Im Frühling

O. Wermann

"Nun grünt's und blüht's an allen Enden;

Die Welt im Arm der Frühling hält

Und rings die Lerchenkehlen senden

Ein Lied des Danks zum Herrn der Welt;

Und rings die Blumen Düfte geben

Und rings ist Frieden, Glück und Ruh'.

O Frühlingsluft, o Frühlingsleben,

Zieh' auch in meinen Busen du!"

So sang' ich einst, doch heute nimmer

Erklingt mein Lied in solchem Ton;

Es waltet Frühlingssonnenschimmer

Ja längst in meinem Busen schon.

Das trübe Lied, das Lied der Klagen,

Ich sang es schon so lang nicht mehr.

War in des Winters kalten Tagen

Doch meine Brust nicht blumenleer!

Zwei Augen sah ich Flammen sprühen,

Zwei Augen, draus die Liebe sprach!

Zwei Wangen sah ich glühn und blühen,

Als rings der Frost die Blumen brach!

Zu ihrem Dienst, dem selig süßen,

Hat mich die Liebe jetzt geweiht,

Drum darf ich heut' dich fröhlich grüßen,

Du wundersel'ge Frühlingszeit!

Nun mein' ich recht erst zu verstehen

Der Vögel Lied im Waldgebiet,

Das Gotteswort im Windeswehen,

Was fächelt durch die Blumen zieht.

O Frühlingslust, o Frühlingssonne,

Wohl warst du stets dem Herzen werth,

Doch deines Segens ganze Wonne

Hat Liebe mich verstehn gelehrt!