Die Nixe

R. von Koeber

Die Nixe schwamm auf dem blauenden Fluß,

Bei des Vollmonds strahlendem Kuß,

Und spritzte hoch nach des Mondes Glut

Des Wellenschaums silberne Flut.

Dumpf grollte der Fluß und rauschte wild

Und wogte der Wolken Bild.

Die Nixe sang und der Worte Schall

Erreichte den Uferwall.

Es sang die Nixe: "In tiefer Flut,

Da zittert der Sonne Glut;

Da spielen die golden Fishlein all,

Da ragt eine Stadt von Krystall.

Da schäft auf Kissen von farbigem Sand

Ein Ritter aus fernem Land;

Das Schilfrohr beschattet mit dichtem Laub

Der neidischen Wogen Raub.

Wir strählen des seidenen Haares Pracht,

Im dunkelen Schosse der Nacht;

Wir küssen die Stirn ihm, wir küssen den Mund

Um Mittag auf kühlem Grund.

Doch die glühendsten Küsse, ich weiss nicht, warum,

Sie lassen ihn kalt und stumm;

Er atmet mir nicht auf der Brust, er liegt

Verstummt, in Schlummer gewiegt!"

So sang die Nixe im blauenden Fluß,

Voll Trauer und Schmerz und Verduß;

Dumpf rauschte der Fluß und toste wild

Und wogte der Wolken Bild...