Stirb, Lieb' und Freud'!
(Philipp) Friedrich Silcher
Zu Augsburg steht ein hohes Haus,
Nah bei dem alten Dom,
Da tritt an hellem Morgen aus
Ein Mägdelein gar fromm;
Gesang erschallt,
Zum Dome wallt
Die liebe Gestalt.
Dort vor Mariä heilig' Bild
Sie betend niederkniet,
Der Himmel hat ihr Herz erfüllt,
Und alle Weltlust flieht:
"O Jungfrau rein!
Laß mich allein
Dein eigen seyn!"
Alsbald der Glocke dumpfer Klang
Die Betenden erweckt,
Das Mägdlein wallt die Hall' entlang,
Es weiß nicht, was es trägt;
Auf dem Haupte ganz
Von Himmelsglanz
Einen Liljenkranz.
Mit Staunen sehen all' die Leut'
Dieß Kränzlein licht im Haar,
Das Mägdlein aber wallt nicht weit,
Tritt vor den Hochaltar:
"Zur Nonne weiht
"Mich arme Maid!
"Stirb, Lieb' und Freud'!"
[Gott, gib, daß dieses Mägdelein
Ihr Kränzlein friedlich trag'],
Es ist die Allerliebste mein,
Bleibt's bis zum jüngsten Tag.
Sie weiß es nicht,
Mein Herz zerbricht,
Stirb, Lieb' und Licht!