Dachstübchen
R. von Hornstein
So seh' ich nochmals dich, armselig Stübchen,
Wo ich beim Elend in die Schule ging!
Ich hatte zwanzig Jahr, ein tolles Liebchen,
Freund' und Gesang, dran meine Seele hing;
Dem Leben trotzt' ich, zog an keiner Glocke,
An Aussicht arm, doch reich an Jugendmuth.
So stieg ich froh hinauf zum sechsten Stocke --
Mit zwanzig wohnt sich's unterm Dach auch gut.
Seht mir dies Kämmerchen nur an genauer!
Ein Bett, so hart, daß es den Schlas vertrieb,
Hier stand's - und dort der Tisch; noch schmückt die Mauer
Ein halber Vers, den ich mit Kohle schrieb.
Erscheint, ihr Jugendfreuden, früh geendet!
Herein, herein, du kecke, tolle Brut!
Wie oft hab' ich für euch die Uhr verpfändet!
Mit zwanzig wohnt sich's unterm Dach auch gut.
Zuvörderst gilt's, Lisetten zu empfangen
Im frischen Hütchen, munter, schlank und nett;
Vor's enge Fenster wird ihr Shawl gehangen,
Ihr reiches Kleid bedeckt mein ärmlich Bett.
Wie ward zerknittert manche schöne Falte
In ungestümem Liebesübermuth!
Jetzt weiß ich freilich, wer den Putz bezahlte --
Mit zwanzig wohnt sich's unterm Dach auch gut.
Einst hatt' ich Geld, wir saßen in der Runde,
Ein froher Schwarm bei Wein und bei Gesang,
Als von den Straßen sich die Iubelkunde
Vom Sieg Marengo's plötzlich zu uns schwang.
Kanonen brüllten; -- ha, welch ander Singen!
Wie schoß in unsre Wangen rasch das Blut!
Nun wird kein Feind dies Frankreich mehr bezwingen!
Mit zwanzig wohnt sich's unterm Dach auch gut.
Doch fort von hier! Denn Herz und Sinn berauschen
Mir jene Tage, die so fern, so fern;
An Einen hier durchschwärmten Monat tauschen
Den ganzen Rest des Lebens möcht' ich gern.
Wenn man, von Liebe trunken, Ruhm und Freuden
Im Arm noch ungetäuschter Hoffnung ruht,
Wie süß ist's dann, sein Leben zu vergeuden!
Mit zwanzig wohnt sich's unterm Dache gut.