König Erich

R. Radecke

Herr Erich, der junge Königssohn,

Klein Anna liebgewann,

Klein Anna mit dem goldnen Haar;

Die schönste Fischermaid es war,

Die je man finden kann.

Für sie früh Morgens in dem Wald

Er jagte Hirsch und Bär;

Des Abends, wann die Sonne sank,

Er fuhr mit ihr den See entlang,

Zog ein die Netze schwer.

"Leb wohl, mein Lieb, es rufet mich

Des Vaters streng Gebot;

Doch bleib' ich treu dir immerdar!" -

Er kehrte zurück das andere Jahr,

Schön Anna, die war todt. - -

Der alte König sank in's Grab,

Herr Erich empfing die Kron'. -

Herr Erich, es ist die höchste Zeit,

Laß ab von Liebesgram und Leid,

Jetzt gilt es Volk und Thron!

Herr Erich ließ vom Liebesgram,

Sein Reich er treu bewacht':

Im Frieden hielt er weisen Rath,

Zu Meer und Land gekämpfet hat

Der Held manch' heiße Schlacht.

Und als er hoch zu Jahren kam,

Und wohl bestellt sein Haus,

Da segnet' er sein glücklich Land,

Nahm wieder Speer und Netz zur Hand

Und fuhr zum See hinaus.

Von keinem Menschen mehr gesehn,

Dort weilt er ganz allein

In seiner Liebsten ödem Haus;

Die Stürme wehten ein und aus,

Ihn

dünkt's wie einst zu sein.

Früh Morgens zog er in den Wald,

Zu jagen Hirsch und Bär:

Des Abends, wann die Sonne sank,

Er Netze warf den See entlang,

Als ob's für Anna war'.

So harrt der greise König dort -

Sein Herz der Liebe voll,

Sein Haupt von Silberhaar umwallt, -

Des Tages, der ihn nun so bald

Mit ihr vereinen soll.

Und wie er einst im Schlummer ruht,

Ein Traum ihn selig macht:

Schön Anna, in der Engel Chor,

Sie öffnet ihm des Himmels Thor. -

Dort ist er aufgewacht.