Aus der Ferne

Othmar Schoeck

Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!

Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er:

Vor der Stadt, wo du hinausgeritten,

Auf dem Maultier, du mit den Begleitern, -

Stund um Stunde sitz ich dort in Trauer,

Wie ein scheuer Geist am hellen Tage.

Sie:

Weder Freude hab ich, die mich freute,

Weder Kummer, der mir nahe ginge,

Als nur jene, daß du mein gedenkest,

Als nur diesen, daß ich dich nicht habe.

Er:

Ist ein Stein, darauf dein Fuß getreten,

Fliegt ein Vogel, der vielleicht dich kennte,

Jedem Höckenweibe möcht ichs sagen,

Laut am offnen Markte könnt ich weinen.

Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!

Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er:

Sollt ich Trost bei den Genossen suchen?

Noch kein Fröhlicher hat wahr getröstet.

Sie:

Kann ich Meinesgleichen mich vertrauen?

Halb mit Neid beklagten sie mich Arme.

Er:

In der Halle, wo sie abends trinken,

Sang ein hübsches Mädchen zu der Harfe;

Ich kam nicht zur Halle, saß alleine,

Wie ein kranker Sperber auf der Stange.

Sie:

Auf den Altan zogen mich die Mädchen:

"Komm, die schönen Jünglinge zu sehen,

Die vorüberziehn im Waffenschmucke."

Ungern folgt ich, mit verdroßnen Augen.

Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!

Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er:

Die Korallenschnur von deinem Halse,

Die du noch zum Abschied mir gegeben,

Tausendmal am langen Tage drück ich,

Tausendmal bei Nacht sie an den Busen.

Sie:

Dieses Balsamfläschchen an der Kette,

Weg muß ichs von meinem Herzen nehmen,

Mich befängt ein Liebeszauberschwindel,

Wohlgeruch der Liebe will mich töten.

Er:

Eine Nacht, ach, hielt ich dich im Arme,

Unter Küssen dich auf meinem Schoße;

Ein Jasminzweig blühte dir im Haare,

Kühle Lüfte kamen durch das Fenster.

Sie:

Heut im Bette, früh, es dämmert? eben,

Lag ich in Gedanken an den Liebsten:

Unwillkürlich küßt ich, wie du küssest,

Meinen Arm, und mußte bitter weinen.

Still, o stille nun, ihr Morgenwinde!

Wehet morgen in der Frühe wieder!