Erwachen
P. Scharwenka
Im Traum' sah ich den Lenz, da er noch klein war,
Ein kleiner Knab' mit zarten, kalten Gliedern,
In weißer Leinwand, lag gesenkt in Schlummer.
Nicht merklich hob die Marmorbrust die Rundung,
Und keine Farb' war auf der bleichen Wange.
Ich dachte: "Armes Kind, erwachest nimmer,"
Un träumte fort, ich weiß nicht, was ich träumte --
Da sah ich nochmals ihn, und d'rauf ich hörte
Aus seiner schönen Brust ein tiefes Seufzen,
Wie kleine Rosen blüh'ten seine Wangen,
Wie Rosenknospen seine süßen Lippen.
Er lacht' im Schlafe, daß ich bei mir dachte:
So lacht nur der, der Blumenträume träumet.
Ich stand betrachtend da, wie jetzt sein Geist doch
So warm, balsamisch ganz durchfloß sein Wesen,
Und wie er schlief so hold, wie der Unschuld'ge,
Dess' Athemzug ist wie ein still Gebet.
Da sprang sein Auge auf, ein blauer Himmel
Hell leuchtete daraus. Der hohe Himmel,
Vom Blick getroffen, brannt' in Rosenfarb';
Er, wie von Liebe heiß, gebot au lieben.
Da glühete das Blut in allen Rosen,
Die Welle tanzte nun in allen Strömen,
Und alle Vögel sangen laut auf Bäumen,
Das Menschenherz durchzuckte eine Flamme:
Das war auch ich erwacht -- und es war Mai!