Das Abendläuten
R. Radecke
Aus dem fernen Thal, ob des Waldes Saum,
Ertönen die Glocken im leisen Traum,
Sie singen und schwingen wohl auf und zu,
Sie läuten den Tag zu seiner Ruh.
Und läuten sie ein die stille Nacht,
Das hat mir das Herz so weich gemacht,
Weil all meiner Jugend Leid und Freud'
Erwachet in ihrem Abendgeläut.
Die Seele auf zum Sternensaal,
Den Himmelsfrieden zum Erdenthal,
Den Fremdling heim ins Vaterhaus,
Das läuten die Glocken ein und aus.
So läuten sie fort bis zur letzten Stund',
Dann schließt sich betend ihr frommer Mund;
Doch wann erwachend der Morgen graut,
Da werden ja alle von neuem laut.
Derweil ich mein Sinnen nach oben wend',
Ist nun der Glocken Läuten zu End'; --
Geht alles zu End', nur du nicht allein,
Sollst Gott du mir eines und alles sein.