Die Träne
P. Lindpaintner
Im Winter, wo die Welt ringsher
so schauerlich erblichen,
ist eine Träne trüb und schwer
ins Auge mir geschlichen.
Die Welt erwacht aus ihrem Tod,
der Winter ist vertrieben;
ich rieb mein Auge feuerrot,
die Träne ist geblieben.
Vergebens wird sich Baum und Flur
mit Frühlingsschimmer schmücken:
Ich darf die blühende Natur
in Tränen nur erblicken.
Im Winter gab es böse Zeit,
da dacht' ich oft so trübe
der seligen Vergangenheit
so voll von Glück und Liebe.
Dann dacht' ich, was ich all gestrebt
und was mir all misslungen,
und wie ich ewig glutbelebt
doch nie ein Ziel errungen.
Ich dachte, wie es schmerzt und brennt,
dies ewig leere Streben:
Mein Denken war ein Monument
auf ein verfehltes Leben.
Mein Fühlen war so öd' und leer,
und alles Glück entwichen;
da ist die Träne trüb und schwer
ins Auge mir geschlichen.