Kellerstudien

R. Genée

"Tiefstes Dunkel führt zum Klaren!"

Also sprach einst Salomonisch

Mein Magister sehr lakonisch.

Ich, ein Knabe von acht Jahren,

Keck bezweifelnd solch Gemunkel,

Stieg, das Wunder zu erfahren,

Schnell zu unsres Kellers Dunkel,

Wo sich Fässern Fässer schaaren.

Schaurig düster war's zur Stunde,

Mäuschenstill im weiten Kreise;

Nur ein Tropfen leise, leise

Fiel aus eines Fasses Spunde.

Und mit bangem Herzensklopfen

Forscht' ich nach des Lautes Grunde:

Schau, da senkt' sich Tropf' an Tropfen

Kühl herab zum off'nen Munde.

Und ich kann euch gar nicht sagen,

Wie das Ding mir so gemüthlich;

Und ich that mir daran gütlich,

Recht mit kindischem Behagen.

Endlich, ohne was zu ahnen,

Nahm ich gar den Spund beim Kragen,

Dreht' und drehte an dem Krahnen;

Und -- schon fing mir's an zu tagen.

Hei! wie schlürft' ich nun in Zügen;

Denn die Tropfen wurden Fluthen

Und die Fluhten wurden Gluthen. --

Freunde, denkt euch mein Vergnügen!

Ja, mein Licht war aufgegangen,

Sonnen sah ich um mich fliegen,

Mährchenhaften Weisen klangen,

Und erleuchtet blieb ich liegen.

Plötzlich töt ein Ruf: "wo ist er?"

Katzen, die im Keller hausen,

Jammern um mich her, o Grausen!

Und vor mir steht der Magister.

Doch ich, ohn' ihn zu gewahren,

Sprach mit seligem Geflüster:

"Tiefstes Dunkel führt zum Klaren!"

Und -- versöhnt war der Philister.

Was ich damals hab' erfahren,

Tief in meine Seele schrieb ich's,

Und mit ganzer Seele trieb mich's,

Daß auch ihr es mögt gewahren.

Seht dies Faß, das schwarze, dunkle,

Darum wollen wir uns schaaren.

Weg den Zapfen, daß es funkle!

"Tiefstes Dunkel führt zum Klaren."