An einen Vogel
R. Kajanus
Sag' mir, Du kleiner Vogel
Dort auf der Ulme Zweig,
An Frohsinn und an Tönen
Bist Du wohl überreich?
Dein Sang erklingt vom Morgen
Bis in die Nacht hinein,
Aus frischer Sängerkehle
Gleich wonnevoll und rein.
Gering ist Deine Habe,
Dein Nest ist eng und klein,
Doch blickst Du auf Dein Häuschen,
Muß auch gesungen sein;
Der Ernte Garben säen
Und sammeln kannst Du nicht,
Du sorgst ja nur für heute,
Doch voller Zuversicht.
Wie gibt es doch so manchen,
Den bittre Noth verschont,
Der, reich an Land und Leuten
In goldnen Schlössern thront,
Und doch nur unter Seufzern
Und mit verweintem Blick
Die Sonne grüßt, der jubelnd
Du singst von Deinem Glück.
Doch wäre je dem Menschen
Dein kleine Loos bescheert,
Den Undankbaren dünkte
Es nur beklagenswerth.
Dein kleines Herz zu tödten
Das steht in seiner Macht,
Doch flucht er seinem Schicksal,
Wenn Dir das Deine lacht.
Wie blickt er auf zum Himmel
So düster und so kühl!
Was blieb ihm wohl zu fordern?
Gott schenkte ja so viel!
Schleppt sich das Glück der Erde
Zu seinen Füßen hin,
Stolz sieht er auf den Sclaven
Und seufzt nach mehr Gewinn.
Drum singe, kleine Vogel,
Von Wonne nur allein;
Nie töne meine Klage
In Deinen Sang hinein!
Komm, fliege jeden Sommer
Nur meinem Häuschen zu,
Damit ich stündlich lerne,
So froh zu sein, wie du.