Der Marsenmutter Wiegenlied
R. Herman
Schlaf, mein Kindlein, in süßer Ruh
Schließ' die unschuldigen Äuglein zu.
Vater ist gangen durch Wald und Flur,
Jagt auf den Zottelbär, jagt auf der Ur,
Bringet auch heim dir ein Häslein.
Höre, mein Bübchen, ja höre mich an:
Werde wie Vater ein heldischer Mann,
Jage den Eber, durchstreife den Gau,
Schirme die Ehre der keuschen Frau,
Sei dem Verräther ein Stachel.
Lausche der Mutter, du einzige Lust:
Härte am Wetter vorzeiten die Brust,
Laß' dich umrauschen Regen und Wind,
Bleibe im Alter noch fromm wie ein Kind,
Und den Bedrängten ein Helfer.
Horche, mein Knäblein, wohl auf was ich sag':
Folge dem Feinde durch Watt und durch Hag,
Über die Wurt und das Moor bis an's Meer,
Ringe für Vaterland, Freiheit und Ehr',
Wie mit den Wogen wir rangen.
Marsenblut ist ein edel Blut,
Edel Blut ist das größte Gut,
Marsenehr' gibt es nimmermehr,
Marsenehr' ist stolze Ehr',
Und der rechte Adel.
Bald wird erblinken ein Schwert an der Seit',
Bald wirst du zieh'n in den Männerstreit,
Mütterlein putzet den Gürtel dir blank,
Und du schwingest auf's Roß dich frank,
Trägst um den Finger dein Wappen.
Schlafe, mein Kindlein, in süßer Ruh',
Schließe die müden Blauäugelein zu.
Warm umhüllt dich der weiße Flaum,
Träume dich süß in den Heldentraum,
Träume von den Lehren der Mutter.
Gute Nacht nun! Gute Nacht!
Mutter Maria, o gib' auf ihn Acht.
Sende vom Himmel ein Lüftchen lind,
Schirm' ihn als wär' er dein Gotteskind!
Schlaf', mein Liebling! Schlaf!