Um Mitternacht

R. Franz

Um Mitternacht

Ruht die ganze Erde nun,

Doch heimliche, stille Liebe wacht,

Sie kann nicht schlummern, nicht ruhn:

Darf sie am liebsten Herzen nicht weilen,

Muß sie auf Sturmes Flügeln eilen,

Kann nicht rasten, muß jagen und wagen,

Jauchzen und klagen,

Und sie wandert verstohlen und sacht

Um Mitternacht.

Um Mitternacht bei Mondenglanz

Schwingt lustig sich empor

Zu heimlicher Lust, zu Spiel und Tanz

Der nächtliche Geisterchor.

Nicht der Gestorbenen Schatten und Schemen,

Die um verlorene Herzen sich grämen,

Nein! die lebendige, liebende Seele

Sucht, was ihr fehle,

Sucht und findet, und jubelt und lacht

Um Mitternacht.

Um Mitternacht im heißen Traum

Hat nicht Ruhe die Seel' in mir,

Sie fliegt auf der Wolken goldenem Saum,

Will fliegen, mein Kind, zu dir:

Oft schon sind sie, die wilden Jungen,

Meine Gedanken zu dir gedrungen,

Um mir von deinem rosigen Munde

Himmlische Kunde

Küßend zu rauben, verstohlen und sacht

Um Mitternacht.