berauschenden Branntwein.
STRELITZENAch! Nicht der Wein ist schuld,
STRELITZENsondern die Schuld hat der Suff.
STRELITZENOh, oh, o weh!
STRELITZENEr ist umgefallen, ach, der Strelitze hat sich schlafengelegt;
STRELITZENweckt ihn nicht, Christenvolk.
STRELITZENLasst den Strelitzen in Ruhe.
TENÖREHe, heissa, wach auf
TENÖREhe, heissa, steh auf!
TENÖREVon deinem Lager,
TENÖRENutzloser,
TENÖREdu Strelitze!
TENÖRELos, vernichte, zerstöre,
TENÖREschlage, zerschlage willentlich und mit Heldenmut
TENÖREallen Schaden, alle Verleumdung
TENÖREund Dieberei, alles, was von den Feinden
TENÖREso angerichtet worden ist!
BÄSSEHeissa, er hat sich erhoben,
BÄSSEhe, der Strelitze ist aufgewacht.
BÄSSEMit dem linken Fuss aufstehen,
BÄSSEbringt Sünde.
BÄSSEAuf, spute dich, Strelitze,
BÄSSEvorwärts, mein Lieber,
BÄSSEin ganz Moskau wüte
BÄSSEdie Zerstörung!
BÄSSEHe, Strelitze, du Held,
BÄSSEfürchte dich nicht, sei ganz ruhig;
BÄSSEhalte Wache für ganz Russland,
BÄSSEheissa, Strelitze, heissa, du Held.
BÄSSEHe, ho!
STRELITZENFRAUENlaufen herbei und stürzen sich auf ihre Männer
STRELITZENFRAUENOh, ihr verdammten Trunkenbolde,
STRELITZENFRAUENihr unverbesserlichen Herumlungerer!
STRELITZENFRAUENNichts kümmert euch,
STRELITZENFRAUENnichts hindert euch!
STRELITZENFRAUENFrauen und Familien habt ihr vergessen.
STRELITZENFRAUENEure kleinen Kinder habt ihr elendiglich im Stich gelassen,
STRELITZENFRAUENdem Tod geweiht.
STRELITZENFRAUENOh, ihr verdammten Trunkenbolde,
STRELITZENFRAUENihr unverbesserlichen Herumlungerer,
STRELITZENFRAUENnichts kümmert euch,
STRELITZENFRAUENnichts hindert euch,
STRELITZENFRAUENeuch stört nichts, verdammte Trunkenbolde,
STRELITZENFRAUENTrunkenbolde!
STRELITZENDie Weiber sind wohl aufgebracht,
STRELITZENsie machen sich stark, sie stören uns,
STRELITZENmit Gewalt wollen sie uns stören.
STRELITZENStreitsüchtig sind sie und rufen zum Kampf!
entfernen sich von den Frauen
STRELITZENWeiber, hört! Nun reicht es!
STRELITZENO wie schrecklich,
STRELITZENdiese Strelitzenweiber,
STRELITZENda haben sie sich gerüstet,
STRELITZENum mit ihren Männern zu kämpfen.
STRELITZEzänkisch
STRELITZEWo sind denn hier unsere Männer?
STRELITZEDas war einmal, sie sind nicht mehr.
STRELITZENAch, es ist schwierig
STRELITZENür die Weiber,
STRELITZENgegen Manneskraft
STRELITZENund Manneswille anzukommen.
STRELITZENFRAUENWo kann denn die Manneskraft sein?
STRELITZENFRAUENDer Wille ist im Suff draufgegangen!
STRELITZENO weh!
STRELITZENWir kannten keinen Kummer,
STRELITZENda kamen die Weiber angeflogen
STRELITZENund mit ihnen der Kummer.
STRELITZENFRAUENBitteren Kummer
STRELITZENFRAUENhaben wir schon allemal!
STRELITZENKuska!
KUSKANun was denn?
STRELITZENKuska!
KUSKANun!
STRELITZENMit Verlaub,
STRELITZENhilf uns, Freund!
STRELITZENHörst du? Tröste die gehässigen Weiber da!
KUSKAWas denn, Freunde?
STRELITZENWir wollen doch mal sehen.
KUSKAzu den Strelitzenfrauen
KUSKAAch, ich kann nicht mehr, o weh,
KUSKAseht, ich bin ganz ermüdet.
KUSKAStreng und zornig
KUSKAsind die Frauen der Strelitzen.
KUSKASie sind so zornig,
KUSKAdass sie nichts erlauben,
KUSKAnur verbieten können diese Weiber
KUSKAund befehlen, ganz und gar zu schweigen.
KUSKAIhr, Frauen, Herrinnen,
KUSKAerlaubt, gestattet.
STRELITZENFRAUENOho!
STRELITZENTüchtig, Kuska!
KUSKAzur Balalaika
KUSKAIn einer engen Gasse,
KUSKAdort in einem dunklen Winkel,
KUSKAlebte ein böses Weib,
KUSKAallein und gross.
KUSKASie begann zu denken und zu rätseln,
KUSKAwie sie die Menschen stören könnte,
KUSKAihre Liebe verleumden könnte,
KUSKAFrauen und Männer entzweien könnte.
STRELITZENWie heisst die Alte?
STRELITZENWurde die Alte gerufen,
STRELITZENhörte sie auf den Namen »Böse Verleumdung«,
STRELITZENviel Unheil richtete sie an,
STRELITZENlockte zum Bösen.
STRELITZENVerdammt sein müsste
STRELITZENdie böse, böse Alte,
STRELITZENdie sich selbst
STRELITZEN»Böse Verleumdung« nannte.
STRELITZENFRAUENDie »Verleumdung« stahl sich auch
STRELITZENFRAUENin einem Augenblick in die Familien.
STRELITZENFRAUENDie »Verleumdung« zerstörte die Familien
STRELITZENFRAUENund machte die Kinder unglücklich.
STRELITZENFRAUENFürchtet, ihr braven Leute,
STRELITZENFRAUENdas böse, böse Weib »Verleumdung«,
STRELITZENFRAUENmit Unglück droht sie
STRELITZENFRAUENund straft das ganze Menschengeschlecht.
STRELITZENDie »Verleumdung« schlenderte durch die Folterkammern.
STRELITZENDie »Verleumdung« befreundete sich mit dem Henker,
STRELITZENalle Denunzianten verlockte sie
STRELITZENund beschenkte sie mit Gold und Silber.
STRELITZENSie verachtete auch nicht die Schreiber,
STRELITZENdie mit der Feder kritzeln
STRELITZENund, schau nur,
STRELITZENdas Leben der Menschen verkaufen.
KUSKADie »Verleumdung« hat so viele absonderliche Dinge getan,
KUSKAdass sich der Verstand der Menschen verwirrte,
KUSKAdass sie schwätzen und lügen
KUSKAund sich überhaupt nicht an die Wahrheit halten.
KUSKAVerehre nur die »Verleumdung«,
KUSKAund du verzichtest auf den Verstand;
KUSKAdie »Verleumdung« verkehrt alles von unten nach oben,
und den Berühmten nimmt sie den Ruhm.
STRELITZENFRAUENweh, hört, hört, hört, o weh!
STRELITZENFRAUENEine böse Alte ist die »Verleumdung«.
STRELITZENFRAUENWie können wir sie aus der Welt schaffen?
STRELITZENWie könnte man die »Verleurndung« nur abschaffen,
STRELITZENdamit man diese Alte nicht mehr sieht?
STRELITZENWie könnte man die Leute von ihr abbringen,
STRELITZENdamit die »Verleurndung« von ihnen verachtet wird?
STRELITZENEntscheidet euch, Burschen,
STRELITZENhaltet Rat, Strelitzen:
STRELITZENWie können wir sie aus der Welt schaffen?
KUSKAzieht sein Beil und schwingt es
KUSKAVerleumderinnen und Verleumder
KUSKAzum Gericht!
STRELITZEZum Gericht!
Schreckensschreie des Schreibers hinter der Szene, als ob er um Hilfe ruft
SCHREIBERschleppt sich ausser Atem herein
SCHREIBERUnglück, Unglück ... ach, schlimmes Unglück!
SCHREIBERIch kann nicht mehr!
SCHREIBERO weh, das ist der Tod!
STRELITZENWas schreist du so, Dummkopf?
STRELITZENAugenscheinlich hat man ihn munter gezaust!
STRELITZENWas faselst du, Teufel?
STRELITZENSo hat er Angst bekommen!
STRELITZENDas geschieht dir recht, verdammter Kerl!
STRELITZENFRAUENSeht, wie er zittert und kaum atmet!
STRELITZENFRAUENAls ob er Fieber hat!
SCHREIBERWas für ein Unglück!
SCHREIBERNein, man hat mich nicht geschlagen,
SCHREIBERman hat mich nicht gezaust,
SCHREIBERund weder meine Ohren
SCHREIBERnoch meine Lippen hat man beleidigt!
STRELITZENWelche starke, wilde Kraft
STRELITZENhat dich denn so zufällig
STRELITZENzu uns hergetrieben?
SCHREIBERTodesangst hat mich erschreckt!
STRELITZENEntweder hat er unsere Strelitzensitten vergessen oder nicht gekannt:
STRELITZENJeder, der ungerufen zu uns kommt,
STRELITZENwird als Dieb behandelt
STRELITZENund geht nicht lebendig von hier fort.
SCHREIBERVäter und Brüder!
SCHREIBERMir ist jetzt alles gleich,
SCHREIBERich sehe, der Tod ist nahe,
SCHREIBERdeshalb werdet ihr die Wahrheit hören.
SCHREIBERDie Reiter sind in der Nähe; sie eilen zu euch
SCHREIBERund werden alles zerstören!
STRELITZENDie Reiter! Die Reiter?
SCHREIBERHört!
SCHREIBERIn Kitajgorod war ich bei der Arbeit,
SCHREIBERpflichtgetreu
SCHREIBERund fromm;
SCHREIBERich schrieb einen Brief,
SCHREIBERmit ganzer Seele
SCHREIBERim Gottesfrieden
SCHREIBERund bei den Rechtgläubigen.
SCHREIBERPlötzlich höre ich
SCHREIBERfernen Hufschlag
SCHREIBERund das Wiehern der Pferde, Waffengeklirr,
SCHREIBERHarnische und wildes Geschrei ...
STRELITZENKlar, die haben dich gesucht!
STRELITZENGanz klar, dich wollten sie fangen!
STRELITZENAngst hast du ihnen eingejagt,
STRELITZENhöre, erschreckt hast du sie!
STRELITZENIm Sturmangriff
STRELITZENwollten sie dich nehmen!
STRELITZENSo ist das!
SCHREIBERSie waren schon in der Nähe von Bjelgorod,
SCHREIBERgerade bei der Strelitzenvorstadt,
SCHREIBERda flogen die bösen Räuber
SCHREIBERauf eure Frauen und Kinder
SCHREIBERund umzingelten sie.
STRELITZENDu lügst, du Schurke! Das ist nicht wahr!
STRELITZENFRAUENO Herr, unser Gott!
SCHREIBERPlötzlich kamen den Reitern,
SCHREIBERwer weiss woher
SCHREIBERdie Petrowzen zur Hilfe,
SCHREIBERund das Gemetzel ging los!
SCHREIBERO weh, die Strelitzen unterlagen! ...
STRELITZEWeh uns! Wehe!
SCHREIBERfür sich
SCHREIBERJetzt nichts wie weg
SCHREIBERauf Gedeih und Verderb! Fort! Pffft!
verschwindet heimlich
KUSKAStrelitzen, fragen wir doch den Vater,
KUSKAob es wahr ist oder nicht,
KUSKAwas dieser Teufel von Schreiber
KUSKAuns vorgesetzt hat
KUSKAüber Reiter und Petrowzen.
KUSKAOb es so ist?
STRELITZENFRAUENLasst uns ihn fragen!
STRELITZENLasst uns ihn fragen!
STRELITZEVater, Vater, komm zu uns!
STRELITZEDeine Kinder bitten dich.
STRELITZESie rufen dich.
STRELITZEVater, Vater, komm zu uns!
Iwan Chowansky zeigt sich unter dem Vordach des Schlosses
IWAN CHOWANSKYSeid gegrüsst, Kinder!
IWAN CHOWANSKYWillkommen!
STRELITZELebe in Freude und Ruhm
STRELITZEund sei gegrüsst, Vater!
IWAN CHOWANSKYWarum habt ihr mich gerufen?
IWAN CHOWANSKYHat euch irgendein Unglück getroffen?
STRELITZEDie Reiter und Petrowzen
STRELITZEbringen uns den Tod!
STRELITZENFühre uns in den Kampf!
IWAN CHOWANSKYIn den Kampf?
IWAN CHOWANSKYErinnert ihr euch, Kinder,
IWAN CHOWANSKYwie wir, bis an die Knöchel im Blut,
IWAN CHOWANSKYMoskau gegen seine bösen Feinde
IWAN CHOWANSKYverteidigten und bewahrten?
IWAN CHOWANSKYJetzt ist es anders:
IWAN CHOWANSKYFurchtbar ist Zar Peter!
IWAN CHOWANSKYGeht in eure Häuser,
IWAN CHOWANSKYerwartet ruhig den Beschluss des Schicksals!…
IWAN CHOWANSKYLebt wohl!
Er zieht sich zurück
STRELITZEO Herr und Gott,
STRELITZEschütze uns vor dem Gespött der Feinde
STRELITZEund bewahre uns und unsere Häuser
STRELITZEin deiner Barmherzigkeit.
SYSTEMVIERTER AKT
SYSTEMERSTES BILD
STRELITZEReich ausgestatteter Speisesaal im Haus des Fürsten Iwan Chowansky. Fürst Chowansky am Speisetisch. Bäuerinnen bei der Handarbeit
BÄUERINNENNeben dem Bächlein auf der Wiese
BÄUERINNENschlief ich junger Bursche,
BÄUERINNENund ich hörte eines Mädchens Stimme,
BÄUERINNENvom Bette stand ich auf,
BÄUERINNENbegann, mich rein zu waschen,
BÄUERINNENstand auf, dachte nach und brach auf,
BÄUERINNENzu dem Mädchen ging ich hinauf,
BÄUERINNENzu dem Mädchen ging ich hinauf.
IWAN CHOWANSKYWas singt ihr denn da,
IWAN CHOWANSKYGott bewahre!
IWAN CHOWANSKYAls ob man einen Toten
IWAN CHOWANSKYzur ewigen Ruhe brächte.
IWAN CHOWANSKYEs ist schon traurig genug im grossen Russland,
IWAN CHOWANSKYkeine Freude mehr zu leben;
IWAN CHOWANSKYund hier muss man das Weibergeheul hören: wie schön!
IWAN CHOWANSKYHeulen und Zähneknirschen, wunderbar!
IWAN CHOWANSKYGott bewahre!
IWAN CHOWANSKYEin fröhliches Lied will ich,
IWAN CHOWANSKYund voll Übermut! Hört ihr?
BÄUERINNENverneigen sich vor Iwan Chowansky
BÄUERINNENWie Ihr befehlt, Fürst und Bojar.
IWAN CHOWANSKYWas soll ich befehlen?
BÄUERINNENverneigen sich tiefer
BÄUERINNENWas Ihr hören wollt, Bojar und Fürst.
IWAN CHOWANSKYWas soll ich denn wollen?
BÄUERINNENunter sich
BÄUERINNENSingen wir Haidutschok?
IWAN CHOWANSKYWas flüstert ihr da? Ihr sollt singen!
BÄUERINNENtanzend
BÄUERINNENSpät am Abend sass ich,
BÄUERINNENund die Kerze brannte,
BÄUERINNENHaiduk, Haidutschok,
BÄUERINNENund die Kerze brannte.
BÄUERINNENFürst Chowansky klatscht nach dem Rhythmus des Liedes in die Hände
BÄUERINNENUnd die Kerze brannte,
BÄUERINNENbrannte bis zu Ende.
IWAN CHOWANSKYSchneller. So, ja!
BÄUERINNENHaiduk, Haidutschok,
BÄUERINNENund sie brannte bis zu Ende.
BÄUERINNENAlle Kerzen brannten aus,
BÄUERINNENund ich wartete auf den lieben Freund.
BÄUERINNENHaiduk, Haidutschok,
BÄUERINNENwartete auf den lieben Freund.
Der Vertraute des Fürsten Golizyn tritt ein
IWAN CHOWANSKYDu wagst es,
IWAN CHOWANSKYhier einzutreten?
VERTRAUTERFürst Golizyn befahl, dir zu sagen:
VERTRAUTER»Sei auf der Hut, Fürst!«
IWAN CHOWANSKYIch soll auf der Hut sein?
VERTRAUTERDir droht unausweichliches Unheil.
IWAN CHOWANSKYUnheil? Bist du von Sinnen? ...
IWAN CHOWANSKYfür sich
IWAN CHOWANSKYHier in meinem Haus, auf meinem Gut,
IWAN CHOWANSKYdroht mir Unheil ... unausweichlich?
IWAN CHOWANSKYDas ist zum Lachen, einfach lächerlich! ...
IWAN CHOWANSKYIhm beliebt es, einen Fürsten zu erschrecken!
IWAN CHOWANSKYPolen ist aufgewacht!
IWAN CHOWANSKYSteh auf, Chowansky!
IWAN CHOWANSKYErwache auch du.
IWAN CHOWANSKYzu den Dienern
IWAN CHOWANSKYHe, schickt ihn zu den Reitknechten!
IWAN CHOWANSKYSie sollen ihm geziemend Ehre erweisen!
IWAN CHOWANSKYEr wird abgeführt
IWAN CHOWANSKYFür mich Wein!
IWAN CHOWANSKYzu den Bäuerinnen
IWAN CHOWANSKYIhr da, ihr Frauen,
IWAN CHOWANSKYruft mir die Persermädchen!
IWAN CHOWANSKYDie Perserinnen treten ein und tanzen. Schaklowity kommt
IWAN CHOWANSKYWas willst du?
SCHAKLOWITYZu dir, Fürst.
IWAN CHOWANSKYIch weiss, dass du zu mir willst.
IWAN CHOWANSKYWarum?
SCHAKLOWITYUnd ohne Anmeldung.
IWAN CHOWANSKYUnd du wagst es?
SCHAKLOWITYFürst!
IWAN CHOWANSKYNun?
SCHAKLOWITYDie Zarewna ist in grosser Trauer
SCHAKLOWITYum Russland und das Volk von Moskau,
SCHAKLOWITYsie ruft dich zu sich,
SCHAKLOWITYund heute wird noch grosser Rat abgehalten.
IWAN CHOWANSKYSieh mal an! Und was geht uns das an?
IWAN CHOWANSKYMag sie rufen.
SCHAKLOWITYFürst!
IWAN CHOWANSKYWir sind, wie es scheint, der Zarewna
IWAN CHOWANSKYmit Rat und Tat und auf jede Weise
IWAN CHOWANSKYgefällig gewesen,
IWAN CHOWANSKYjetzt dienen ihr wahrscheinlich
IWAN CHOWANSKYandere Ratgeber.
SCHAKLOWITYFürst, sie bat,
SCHAKLOWITYdich als ersten zu rufen,
SCHAKLOWITYda ohne deine Hilfe
SCHAKLOWITYder Rat nicht auskommen könne.
IWAN CHOWANSKYWohlan denn.
IWAN CHOWANSKYJetzt werden wir uns gern zu ihr begeben
IWAN CHOWANSKYund aufs Neue dem grossen Russland
IWAN CHOWANSKYmit unserem Wissen einen Dienst erweisen, mit Gottes Hilfe.
erhebt sich
IWAN CHOWANSKYHilf mir, Gott!
IWAN CHOWANSKYzu den Dienern
IWAN CHOWANSKYLos, bringt mir meine besten Gewänder
IWAN CHOWANSKYund meinen Fürstenstab!
IWAN CHOWANSKYzu den Bäuerinnen
IWAN CHOWANSKYUnd ihr stimmt ein Preislied an!
BÄUERINNENEs schwimmt ein Schwanenweibchen,
BÄUERINNENladu, ladu.
BÄUERINNENEs schwimmt dem Schwan entgegen,
BÄUERINNENladu, ladu.
BÄUERINNENEr begegnet dem Schwanenweibchen,
BÄUERINNENladu, ladu.
BÄUERINNENDer weisse Schwan begegnet ihm,
BÄUERINNENladu, ladu.
BÄUERINNENSie verneigen sich vor Chowansky
BÄUERINNENEr kam zu dem Schwanenweibchen,
BÄUERINNENladu, ladu.
BÄUERINNENMit der lieben Freundin verlobte er sich,
BÄUERINNENladu, ladu.
BÄUERINNENSie führen Chowansky an den Händen
BÄUERINNENUnd sie priesen den Schwan,
BÄUERINNENladu, ladu,
BÄUERINNENUnd sie priesen den weissen Schwan,
BÄUERINNENladu, la
BÄUERINNENFürst Chowansky wird plötzlich an der Tür erstochen, er fällt mit einem schrecklichen Schrei nieder.
BÄUERINNENDie Bäuerinnen laufen schreiend auseinander
SCHAKLOWITYnähert sich dem Leichnam Chowanskys
SCHAKLOWITYPreis dem weissen Schwan,
SCHAKLOWITYladu, ladu.
Er lacht.
SYSTEMZWEITES BILD
Moskau. Platz vor der Basilius-Kathedrale. Das Moskauer Volk drängt herzu und betrachtet die Kirche. Eine Abteilung von Reitern tritt auf. Mit Schwertern und Lanzen bewaffnet, bilden sie ein Spalier und stellen sich mit dem Rücken zur Kirche auf. Das Volk gruppiert sich hastig auf der den Reitern gegenüberliegenden Seite. Es zeigen sich Reiter zu Pferde; hinter ihnen eine Kutsche
SCHAKLOWITYdie Golizyn ins Exil bringt
SCHAKLOWITY, ebenfalls von Reitern begleitet
MOSKOWITERSeht! Sie bringen ihn!
MOSKOWITERJa, sie bringen ihn!
MOSKOWITERMit Neugierde blicken sie auf den Zug, der sich langsam fortbewegt. Die Reiter bilden zunächst ein Spalier und schliessen sich dann an
MOSKOWITERGott verzeihe dir!
MOSKOWITERGott helfe dir in deiner Gefangenschaft.
Das Volk folgt langsam mit entblösstem Haupt dem sich entfernenden Zug. Dossifej tritt auf
DOSSIFEJdem sich entfernenden Zug hinterherblickend
DOSSIFEJDas unerbittliche, dräuende Schicksal
DOSSIFEJhat entschieden,
DOSSIFEJder allerfurchtbarste Richter!
DOSSIFEJFürst Golizyn, Mächtigster der Mächtigen,
DOSSIFEJFürst Golizyn, Russlands ganzer Stolz,
DOSSIFEJist geächtet und verbannt.
DOSSIFEJKeine Spur bleibt hier
DOSSIFEJvon seinem traurigen Zug.
DOSSIFEJUnd offensichtlich wurde das Strelitzenamt
DOSSIFEJweise ausgeführt!
DOSSIFEJSeines Hochmuts wegen
DOSSIFEJhat er sich und andere ins Unglück gebracht.
Marfa tritt auf
DOSSIFEJUnd auch für den Fürstensohn
DOSSIFEJwird es wohl kein Entkommen geben:
DOSSIFEJZum Zaren hatten sie ihn
DOSSIFEJin Moskau vorgesehen ...
MARFAVater!
DOSSIFEJJa?
DOSSIFEJHast du, mein Täubchen, erfahren,
DOSSIFEJwas der grosse Rat gegen uns entschieden hat,
DOSSIFEJim Widerspruch zum alten Russland,
DOSSIFEJdas wir suchen?
MARFAIch verberge nichts, Vater,
MARFAUnheil droht uns!
MARFADen Reitern ist befohlen,
MARFAuns in dem heiligen Kloster
MARFAeinzukreisen
MARFAund uns erbarmungslos zu vernichten.
DOSSIFEJDas also ist es!
MARFAJa!
DOSSIFEJIst es also soweit?
DOSSIFEJDie Stunde ist gekommen, wo wir im Feuertod
DOSSIFEJdie Krone ewigen Ruhms vom Herrn empfangen.
DOSSIFEJMarfa! Nimm du Fürst Andrej,
DOSSIFEJdass er nicht schwach
DOSSIFEJund wankelmütig werde.
MARFAIch nehme ihn.
DOSSIFEJHabe Geduld, mein Täubchen,
DOSSIFEJliebe, wie du geliebt hast,
DOSSIFEJund mit Ruhm wird dein Name gekrönt sein.
DOSSIFEJLebe wohl!
Er geht fort
MARFAfeierlich
MARFADie Stunde ist gekommen,
MARFAwo wir im Feuerto
MARFAdie Krone ewigen Ruhms vom Herrn empfangen.
ANDREJ CHOWANSKYtritt eilig auf, in starker Erregung
ANDREJ CHOWANSKYAh, du Ubeltäterin bist hier!
ANDREJ CHOWANSKYdrückt Marfa zornig die Hand zusammen
ANDREJ CHOWANSKYHier bist du, Schlange!
ANDREJ CHOWANSKYWo ist meine Emma,
ANDREJ CHOWANSKYwo hast du sie verborgen?
ANDREJ CHOWANSKYGib mir Emma wieder,
ANDREJ CHOWANSKYgib mir mein Täubchen wieder!
ANDREJ CHOWANSKYWo ist sie?
ANDREJ CHOWANSKYGib sie mir wieder!
MARFADie Reiter haben Emma weit fortgebracht;
MARFAmit Gottes Hilfe
MARFAwird sie ihren Bräutigam,
MARFAden du aus Moskau verjagt hast,
MARFAin ihrer Heimat bald in ihre Arme schliessen.
ANDREJ CHOWANSKYIhren Bräutigam?
ANDREJ CHOWANSKYDu lügst, lügst, du Schlange!
ANDREJ CHOWANSKYIch schenke dir keinen Glaubent
ANDREJ CHOWANSKYIch werde meine Strelitzen sammeln,
ANDREJ CHOWANSKYich werde das Volk von Moskau zusammenrufen -
ANDREJ CHOWANSKYund dich Verräterin werden sie bestrafen.
MARFAMich bestrafen? .. .
MARFAFürst, offenkundig fühlst du nicht,
MARFAwas dein Schicksal dir sagt,
MARFAwas es befiehlt und verkündet,
MARFAohne Berechnung, ohne Lüge,
MARFAohne Schmeichelei, Fürst,
MARFAund ohne Trug ...
ANDREJ CHOWANSKYGib mir meine Emma wieder!
MARFADein stolzer Vater ist erschlagen,
MARFAhingerichtet durch Verrat,
MARFAund sein sündiger Leichnam
MARFAliegt noch unbegraben;
MARFAnur der freie Wind
MARFAweht über ihm,
MARFAund flinkes Getier
MARFAumkreist ihn.
MARFAUnd nach dir suchen sie
MARFAganz Moskau ab.
ANDREJ CHOWANSKYIch glaube dir nicht, ich verfluche dich!
Marfa lacht
ANDREJ CHOWANSKYMit der Kraft der Geister der Finsternis
ANDREJ CHOWANSKYund mit deinen furchtbaren Zaubereien
ANDREJ CHOWANSKYhast du mich gefesselt;
ANDREJ CHOWANSKYmein Herz und mein Leben
ANDREJ CHOWANSKYhast du zerstört!
ANDREJ CHOWANSKYIch werde dich der Hexerei beschuldigen,
ANDREJ CHOWANSKYund die Strelitzen
ANDREJ CHOWANSKYwerden dich der schwarzen Magie anklagen.
ANDREJ CHOWANSKYAuf dem Scheiterhaufen sollst du verbrennen
ANDREJ CHOWANSKYvor allem Volk.
MARFASo ruf doch die Strelitzen!
ANDREJ CHOWANSKYSoll ich?
MARFAJa, ruf sie doch!
MARFAAndrej bläst in sein Horn; die grosse Glocke beginnt zu läuten
ANDREJ CHOWANSKYWas ist das?
MARFABlas noch einmal!
MARFAEr bläst noch einmal in sein Horn. Unter den lang anhaltenden Schlägen der grossen Glocke der Kathedrale ziehen Strelitzen mit Richtblöcken und Äxten ein; ihnen folgen die Strelitzenfrauen
ANDREJ CHOWANSKYMein Herr und mein Gott!
ANDREJ CHOWANSKYDas ist das Ende.
ANDREJ CHOWANSKYMarfa, ich flehe dich an!
MARFAWarum rufst du nicht die Strelitzen?
ANDREJ CHOWANSKYRette mich!
MARFANur ruhig, Fürst,
MARFAich verstecke dich
MARFAan einem sicheren Ort,
MARFAlass uns gehen.
MARFASieführt Chowansky eiligfor
MARFABeruhige dich, sei tapfer!
MARFADie Strelitzen stellen die Richtblöcke auf und legen die Äxte mit der scharfen Seite nach aussen darauf.
STRELITZENFRAUENKeine Schonung,
STRELITZENFRAUENBestrafung für die verdammten Gotteslästerer
STRELITZENFRAUENund bösen Feinde.
STRELITZENFRAUENDie Strelitzen fallen vor den Richtblöcken auf die Knie
STRELITZENHerr, unser Gott,
STRELITZENverschone uns,
STRELITZENbestrafe uns nicht nach unseren Sünden.
STRELITZENDie Strelitzenfrauen postieren sich hinter den Strelitzen. Die Trompeten der Leibgarde des Zaren ertönen
STRELITZENFRAUENKeine Schonung,
STRELITZENFRAUENBestrafung für die verdammten Gotteslästerer,
STRELITZENFRAUENVäterchen Zar!
hinter der Szene Chor der Leibgarde
STRELITZENAllmächtiger Vater,
STRELITZENerbarme dich unserer sündigen Seelen,
STRELITZENerbarme dich, Väterchen Zar!
STRELITZENFRAUENStrafe sie, die Verdammten,
STRELITZENFRAUENVäterchen Zar,
STRELITZENFRAUENohne Schonung!
Trompeten hinter der Szene; dann erscheinen die Trompeter; ihnen folgt derjunge Streschnjew als Herold. Die Preobraschensker Truppen der Leibgarde treten auf. Die Strelitzen neigen ihre Köpfe über die Richtblöcke
DER JUNGE STRESCHNJEWzu den Strelitzen
DER JUNGE STRESCHNJEWStrelitzen!
DER JUNGE STRESCHNJEWDie Zaren Iwan und Peter
DER JUNGE STRESCHNJEWerweisen euch Gnade!
DER JUNGE STRESCHNJEWGeht in eure Häuser
DER JUNGE STRESCHNJEWund betet zum Herrn
DER JUNGE STRESCHNJEWfür das Heil der Herrscher.
DER JUNGE STRESCHNJEWzu den Trompetern
DER JUNGE STRESCHNJEWSpielt, Trompeter!
DER JUNGE STRESCHNJEWDie Trompeter kommen. Die Strelitzen stehen schweigend auf
DER JUNGE STRESCHNJEWZar Peter geruht, zu Fuss
DER JUNGE STRESCHNJEWeinen Gang in den Moskauer Kreml zu machen.
DER JUNGE STRESCHNJEWDie Preobraschensker ziehen zum Kreml
SYSTEMFÜNFTER AKT
DER JUNGE STRESCHNJEWFichtenwald. Einsiedelei. Mondnacht
DOSSIFEJtritt nachdenklich ein
DOSSIFEJHier an dieser heiligen Stätte werde ich der Welt den Weg der Rettung verkünden.
DOSSIFEJlässt sich langsam auf einen Stein nieder
DOSSIFEJWieviel Trauer, wieviel Pein
DOSSIFEJgab mir der Geist des Zweifels ein;
DOSSIFEJFurcht um die Brüder,
DOSSIFEJum das Geschick der sündigen Seelen
DOSSIFEJquälte mich Tag und Nacht,
DOSSIFEJund mein Herz kannte keine Sorge,
DOSSIFEJdass sich der Wille des himmlischen Vaters erfülle.
DOSSIFEJDie Stunde ist gekommen,
DOSSIFEJund mein Kummer segnet euch, ihr Lieben,
DOSSIFEJmit dem Siegerkranz;
DOSSIFEJirdisches Leben und vergängliche Freude
DOSSIFEJhabt ihr verachtet
DOSSIFEJum des unsterblichen, ewigen Ruhmes willen.
DOSSIFEJSeid tapfer, Brüder!
DOSSIFEJIm andächtigen Gebet findet ihr Kraft,
DOSSIFEJvor Gottes Allmacht zu bestehen.
DOSSIFEJGott, du Gerechter,
DOSSIFEJfestige unseren Bund,
DOSSIFEJdamit wir ihn nicht zu Gericht und Urteil,
DOSSIFEJsondern zum Weg der heiligen Erneuerung erfüllen.
erhebt sich
DOSSIFEJGütiger Vater!
wendet sich in Gebetshaltung zur Einsiedelei
DOSSIFEJBrüder!
DOSSIFEJVernehmt die Stimme der Offenbarung
DOSSIFEJim allerheiligsten Namen des Schöpfers
DOSSIFEJund Herrn der Mächte!
MÄNNERhinter der Bühne
MÄNNERHerrscher, Vater, Erhalter der Welt
MÄNNERdem Herrn sind auf ewig
MÄNNERunsere Herzen offen.
DOSSIFEJAmen!
DOSSIFEJSchwestern! Bewahrt ihr den grossen Bund
DOSSIFEJim allerheiligsten Namen des Schöpfers
DOSSIFEJund Herrn der Mächte!
FRAUENhinter der Bühne
FRAUENWir haben keine Furcht, Vater,
FRAUENunser Bund ist vor dem Herrn heilig und unzerstörbar.
DOSSIFEJAmen!
DOSSIFEJLegt eure weissen Gewänder an,
DOSSIFEJentzündet die Kerzen Gottes,
DOSSIFEJgehet zum Opfergang.
DOSSIFEJWir leiden zum Ruhme des Herrn.
DOSSIFEJDie Altgläubigen verlassen die Einsiedelei und gehen in den Wald
MÄNNERDer Feind der Menschen,
MÄNNERder Fürst dieser Welt hat sich erhoben.
FRAUENFurchtbar sind die Greuel des Antichristen.
MÄNNERMasslos ist seine Bosheit.
FRAUENaus dem Wald
FRAUENDer Tod ist nahe. Rettet euch!
MÄNNERaus dem Wald
MÄNNERNahe ist der Feind. Seid tapfer.
MÄNNERSie kommen aus dem Wald und gehen zur Einsiedelei
ALTGLÄUBIGEDurch Flamme und heiliges Feuer
ALTGLÄUBIGEwerden wir gereinigt,
ALTGLÄUBIGEzum ewigen Ruhme des Herrn,
ALTGLÄUBIGEdes ewigen und unsterblichen Schöpfers!
ALTGLÄUBIGEPreis dir, o Gott! Preis dir!
ALTGLÄUBIGEGib deinen sündigen Knechten Kraft!
ALTGLÄUBIGEGütiger Vater!
MARFASie sind vorwärts gerückt.
MARFAO Herr,
MARFAich verberge nicht meinen Kummer: bis heute quält meine Seele sein Verrat.
MARFAO Gott, meine Liebe ist meine Sünde!
MARFAErhöre mich!
MARFAIch dürste danach,
MARFAsein Gewissen seinem Schwur gemäss zu retten,
MARFAmich schreckt nicht die Trennung.
MARFAO Herr, verzeih mir
MARFAkraft deiner Liebe!
hinter der Szene
ANDREJ CHOWANSKYWo bist du, mein Schätzchen?
ANDREJ CHOWANSKYWo bist du, mein Liebchen?
ANDREJ CHOWANSKYBist du bei dem lieben Väterchen?
ANDREJ CHOWANSKYBist du bei dem lieben Mütterchen?
ANDREJ CHOWANSKYWohin, wohin mein Schätzchen,
ANDREJ CHOWANSKYwohin, wohin mein Liebchen,
ANDREJ CHOWANSKYwohin bist du entschwunden,
ANDREJ CHOWANSKYwohin muss ich mich wenden?
tritt auf die Bühne
ANDREJ CHOWANSKYEmma!
MARFAMein Geliebter!
MARFAErinnere dich und gedenke des seligen Augenblicks der Liebe.
MARFAViele wunderbare Träume habe ich
MARFAseit der Zeit gehabt:
MARFAAls ob ich den Verrat deiner Liebe
MARFAnur geträumt hätte,
MARFAund die dunklen Gedanken scheinen verflogen zu sein.
ANDREJ CHOWANSKYMarfa!
MARFABeruhige dich, Fürst!
MARFAIch verlasse dich nicht,
MARFAgemeinsam gehe ich mit dir ins Feuer und liebe dich.
MARFADoch höre, höre mich an:
MARFAEs brannte die Glut, als du zur Nachtzeit mir
MARFAdeine Liebe, mein Glück flüstertest;
MARFAmit einer dunklen Wolke wurde meine Liebe bedeckt,
MARFAin Kälte und Eis fesselte sie meinen Schwur.
MARFADeine Todesstunde ist gekommen, mein Geliebter,
MARFAich umarme dich zum letzten Mal.
MARFAHalleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja!
Dossifej kommt zurück, in einem weissen Hemd. Die Bläser von Zar Peters Leibgarde erklingen näher. Die Altgläubigen versammeln sich. Sie sind alle weiss gekleidet, und jeder trägt eine Kerze. Sie errichten einen Scheiterhaufen
DOSSIFEJDie Posaunen des Allewigen!
DOSSIFEJDie Stunde ist gekommen,
DOSSIFEJim Feuertod die Krone ewigen Ruhms
DOSSIFEJzu empfangen!
MARFAHast du gehört,
MARFAdass in der Ferne, jenseits des Waldes,
MARFAdie Trompeten die Nähe der Truppen Peters verkünden?
MARFAWir sind ihnen ausgeliefert, wir sind umzingelt ...
MARFANirgendwo können wir uns verbergen,
MARFAkeine Rettung gibt es für uns.
MARFADas Schicksal selbst hat uns aneinandergefesselt
MARFAund hat uns das tödliche Ende prophezeit,
MARFAweder Tränen noch Flehen, noch Vorwürfe,
MARFAnoch Klagen - nichts schenkt Rettung:
MARFADas Schicksal hat so entschieden.
ANDREJ CHOWANSKYMarfa, ich flehe dich an, unerträglich schwer ist mir das.
MARFALass uns gehen, Fürst,
MARFAdie Brüder haben sich schon versammelt,
MARFAund das heilige Feuer
MARFAerwartet seine Opfer.
MARFAGedenke des seligen Augenblicks
MARFAunserer Liebe,
MARFAals du mir mein Glück versprachst.
MARFAIn Feuer und Flamme
MARFAerfüllt sich dein Schwur.
MARFAMan hört wieder die Bläser
ALTGLÄUBIGELob sei dir, Gott,
ALTGLÄUBIGEwir gehen ein in deine Herrlichkeit.
DOSSIFEJBrüder,
DOSSIFEJwir vollenden den Lauf!
DOSSIFEJIm Herrn der Wahrheit und der Liebe
DOSSIFEJschauen wir das Licht.
DOSSIFEJVor dem lichten Antlitz der Wahrheit und der Liebe
DOSSIFEJentschwindet die teuflische Verblendung des Fleisches.
DOSSIFEJMarfa zündet mit einer Kerze den Scheiterhaufen an
MARFAMein Herr und mein Gott, mein Schutz und mein Hort,
MARFAder Scheiterhaufen steht in Flammen
MARFAer wird mich erretten.
DOSSIFEJZum Herrn der Wahrheit bekennen wir uns,
DOSSIFEJnicht wird uns mangeln.
MARFAErinnere dich, gedenke des seligen Augenblicks.
ANDREJ CHOWANSKYO Emma, Emma!
DOSSIFEJAmen!
DOSSIFEJAlle gehen in den Flammen zugrunde