An meinen Freund

P. Kayser

Lern', o Freund! dem Schicksal höhnen,

Das dir keine Schätze gab,

Wische männlich diese Thränen

Von den bleichen Wangen ab.

Lasse dir mit süßen Spielen

Sich die Freude wieder nah'n;

Hast du doch ein Herz, das fühlen,

Und ein Aug, das weinen kann.

Dein ist manche sanfte Wonne,

Die von tausend Thoren wich;

Dir liebkoset jede Sonne,

Jede Staude blüht für dich;

Jedes Blümchen, das im Lenze

Von der Flora Ruf entsproß:

In dem Bunde frischer Kränze,

Oder in Aurorens Schooß,

Wenn sie mütterlich es pfleget,

Küsset, säuget und bethaut,

Dann es in die Sonne leget,

Und den Westen es vertraut,

Oder wenn es, still bethränet

An der Hirtin Brust sich regt,

Die sich nach dem Schäfer sehnet,

Der schon andre Fesseln trägt.