Blütenreife

R. Werther

I

Die Blüten schlafen am Baume

In schwüler, flüsternder Nacht,

Sie trinken in duftigem Traume

Die flimmernde, feuchte Pracht.

Sie trinken den lauen Regen,

Den glitzernden Mondenschein,

Sie zittern dem Licht entgegen,

Sie saugen es taumelnd ein:

Sie sprengen die schweigende Hülle

Und gleiten berauscht durch die Luft

Und sterben an der Fülle

Von Glut und Glanz und Duft.

Das war die Nacht der Träume,

Der Liebe schwül gärende Nacht,

Da sind mit den Knospen der Bäume

Auch meine Lieder erwacht.

Sie sprengten die schweigende Hülle

Und glitten berauscht durch die Luft

Und starben an der Fülle

Von Glut und Glanz und Duft.

II

Und es fragen mich die Leute:

»Sag, wie kommts, daß deine Lieder

So das Gestern wie das Heute

Spiegeln tausendtönig wieder?

Wenn nur einer Stunde Beben

Sie beseelet und entzündet,

Sag, wie kommts, daß all dein Leben

Bunt und seltsam in sie mündet,

All dein Grübeln und dein Träumen

In die Töneflut sich schlinget,

Der Gedanken wechselnd Schäumen

Dumpf durch deine Lieder klinget?«

Und ich sage: »Seht, es gleichen

Meine Lieder jenen Blüten,

Die ja auch in einer weichen,

Heißen, einzgen Nacht erblühten,

Und im Kelche dennoch tragen

Eines ganzen Lebens Währen:

Sonne von versunknen Tagen,

Ferner Frühlingsnächte Gären.«