Ich schau' ein Vöglein hold
R. Kleinmichel
Ich schau' ein Vöglein hold
Im Käfig, gelb wie Gold.
Ich schau' ein Mägdelein
Im Stübchen hell und rein.
Das Vöglein singt so laut,
Es singt so süß und traut.
Das Mägdlein singet auch,
Und mit noch süß'rem Hauch.
Das Vöglein freut sich so,
Und lebt so herzensfroh.
Das Mägdlein ist so gut,
Und hat so frommen Muth.
Hat Jedes gern die Welt,
Wohin sie Gott gestellt.
Ich schau' sie Beide an,
Hab' rechte Freude d'ran.
Und wenn ich geh' und scheid',
Denk' ich an alle Beid'.
Dann kann mein Herz im Traum
Sie unterscheiden kaum.
Wie war's im Stübchen noch?
Wie war's im Käfig doch?
War 's Mädchen golden licht?
Und sprach das Vöglein nicht?
Hat 's Vöglein braunes Haar?
Hat 's Mädchen Flügel gar?
Kein Traum ist ohne Sinn,
Es ist was Wahres drin.
Und wem das auch so scheint,
Dem ist mein Lied gemeint.
Und wer dasselbe denkt,
Dem sei's geschenkt.