Das Häuschen der Zufriedenheit
R. Kühne
Meiner Schwester Helene gewidmet.
Ich wanderte wohl weit und breit,
Nach Nord, Ost, West und Süd;
Und suchte die Zufriedenheit
Und frug nach ihr mich müd.
Hoch auf der Berge Sonnenplan,
Im stillen Waldrevier,
Auch auf der Städte lauter Bahn
Frug dringend ich nach ihr.
Da ward mir bang, die Hoffnung schwand! --
Ach, die Zufriedenheit,
Sie floh wohl aus der Menschen Land
Und kehrt für keine Zeit.
So pilgerte ich, hoffnungslos,
Nach meinem lieben Thal,
Und trug hinein in seinen Schooß
Mein Leid und meine Qual.
Und längs der Traisen Silberband
Schlich tiefbetrübt ich bin;
Nach ihr, nach ihr stand unverwandt
Mein Denken und mein Sinn.
Und sieh! ein Häuschen, wundernett,
Auf leichte Höh gestellt,
Das blinzelte aus grünem Bett
Gar lustig in die Welt.
Sein Leib, gehüllt in schmuckes Kleid,
Zu Füßen Gras und Blum',
So lag vor mir, wie eine Maid,
Das sel'ge Eigenthum.
Und, wie gewurzelt, stand ich da,
Mir schwollt es in der Brust;
Ich wußte nicht wie mir geschah
Vor übersel'ger Lust.
Da fuhr ich auf und wandte um
Und frug den ersten Mann:
"Wie nenn man wohl dies Eigenthum,
Ach, lieber Freund, sagt an!"
"Wie? Was?" fuhr der fast bös heraus,
"Ihr zieht das Thal entlang
Und wißt noch nicht um dieses Haus
Auf dem beblümten Hang?
"Es wird das Häuschen, weit und breit,
Von Jung und Alt genannt!
Das Häuschen der Zufriedenheit
Ist allerweg bekannt.
"Ja, ja, die Herrin, die da thront,
Ist die Zufriedenheit,
Und wer bei ihr zu Gast sich wohnt
Ist sicher wohl betreut.
"Nicht bricht die Sorge hier herein,
Kein eitles Wünschen je;
Die Lust nur wander aus und ein
Und spielet um die Höh'.
"Und jedes hält am Häuschen an;
Wer da vorüber zieht,
Ihm schmilzt mit Eins der eitle Wahn,
So wie er's nur erzieht.
"Drum ist das Häuschen weit und breit
Durch's ganze Thal bekannt,
Und jenes der Zufriedenheit
Von Jung und Alt genannt."