Tsarenbraut
Rimsky-Korsakov, Nikolai
SYSTEMERSTER AKT - Kleiner Schmaus
SYSTEMOuvertüre
ERSTE SZENEEmpfangszimmer im Haus des Bojaren Grigori Grjasnoj. Im Hintergrund eine niedrige Eingangstür, daneben eine Anrichte, vollgestellt mit Pokalen, Weinbechern und Schöpfkellen. Auf der rechten Seite drei Prachtfenster und davor ein langer, mit einem Tischtuch bedeckter Tisch; auf dem Tisch Kerzen in hohen silbernen Leuchtern, einige Salzfässchen und ein Gewürzständer. Auf der linken Seite eine Tür zu den inneren Gemächern und eine lange, mit einem bunt verzierten Tuch bedeckte Bank. An der Wand lehnt ein Jagdspiess und hängen eine Armbrust, ein grosses Messer, verschiedene Kleidungsstücke und ? nicht weit von der Tür zur Vorbühne hin ? ein Bärenfell. An den Wänden zu beiden Seiten stehen Tische und Bänke, mit rotem Tuch bedeckt. Grjasnoj steht mit nachdenklich gesenktem Kopf am Fenster
ERSTE SZENERezitativ und Arie
GRJASNOJDie Schöne geht mir nicht aus dem Sinn!
GRJASNOJIch wäre froh, sie zu vergessen, doch ich kann nicht.
GRJASNOJUmsonst versuchte ich, die Sache ehrenhaft zu beenden,
GRJASNOJvergeblich schickte ich Brautwerber zu ihrem Vater.
GRJASNOJDer Kaufmann befahl, mir glattweg abzusagen:
GRJASNOJWir danken dem Bojaren für die Freundlichkeit,
GRJASNOJdoch meine Tochter ist einem anderen versprochen,
GRJASNOJIwan Lykow, der unlängst erst
GRJASNOJaus Übersee hierher zurückgekehrt ist.
GRJASNOJentfernt sich vom Fenster
GRJASNOJWohin bist du, einstige Kühnheit, nur entschwunden,
GRJASNOJwo sind die Tage verwegener Streiche hin?
GRJASNOJEin andrer bin ich jetzt, das alles ist vorbei,
GRJASNOJdas wilde Treiben erfreut mein Herz nicht mehr,
GRJASNOJund das ungestüme Haupt hängt matt herab.
GRJASNOJIch erkenne mich jetzt selbst nicht wieder,
GRJASNOJich erkenne Grigori Grjasnoj nicht wieder.
GRJASNOJWohin bist du, einstige Kühnheit, nur entschwunden,
GRJASNOJwo sind die Tage verwegener Streiche hin?
GRJASNOJEin andrer bin ich jetzt, ein andrer bin ich jetzt.
GRJASNOJFrüher sind wir, wenn ein Mädchen uns gefiel,
GRJASNOJnachts überraschend aufgetaucht,
GRJASNOJrissen die Tür aus den Angeln,
GRJASNOJab mit der Schönen in die Troika und auf und davon.
GRJASNOJWir tauchten auf und waren schon wieder weg.
GRJASNOJViele habe ich in meinem Leben geraubt.
GRJASNOJViele habe ich auf feurigen Rössern entführt
GRJASNOJund an ihrer jugendlichen, mädchenhaften Schönheit
GRJASNOJmein heisses Blut gekühlt.
GRJASNOJIch erkenne mich jetzt selbst nicht wieder,
GRJASNOJich erkenne Grigori Grjasnoj nicht wieder.
GRJASNOJWohin bist du, einstige Kühnheit, nur entschwunden,
GRJASNOJwo sind die Tage verwegener Streiche hin?
GRJASNOJEin andrer bin ich jetzt, das alles ist vorbei.
GRJASNOJJetzt bin ich ein anderer. Wozu Gewalt?
GRJASNOJNicht eine Laune, sondern Liebe
GRJASNOJquält mein Herz.
GRJASNOJWie ich es beenden soll, wie es
GRJASNOJweitergehen wird, ich weiss es selbst nicht.
GRJASNOJDoch lwan Lykow wird nicht
GRJASNOJmit Marfa vor dem Altar stehen.
GRJASNOJIch habe Gäste eingeladen. Mit ihnen will ich vergessen.
GRJASNOJOb Jelissej Bomelius wohl kommt?
GRJASNOJIhn brauche ich mehr als alle anderen.
ZWEITE SZENEDie Tür in der Mitte öffnet sich
GRJASNOJDa sind ja meine Gäste!
GRJASNOJMaljuta erscheint mit den Opritschniki
GRJASNOJHerzlich willkommen!
OPRITSCHNIKIGuten Tag, Grischa!
MALJUTAAuch ich bin zu dir gekommen, kräftig zu feiern,
MALJUTAauf meine alten Tage ein Schlückchen Met zu schlürfen.
GRJASNOJEr klatscht in die Hände. Diener treten ein
GRJASNOJHei, Met, aber schnell!
MALJUTASo ist's recht!
MALJUTADie Diener servieren Pokale mit Met
MALJUTA UND OPRITSCHNIKINun, auf dein Wohl!
MALJUTA UND OPRITSCHNIKISie trinken und verbeugen sich vor Grjasnoi
GRJASNOJmit einer Verbeugung
GRJASNOJVielen Dank für den guten Wunsch.
GRJASNOJIwan Lykow tritt ein, hinter ihm Bomelius
GRJASNOJmit einer Verbeugung
GRJASNOJIch bitte ergebenst einzutreten, werte Gäste.
GRJASNOJHerzlich willkommen, lwan Sergeitsch?
GRJASNOJIch danke für die Ehre, Bomelius!
GRJASNOJDank euch, dass ihr an mich gedacht habt!
GRJASNOJDiener reichen Lykow und Bomelius die Weinpokale
GRJASNOJLYKOW und BOMELIUS
GRJASNOJAuf deine Gesundheit!
GRJASNOJverbeugen sich und leeren die Pokale
GRJASNOJmit einer Verbeugung
GRJASNOJBleibt gesund!
GRJASNOJzu allen
GRJASNOJBitte lasst euch nieder, nur
GRJASNOJbescheidet euch mit dem, was Gott gesandt hat.
OPRITSCHNIKIUns sättigt deine Freundlichkeit,
OPRITSCHNIKIdeine geistreichen Worte!
OPRITSCHNIKIUnd ein altes Sprichwort besagt,
OPRITSCHNIKIdass ein freundliches Wort süsser ist als Met.
OPRITSCHNIKIUns sättigt deine Freundlichkeit,
OPRITSCHNIKIdeine geistreichen und herzlichen Worte.
OPRITSCHNIKISie setzen sich an den Tisch; die Diener beginnen, die Speisen aufzutragen. Am Tisch
OPRITSCHNIKIBier ist kein Wunderding, Met ist kein Zauberwerk,
OPRITSCHNIKIdie Krone von allem ist die Liebe.
MALJUTAzu Lykow
MALJUTAUnd du, junger Bursche,
MALJUTAhast dir die Deutschen angesehen,
MALJUTAwie leben die denn da in Übersee?
MALJUTASag, dort gibt es doch sicher viel Wunderliches?
MALJUTAArioso
LYKOWAlles ist anders, das Land und die Leute.
LYKOWDer Winter dauert bei ihnen nicht lange,
LYKOWund starke Fröste kennen sie nicht;
LYKOWdafür ist dort der Sommer schön.
LYKOWUnd da gibt es so hohe Berge,
LYKOWdass man sie nicht mit den Augen erfassen kann,
LYKOWso weit reichen ihre Gipfel in den Himmel.
LYKOWUnd ihre Städte sind riesengross,
LYKOWund alles ist aus Stein gebaut.
LYKOWÜberall sind die Häuser prächtig ausstaffiert,
LYKOWbunte Fenster allerorts, und die Zimmer sind
LYKOWmit buntem Stoff bespannt.
LYKOWDie Deutschen selbst sind reich gekleidet
LYKOWund statten ihre Frauen festlich aus,
LYKOWhalten sie nicht hinter Schloss und Riegel wie bei uns.
LYKOWIn allem herrscht bei ihnen eine vorbildliche Ordnung,
LYKOWAusdauer und Geschicklichkeit bei der Arbeit,
LYKOWunermüdlicher Eifer bei ihren Tätigkeiten.
LYKOWLasst uns unseren Herrscher loben und preisen,
LYKOWweil er sich wie ein Vater um uns kümmert und
LYKOWwill, dass wir bei den Fremden
LYKOWNützliches lernen.
GRJASNOJAmen!
GRJASNOJsteht auf und erhebt den Pokal
GRJASNOJAuf die Gesundheit unseres Vaters und Herrschers!
GRJASNOJEwig lebe unser Zar!
OPRRITSCHNIKIerheben sich
OPRRITSCHNIKIEwig lebe unser Zar!
OPRRITSCHNIKIleeren die Pokale und setzen sich
MALJUTAWürde unser Gastgeber wohl befehlen,
MALJUTAseine Guslispieler zu rufen
MALJUTAund sie unseren herrlichen Zaren
MALJUTAlobpreisen zu lassen?
GRJASNOJSie sind schon bereit.
GRJASNOJzu den Dienern
GRJASNOJDie Sänger, schnell!
OPRITSCHNIKIUnd die Sängerinnen!
OPRITSCHNIKISie werden danach tanzen.
OPRITSCHNIKIGuslispieler, Sänger und Sängerinnen kommen herein; sie verneigen sich vor den Gästen und stellen sich an der hinteren Wand auf
GRJASNOJLos, Kinder, erfreut die werten Gäste
GRJASNOJmit meinem Lieblingslied
GRJASNOJzum Ruhme des rechtgläubigen Zaren.
GRJASNOJTischlied "Slawa!"
GRJASNOJDie Sänger treten mit einer Verbeugung vor; die Guslispieler nehmen auf der Bank auf der linken Seite Platz
CHORRuhm der Sonne hoch am Himmel,
CHORRuhm, Ruhm!
CHORAuf der Erde dem grossen Herrscher,
CHORRuhm, Ruhm! Ruhm!
CHORSeine feurigen Rösser kann kein anderer reiten,
CHORRuhm, Ruhm!
CHORSein prächtiges Gewand kann kein anderer tragen,
CHORRuhm, Ruhm!
CHORLYKOW, BOMELIUS, GRJASNOJ, MALJUTA UND OPRITSCHNIKI
CHORUnd seine Bojaren und Diener altem niemals,
CHORRuhm, Ruhm! Ruhm!
CHORUnd seine Bojaren und Diener altern niemals,
CHORRuhm, Ruhm! Ruhm!
MALJUTAWo andere altern, da werden wir jung,
MALJUTAmit einem Zaren wie unserem wird man jung!
MALJUTAAls er noch nicht geboren war,
MALJUTAverkündete bereits der närrische Alte Domitian
MALJUTAder Fürstin über ihn:
MALJUTA"Ein wahrer Titus, ein grosser Geist wird geboren."
OPRITSCHNIKIEin weiser Staatsmann!
OPRITSCHNIKIIhn werden wohl auch die Muselmänner lobpreisen?
LYKOWNicht überall. Es schmerzt mich,
LYKOWsolch schlimme Worte wiederzugeben,
LYKOWdoch man sagt, unser Zar sei grausam wie ein Gewitter.
MALJUTAEr ist grausam! Wie ein Gewitter! Ach!
MALJUTADas Gewitter ist göttliche Barmherzigkeit,
MALJUTAdas Gewitter zerbricht die faule Kiefer
MALJUTAund erneuert den ganzen schlafenden Wald.
OPRITSCHNIKIDas ist ein wahres Wort, Bojar!
OPRITSCHNIKIUnd wahrhaftig!
OPRITSCHNIKINicht ohne Grund trägst du, Bojar,
OPRITSCHNIKIden Pelzmantel des Zaren!
MALJUTAUnd euch, Bojaren, hat der Zar nicht umsonst
MALJUTABesen an die Sättel gebunden.
MALJUTAWir werden den ganzen Müll
MALJUTAaus dem rechtgläubigen Russland herausfegen.
GRJASNOJGewiss! Heida!
OPRITSCHNIKIHeida, heida, heida, heida!
OPRITSCHNIKIerheben sich und leeren die Pokale
OPRITSCHNIKIAuf die Gesundheit unseres Vaters und Herrschers!
OPRITSCHNIKIEwig lebe unser Zar!
OPRITSCHNIKIverbeugen sich vor Griasno
OPRITSCHNIKIWir danken dem Gastgeber für Speis' und Trank!
GRJASNOJverbeugt sich
GRJASNOJEr hat den Gästen zu danken.
GRJASNOJEinige der Gäste erheben sich vom Tisch und gehen im Empfangszimmer umher; andere bleiben am Tisch sitzen
MALJUTAWas ist, sind deine Guslispieler müde geworden?
MALJUTAEs wäre nicht schlecht, die Gäste zu unterhalten.
GRJASNOJNun gut, was befiehlt ihr?
MALJUTAzu den Guslispielern
MALJUTANa los, ein Tanzlied!
MALJUTAAuf die Mitte der Bühne treten junge Frauen zum Tanz; die Gäste stellen sich im Halbkreis um sie herum auf
MALJUTATanz mit Chor "Wilder Hopfen"
CHORWie sich der wilde Hopfen jenseits des Flüsschens
CHORum die Büsche windet!
CHORWinde dich, wilder Hopfen,
CHORauf unsere Seite,
CHORauf unserer Seite
CHORist alles ganz frei.
CHORAch! Ich junges Mädchen werde
CHORin dem grünen Garten spazierengehen,
CHORHopfen pflücken.
CHORIch werde Hopfen pflücken,
CHORwilden Hopfen,
CHORBier brauen,
CHORjunges Bier.
CHOREinen lieben Gast werde ich einladen,
CHOReinen lieben Gast,
CHORmein liebes Väterchen,
CHORmein liebes Väterchen.
CHORDas Väterchen wird kommen,
CHORdoch der Kummer wird nicht weichen,
CHORder Kummer wird nicht weichen,
CHORnur die Sehnsucht wird immer stärker werden,
CHORnur die Sehnsucht wird immer stärker werden.
CHORWie sich der wilde Hopfen jenseits des Flüsschens
CHORum die Büsche windet,
CHORwinde dich, wilder Hopfen,
CHORauf unsere Seite,
CHORauf unserer Seite
CHORist alles ganz frei.
CHORAch! Ich junges Mädchen werde
CHORin dem gr ünen Garten spazierengehen,
CHORin dem grünen Garten spazierengehen,
CHORHopfen pflücken.
CHORIch werde Hopfen pflücken,
CHORwilden Hopfen,
CHORBier brauen,
CHORjunges Bier.
CHOREinen lieben Gast werde ich einladen,
CHOReinen lieben Gast,
CHORmein liebes Mütterchen,
CHORmein liebes Mütterchen.
CHORDas Mütterchen wird kommen,
CHORdoch der Kummer wird nicht weichen,
CHORder Kummer wird nicht weichen,
CHORnur die Sehnsucht wird immer stärker werden,
CHORnur die Sehnsucht wird immer stärker werden.
CHORWie sich der wilde Hopfen jenseits des Flüsschens
CHORum die Büsche windet!
CHORWinde dich, wilder Hopfen
CHORauf unsere Seite,
CHORauf unserer Seite
CHORist alles ganz frei.
CHORAch! Ich junges Mädchen werde
CHORin dem grünen Garten spazierengehen,
CHORHopfen pflücken.
CHORIch werde Hopfen pflücken,
CHORwilden Hopfen,
CHORBier brauen,
CHORjunges Bier.
CHOREinen lieben Gast werde ich einladen,
CHOReinen lieben Gast,
CHORmeinen Liebsten,
CHORmeinen Liebsten.
CHORMein Liebster wird kommen,
CHORder Kummer verschwinden,
CHORgrosse Freude wird sich breitmachen,
CHORgrosse Freude wird sich breitmachen.
CHORAch!
MALJUTAHabe ich etwa vom Wein mein Gedächtnis verloren?
MALJUTAGrigori! Wo ist denn mein Patenkind?
MALJUTAMein Freund, du hältst dein Täubchen wohl
MALJUTAhinter Schloss und Riegel?
MALJUTAKeine Angst, es wird schon nicht wegfliegen!
GRJASNOJIch weiss nicht, warum sie nicht kommt.
GRJASNOJzu den Dienern
GRJASNOJSagt Ignatjewna,
GRJASNOJsie soll Ljubascha rufen.
GRJASNOJEinige Diener gehen ab
MALJUTANa endlich!
BOMELIUSzu Maljuta
BOMELIUSWer ist denn diese… Ljubascha?
MALJUTADie Geliebte Grjasnojs, ein wunderschönes Mädchen!
MALJUTASingt wie ein Vögelchen, hat runde Brauen,
MALJUTAfunkelnde Augen und einen Zopf bis zu den Fersen.
MALJUTAWir haben sie aus Kaschir mitgebracht.
MALJUTAIch nenne sie Patenkind,
MALJUTAweil ich für sie die Bürger von Kaschir
MALJUTAder Reihe nach mit der Streitaxt getauft habe.
VIERTE SZENELjubascha tritt auf
MALJUTAGuten Tag, mein Patenkind!
LJUBASCHAGuten Tag, mein Taufvater!
MALJUTADeine kleinen Äuglein sehen so verschlafen aus…
LJUBASCHAAch, was sagst du da! Ich habe nicht geschlafen,
LJUBASCHAmein Kopf tut mir ein bisschen weh.
MALJUTADummes Zeug! Los, sing für uns ein Lied,
MALJUTAdann ist der ganze Schmerz wie weggewischt.
LJUBASCHAWelches denn?
MALJUTAJa, weisst du, vielleicht ein langsames,
MALJUTAdas uns zu Herzen geht.
MALJUTANun, Bojaren!
MALJUTAIch bitte um euer Gehör:
MALJUTAMein Patenkind singt.
LJUBASCHADu hast dein Patenkind zum Singen gezwungen,
LJUBASCHAso trägst du auch die Verantwortung dafür.
LJUBASCHALied der Ljubascha
LJUBASCHAGute Mutter, mach schnell, schnell,
LJUBASCHAdein liebes Kind zur Hochzeit fein.
LJUBASCHAIch habe gelobt, dich nicht mehr zu erzürnen,
LJUBASCHAdem Freund meines Herzens abgeschworen.
LJUBASCHALöse mein seidenes Haar,
LJUBASCHAlege mich auf mein hartes Ruhelager.
LJUBASCHAWirf mir den Schleier über die fahle Brust
LJUBASCHAund kreuze meine totenbleichen Arme darunter.
LJUBASCHAEntzünde eine weisse Kerze neben meinem Haupt
LJUBASCHAund rufe den greisen Bräutigam zu mir.
LJUBASCHALass den Alten kommen,
LJUBASCHAmich sehen und bestaunen,
LJUBASCHAan meiner mädchenhaften Schönheit sich ergötzen.
LJUBASCHAverneigt sich vor den Gästen
OPRITSCHNIKIWir danken! Danke!
OPRITSCHNIKIBravo! Bravo!
MALJUTAAch, wie sie singt, dass einem das Herz stockt …
MALJUTAOh, es ist schon spät, und ich werde wohl
MALJUTAohne ein zweites Lied gehen müssen …
MALJUTAerhebt sich von der Bank
MALJUTADer Zar hat sicherlich geruht, bereits aufzustehen.
MALJUTANun denn, zur Zeit der Frühmesse werde ich
MALJUTAwiederkommen und euch hier überraschen.
OPRITSCHNIKImachen sich zum Aufbruch bereit
OPRITSCHNIKIFür die Gäste wird es Zeit zu gehen, Wirt!
GRJASNOJSchnell noch etwas Wein!
GRJASNOJNoch einen Becher zum Abschied!
GRJASNOJDie Diener verteilen Weinbecher
OPRITSCHNIKIGut, wie du meinst.
OPRITSCHNIKIUnd jetzt, mein Freund, leb wohl.
OPRITSCHNIKItrinken
OPRITSCHNIKILieber Gastgeber,
OPRITSCHNIKIvielen Dank für Speis' und Trank!
GRJASNOJIch bitte euch schon jetzt, wiederzukommen, Bojaren.
GRJASNOJDie Gäste gehen auseinander. Ljubascha, die neben der Tür steht, verneigt sich vor ihnen; Bomelius mustert sie aus der Entfernung
GRJASNOJzu den Dienern
GRJASNOJGeht jetzt alle.
GRJASNOJBomelius! Du bleib hier.
GRJASNOJIch habe mit dir zu reden.
LJUBASCHAfür sich
LJUBASCHAWas hat er mit dem Deutschen zu reden?
LJUBASCHADa steckt doch was dahinter!
LJUBASCHAIch bleibe hier.
LJUBASCHAversteckt sich hinter dem Bärenfell
GRJASNOJBomelius!
GRJASNOJIch muss mit dir etwas Wichtiges besprechen.
GRJASNOJKennst du nicht irgendein Mittel,
GRJASNOJein junges Mädchen durch Zauberei an sich zu fesseln?
BOMELIUSSo ein Mittel gibt es.
GRJASNOJDu scherzst?
BOMELIUSNein.
GRJASNOJIch habe einen Freund;
GRJASNOJdem hat eine schöne junge Frau
GRJASNOJdas Herz zur Liebe erweckt.
GRJASNOJKann man dem armen Kerl nicht irgendwie helfen?
BOMELIUSDas kann man; ich gebe ihm ein Zaubermittel,
BOMELIUSwenn er es dem Mädchen zu trinken gibt,
BOMELIUSdann wird sie ihn lieben.
GRJASNOJDann ist dieses Zaubermittel wohl ein Getränk?
BOMELIUSNein, ein Pulver, um es ihr in den Wein zu schütten.
BOMELIUSAber er muss es selbst tun,
BOMELIUSsonst wird sie sich nicht in ihn verlieben.
BOMELIUSTerzett
GRJASNOJAch, ich kann nicht glauben, ich kann nicht glauben,
GRJASNOJdass sie mich lieben könnte,
GRJASNOJdass das schüchterne Vögelchen, die kleine Schwalbe,
GRJASNOJzu dem Milan ins Nest geflogen kommt,
GRJASNOJsich unter seinem Flügel versteckt,
GRJASNOJzu dem Milan ins Nest geflogen kommt,
GRJASNOJan seiner Brust sich beruhigt.
GRJASNOJDass sie mich lieben könnte
GRJASNOJund ich einmal ihr Mann sein werde.
GRJASNOJDass sie mich lieben könnte
GRJASNOJund ich ihr Mann sein werde, kann ich nicht glauben.
LJUBASCHAAch, ich habe es nicht erst heute bemerkt,
LJUBASCHAdass sie vorüber sind, meine schönen Tage.
LJUBASCHAEin Schmerz in der Brust Iässt mich Böses ahnen,
LJUBASCHAverheisst mir grossen Kummer.
LJUBASCHANein, er ist nicht mehr wie früher zu mir,
LJUBASCHAer ist nicht mehr wie früher,
LJUBASCHAja, er hat aufgehört, mich zu lieben.
BOMELIUSAuf der Welt gibt es viele verborgene Geheimnisse,
BOMELIUSviele dunkle, unerforschte Mächte;
BOMELIUSdoch mit der Wissenschaft ist uns der Schlüssel zu diesen Geheimnissen
BOMELIUSdurch das Licht der Erkenntnis gegeben.
GRJASNOJUnd wenn sie ihn nicht liebgewinnt?
BOMELIUSWieso sollte ich lügen?
GRJASNOJDann werde ich zu dir kommen.
GRJASNOJUnd wenn du meinem Freund hilfst,
GRJASNOJwerde ich dich reich belohnen.
BOMELIUSLeb wohl! Sie wird ihn lieben!
GRJASNOJWarte! Warte!
GRJASNOJIch begleite dich!
GRJASNOJBeide gehen ab
SECHSTE SZENELjubascha schleicht sich durch die Seitentür. Grjasnoj kommt mit gesenktem Kopf herein. Ljubascha öffnet leise die Tür und geht zu Grjasnoj
SECHSTE SZENEDuett
GRJASNOJWas willst du?
LJUBASCHAIch wollte dich fragen,
LJUBASCHAob du zur Frühmette gehen wirst?
GRJASNOSJa, ich werde gehen.
GRJASNOSsetzt sich an den Tisch und bedeckt sein Gesicht mit den Händen
LJUBASCHAgeht zu Grjasnoj
LJUBASCHASag, warum bist du böse auf mich?
LJUBASCHAWodurch habe ich Närrin dich erzürnt,
LJUBASCHAdass du kein Wörtchen mit mir reden willst?
GRJASNOJohne den Kopf zu heben
GRJASNOJGeh fort!
LJUBASCHAAch, du bist meiner überdrüssig! Es war Zeit!
LJUBASCHAWas willst du auch, dummes Ding?
LJUBASCHAMan hat genügend Spass mit dir gehabt,
LJUBASCHAjetzt bist du lästig: Nun gibt es eine andere,
LJUBASCHAbessere, angenehmere ...
GRJASNOJsich umdrehend
GRJASNOJGeh zu Bett, Ljubascha!
GRJASNOJLjUBASCHA
GRJASNOJEs scheint, du liebst
GRJASNOJdeine Ljubascha nicht mehr,
GRJASNOJdu weisst nicht mehr, ob sie gerade schläft oder nicht.
GRJASNOJVon deinen heissen Küssen glühen mir noch die Wangen,
GRJASNOJdoch du bist mich leid und hast schon vergessen,
GRJASNOJwie man die Türen zu meiner Kammer öffnet.
GRJASNOJIst es wirklich so lange her,
GRJASNOJdass mich mein Liebster liebte,
GRJASNOJdass er seine Ljubascha küsste und liebkoste,
GRJASNOJdass er nicht einen Tag leben konnte ohne sie?
GRJASNOJJetzt warte ich vergeblich die ganze Nacht auf ihn,
GRJASNOJdie ganze Nacht bis zum frühen Morgen weine ich.
GRJASNOJEs quält mich, diese Worte zu hören
GRJASNOJund solche bitteren Tränen zu sehen.
GRJASNOJIch weiss selbst nicht, was ich ihr darauf sagen soll;
GRJASNOJoder bin ich schuld, dass ich Marfa begegnete,
GRJASNOJdass sie mit ihrer Schönheit mein Blut lodern liess,
GRJASNOJmein Herz eroberte?
GRJASNOJDie Liebe ist doch wie die Sehne eines Bogens,
GRJASNOJeinmal gerissen ist sie nicht mehr zu knüpfen.
GRJASNOJMeine frübere Liebe kehrt nicht mehr zurück,
GRJASNOJseit sie mit ihrer Schönheit mein Blut lodern liess,
GRJASNOJmein Herz eroberte.
LJUBASCHAstürzt zu Grjasnoi
LJUBASCHANein, das kann nicht sein! ...
LJUBASCHADu verlässt mich nicht!
LJUBASCHAIch habe irgendwie deinen Zorn erregt,
LJUBASCHAund du hast dich der anderen nur aus Ärger zugewandt.
LJUBASCHAGib sie auf! Sie liebt dich nicht.
LJUBASCHANur ich allein liebe dich doch.
LJUBASCHAOh, erinnere dich, erinnere dich, mein Liebster,
LJUBASCHAmeine Unschuld habe ich für dich vergessen.
LJUBASCHAIch vergass auch Vater und Mutter,
LJUBASCHAvergass die Familie und mein Volk.
LJUBASCHADoch ihretwegen vergoss ich keine Tränen.
LJUBASCHAIch gab alles für dich. Alles für dich!
LJUBASCHAweint
LJUBASCHADoch du willst mich verlassen!
LJUBASCHAfäIlt auf die Knie
LJUBASCHARichte meine Seele nicht zugrunde, Grigori!…
LJUBASCHAHinter der Bühne ertönt ein Glockenschlag
GRJASNOJsteht auf
GRJASNOJDie Frühmesse …
GRJASNOJEr geht in die Ecke und legt sein Messgewand und das Käppchen an
LJUBASCHAWarte, geh nicht!
LJUBASCHASag, dass ich wirres Zeug rede,
LJUBASCHAdass du mich liebst,
LJUBASCHAund nicht sie, nicht diese ..
LJUBASCHAJa, sag mir doch etwas!
GRIASNOJLeb wohl!
GRIASNOJgeht ab
LJUBASCHAIäuft ihm nach
LJUBASCHAWarte! Wohin gehst du?
LJUBASCHAkommt zurück
LJUBASCHAEr ist fortgegangen und hat mich nicht einmal angeschaut.
LJUBASCHASie wird er sicher ansehen und sich nicht satt sehen,
LJUBASCHAfür sie hat er beim Deutschen den Zaubertrank bestellt
LJUBASCHAund ihm Gold für das Gebräu versprochen …
LJUBASCHASie hat ihn behext, das ist offensichtlich!
LJUBASCHAOh, ich werde deine Hexe schon finden
LJUBASCHAund dich von ihrem Zauber lösen.
SYSTEMZWEITER AKT - Der Zaubertrank
ERSTE SZENEChor (das Volk), Opritschniki und ein junger Bursche
ERSTE SZENEStrasse in der Aleksandrowskischen Vorstadt. Vorn links ein Haus (bewohnt von den Sobakins) mit drei Fenstern zur Strasse und einem Tor im Zaun; bei dem Tor, unter dem Fenster steht eine Holzbank. Rechts das Haus von Bomelius mit einer Pforte; dahinter, im Hintergrund, Umzäunung und Tor eines Klosters. Gegenüber dem Kloster, links im Hintergrund, das Haus des Fürsten Gwosdjew-Rostowski mit einem hoch überdachten Eingang, der zur Strasse führt. Herbstliche Landschaft; in Rot- und Gelbtönen schimmernde Bäume. Gegen Abend. Aus dem Kloster kommen Leute
CHORGott erlaubte uns, die Abendmesse zuende anzuhören.
CHOREs ist Zeit, nach Hause schlafen zu gehen.
CHORWelche Wärme der Herr uns schickt!
CHORSchliesslich ist bald das Fest der Heiligen Jungfrau.
CHORIn anderen Jahren zur gleichen Zeit
CHORschneit es schon längst,
CHORdiesmal zieht sich der Altweibersommer lange hin.
CHORAber wie heisst es doch: Hitze hat noch nie jemandem geschadet.
CHORDiese Wärme passt nicht in diese Jahreszeit.
CHORDa fliegen Kraniche!
CHOREs heisst, wenn die Kraniche
CHORan Eumenes ziehen, dann wird das Fest …
CHORDie Opritschina kommt! Die Opritschina kommt!
CHORIm Hintergrund der Bühne erscheinen Opritschniki und gehen auf das Haus des Fürsten Gwosdjew-Rostowski zu. Die Menge verstummt, viele nehmen ihre Mützen ab und verneigen sich
OPRITSCHNIKIEs scheint, wir haben allen Bescheid gesagt,
OPRITSCHNIKIsich beim Fürsten Gwosdjew zu versammeln;
OPRITSCHNIKIwenn es Nacht wird, werden wir
OPRITSCHNIKIvon dort mit unseren Pferden wieder aufbrechen.
OPRITSCHNIKIWie kühne Jagdfalken
OPRITSCHNIKIwerden wir über das Gut herfallen,
OPRITSCHNIKIkeine Nachsicht, keine Gnade
OPRITSCHNIKIwird es geben.
OPRITSCHNIKIOffen gesagt, für den Verräter
OPRITSCHNIKIhaben wir lange unsere Zähne gewetzt,
OPRITSCHNIKIjetzt nimm dich in acht!
OPRITSCHNIKIziehen zum Haus des Fürsten
VOLKden Opritschniki nachschauend
VOLKSie sammeln sich! Einem, wird es schlecht ergehen,
VOLKein Unglücklicher wird seinen Kopf verlieren!
VOLKSie nennen sich selbst Diener des Zaren
VOLKund sind doch schlimmer als Hunde!
VOLKSeid still! Passt auf!
VOLKLasst uns lieber von der
VOLKHochzeit des Zaren sprechen.
VOLKWieviel Mädchen man hergebracht hat!
VOLKWann wird denn die Brautschau sein?
VOLKNiemand weiss es.
VOLKMan sagt, es seien vierzig mal vierzig Mädchen.
VOLKDa such dir eine aus.
VOLKEr wird sich eine aussuchen, keine, Angst!
VOLKUnser Zar wird schon keinen Bock schiessen.
VOLKEr hat ja Augen wie ein Falke.
VOLKDas ist wahr!
VOLKDurch die Pforte von Bomelius' Haus treten zwei, junge Burschen. Zu den Burschen
VOLKSeid ihr etwa bei dem Deutschen gewesen,
VOLKum Medizin zu besorgen?
BURSCHEDas waren wir, warum?
VOLKhorcht auf
VOLKWirklich, bei dem Deutschen?
VOLKAber das ist doch eine Sünde!
VOLKEr ist doch unrein!
VOLKEr ist doch ein Ungläubiger!
VOLKDer? Der Deutsche? Er ist ein Heide!
VOLKBevor man sich
VOLKmit ihm einlässt,
VOLKmuss man das Kreuz abnehmen.
VOLKEr ist doch ein Hexer!
VOLKVerkehrt mit dem Teufel!
VOLKErlöse uns, Herr, erlöse uns!
VOLKErlöse uns, Gott, erlöse uns!
VOLKUnd was hat er euch gegeben?
BURSCHEEr hat uns Kräuter gegeben.
VOLKHexenzeug, werft es fort!
BURSCHEWir wussten nicht ...
BURSCHEvielleicht werfen wir es besser fort.
BURSCHEwirft das Bündel weg
VOLKSo ist's recht!
VOLKUnd ihr geht besser nicht mehr zu dem Deutschen,
VOLKehe ihr euch verseht, macht sich der Teufel euch
VOLKgefügig. Nun, gehen wir.
VOLKEs wird Zeit für uns.
VOLKKommt, zu Hause warten sie schon.
VOLKBis dann, lebt wohl.
VOLKSie gehen auseinander. Die Bühne leert sich. Marfa, Dunjascha und Petrowna kommen aus dem Kloster
PETROWNASieh mal, was für ein Abend!
PETROWNAAls ob Sommer wäre.
DUNJASCHAMan mag gar nicht ins Haus gehen.
MARFAPapachen wird sicherlich bald zurückkommen.
MARFADunjascha, lass uns hier
MARFAauf der Bank auf ihn warten.
DUNJASCHAMeinetwegen.
PETROWNASetzt euch nur hier hin, doch ich werde gehen.
PETROWNAgeht ab
MARFAHast du Wanja schon gesehen?
DUNJASCHAWo sollte ich ihn denn sehen?
DUNJASCHAIch bin erst den zweiten Tag bei dir zu Besuch.
MARFAAch ja, ich vergass,
MARFAgestern war er ja nicht hier.
DUNJASCHAEs ist schon wahr,
DUNJASCHAdass man die Braut sofort erkennt:
DUNJASCHASie spricht immer nur
DUNJASCHAvon ihrem Liebsten.
MARFALach nur, lach nur!
MARFADeine Zeit wird kommen, auch du wirst lieben.
MARFAUnd wie könnte ich Wanja nicht lieben,
MARFAwir sind seit unseren Kindertagen eng befreundet.
DUNJASCHAIhr kennt euch also schon lange?
MARFASeit der Kindheit.
MARFAArie
MARFAIn Nowgorod waren wir Nachbarn.
MARFASie hatten einen grossen, schattigen Garten.
MARFAAls wäre es heute, sehe ich den grünen Garten vor mir,
MARFAwo mein lieber Freund und ich herumtollten,
MARFAwo ich ihm ans blauen Blüten
MARFAKränze flocht.
MARFAIn dern grünen Garten lebten wir
MARFAund atmeten wir
MARFAso unbeschwert.
MARFADen lichen langen Tag
MARFAtobten wir herum,
MARFAvergnügten uns und hatten Spass.
MARFAAch! Ach! Ach! Ach!
MARFAUnd all unsere Verwandten, die uns zusahen,
MARFAlächelten und ihre Freude hatten,
MARFAsagten zu uns:
MARFAAlles lässt erkennen, dass ihr ein Pärchen seid,
MARFAdass die Brautkrone schon fùr euch geschmiedet ist.
MARFASo viele glückliche Tage verbrachten wir dort,
MARFAjeder Busch nickte uns zu,
MARFAalle Bäume erfreuten sich
MARFAmit stiller Zärtlichkeit an uns.
MARFAIn dem grünen Garten lebten wir
MARFAund atmeten wir
MARFAso unbeschwert, so unbeschwert.
MARFADann starb der alte Lykow,
MARFAund der Onkel, der Statthalter von Narwa,
MARFAholte Wanja zu sich.
MARFALange Zeit haben wir uns nicht mehr gesehen.
MARFADann ging das Gerücht um, der Zar
MARFAhabe Wanja ins Ausland geschickt.
MARFAAch, wie war ich unglücklich,
MARFAich habe viel geweint.
MARFAGott sei Dank war es umsonst.
MARFAIn diesem Frühjahr
MARFAsind wir in die Vorstadt gezogen,
MARFAund Gort hat mich wieder mit Wanja zusammengeführt.
DUNJASCHADu hast ihn wohl nicht erkannt?
DRITTE SZENEMarfa antwortet nicht und blickt in den Hintergrund der Bühne, wo zur selben Zeit zwei vornehme Reiter erscheinen. Die imposante Erscheinung des ersten, der in einen kostbaren Mantel gehüllt ist, lässtt in ihm Ioann Wassiljewitsch Grosni (Iwan den Schrecklichen) erkennen; der zweite Reiter, mit einem Besen und einem Hundekopf am Sattel, ist einer der Vertrauten des Zaren. Der Zar bringt sein Pferd zum Stehen und mustert Marfa schweigend und aufmerksam; sie erkennt den Zaren nicht, aber erschrickt und erstarrt, den auf sie gerichteten, durchdringenden Blick fühlend
MARFAAch, was ist mit mir?
MARFADas Blut gefriert mir im Herzen!
DUNJASCHAfür sich
DUNJASCHAWie er guckt!
DUNJASCHAWie finster sein Blick ist!
DUNJASCHADer Zar entfernt sich langsam
MARFASein strenger Blick bat sich mir schwer
MARFAwie ein Stein aufs Herz gelegt.
MARFAWer immer das ist, er macht mir Angst,
MARFAAngst macht mir sein strenger Blick.
DUNJASCHAIch bin ausser mir von diesen Augen,
DUNJASCHAbis zur Sünde ist es nicht mehr weit,
DUNJASCHAfür immer kann er einen mit diesen Augen behexen.
DUNJASCHAIm Hintergrund erscheinen Sobakin und Lykow
LYKOWBei der Pforte steht schon jemand.
SOBAKINIch sagte dir, lwan Sergeitsch,
SOBAKINdass sie schon warten wird.
LYKOWmit einer Verbeugung
LYKOWSei gegrüsst, Marfa Wassiljewna.
MARFAverbeugt sich
MARFAlwan Sergeitsch!
MARFADer Bräutigam bat seine Braut vergessen,
MARFAgestern liess er sich den ganzen Tag nicht sehen ...
MARFAQuartett
SOBAKINWarte, mein liebes,
SOBAKINmein liebes Töchterlein,
SOBAKINbald, bald ist er für immer dein.
SOBAKINEin goldener Ring
SOBAKINwird dich mit ihm verbinden,
SOBAKINdu wirst dein Haus einrichten,
SOBAKINdein Nestchen schon herrichten.
SOBAKINDu wirst in Liebe und Harmonie leben.
LYKOWOh, würden sie doch eher kommen,
LYKOWdie Tage des Glücks und der Freude.
LYKOWDas Herz schlägt in der Brust,
LYKOWverlangt nach den Tagen,
LYKOWden glücklichen Tagen,
LYKOWnach jenen schönen Tagen,
LYKOWund will nicht warten
LYKOWund nicht mehr zögern.
DUNJASCHAHübsch, hübsch sind sie,
DUNJASCHAdie Braut und der Bräutigam!
DUNJASCHAWie ein Frühlingstag
DUNJASCHAim Morgenrot.
DUNJASCHAWer sie ansieht,
DUNJASCHAwer sie sieht, kann sich nicht satt sehen.
DUNJASCHAWer sie sieht, wünscht ihnen
DUNJASCHAvon ganzem Herzen ein langes
DUNJASCHAund glückliches Leben, wünscht ihnen
DUNJASCHAvon ganzem Herzen ein langes Leben,
DUNJASCHAvon ganzem Herzen.
MARFAWanjuschka, mein Freund,
MARFAmein Herzallerliebster!
MARFAMein lieber Bräutigam!
MARFAWie werde ich dich lieben
MARFAund liebkosen, deine seidigen
MARFALocken kämmen,
MARFAin deine strahlenden Augen schauend.
SOBAKINNun, was ist, bittet
SOBAKINunseren teuren Gast ins Haus.
SOBAKINWir haben einen wunderbaren Kirschlikör!
SOBAKINIst der Tisch gedeckt?
MARFAJa, er ist gedeckt.
SOBAKINWir bitten ergebenst.
SOBAKINSie gehen durch die Pforte ab. Es dämmert. Im Haus Sobakins wird Licht angeziindet
INTERMEZZOIm Hintergrund der Bühne erscheint Ljubascha, in einen Schleier gehüllt; langsam und sich nach allen Seiten umschauend, schleicht sie zwischen den Häusern durch und tritt auf die Vorbühne heraus
LJUBASCHAIch hab' es!
LJUBASCHAHier ist also das Nest des Täubchens?
LJUBASCHAWir werden uns deine Schönheit mal ansehen.
LJUBASCHASie geht zum Haus Sobakins und schaut durch das Fenster
LJUBASCHAJa… nicht schlecht… rote Wangen, weisse Haut,
LJUBASCHAund Augen mit schmachtendem Blick …
LJUBASCHAIst das Marfa?
LJUBASCHAMan hat mir was anderes über sie erzählt.
LJUBASCHAMir fällt ein Stein vom Herzen:
LJUBASCHADieses Mädchen wird Grigori
LJUBASCHAbald über sein.
LJUBASCHAIch guck noch mal.
LJUBASCHAOh, wer ist das?
LJUBASCHADa sind zwei! Wer ist das?
LJUBASCHAläuft vom Haus weg
LJUBASCHADas, das ist sie,
LJUBASCHALjubaschas Verderben,
LJUBASCHAschwarzhaarig,
LJUBASCHAmit Brauen wie Zobelfell.
LJUBASCHAAch, ist sie schön!
LJUBASCHAKann ich das glauben?
LJUBASCHAgeht zum Fenster
LJUBASCHAEs ist wirklich wahr. Was für eine Schönheit!
LJUBASCHAWelche Augen! Ihrer wird er nicht überdrüssig werden.
LJUBASCHAAber ich werde sie nicht verschonen.
LJUBASCHAWie mein Kopf schmerzt!
LJUBASCHAWo ist dieser Ungläubige?
LJUBASCHAklopft bei Bomelius an
BOMELIUShinter der Bühne
BOMELIUSWer klopft da?
LJUBASCHAÖffne das Fenster, dann siehst du es.
BOMELIUSöffnet das Fenster
BOMELIUSLjubascha!
LJUBASCHAKomm zu mir heraus, schnell.
BOMELIUSkommt eilig mit einer Laterne aus der Tür
BOMELIUSLass uns zu mir hineingehen,
BOMELIUSfasst sie bei der Hand
BOMELIUShier ist es kalt und feucht.
LJUBASCHAreisst ihre Hand los
LJUBASCHANein, auf keinen Fall komme ich zu dir herein.
BOMELIUSWarum bist du gekommen? Ich will dir gerne dienen.
BOMELIUSFür eine hübsche junge Frau
BOMELIUSbin ich zu allem, zu allem bereit.
LJUBASCHAIch habe gehört, dass du
LJUBASCHAein findiger Wunderdoktor bist.
LJUBASCHADass du die Krankheiten kennst
LJUBASCHAund die Heilmittel.
LJUBASCHASag mir, kann man
LJUBASCHAmit deinen Hexereien
LJUBASCHAso ein Mittel herstellen, das
LJUBASCHAeinen Menschen nicht vollständig tötet,
LJUBASCHAsondern nur seine Schönheit zerstört,
LJUBASCHAund zwar nicht sofort, sondern allmählich.
LJUBASCHAHast du verstanden?
BOMELIUSWie könnte ich nicht verstehen!
LJUBASCHAEin solches Mittel,
LJUBASCHAdass die Augen ihren Glanz verlieren ...
BOMELIUSSo ein Mittel gibt es ...
LJUBASCHA... dass die purpurne Röte
LJUBASCHAder Wangen verfliegt ...
BOMELIUS... ich gebe es vielleicht heraus ...
LJUBASCHA... dass Härchen für Härchen
LJUBASCHAausfällt, und die ganze üppige
LJUBASCHABrust verwelkt.
BOMELIUS… aber mein Pulver ist teuer,
BOMELIUSes ist gefährlich, es herauszugeben,
BOMELIUSwird es bekannt, bestraft man mich mit dem Tode.
LJUBASCHASelbst unter der Folter werde ich nicht verraten,
LJUBASCHAwoher ich es habe.
BOMELIUSblickt Ljubascha durchdringend an
BOMELIUSBrauchst du es nötig?
LJUBASCHAhebt ihre Hand zur Laterne
LJUBASCHASchau her: Hier
LJUBASCHAist ein Smaragdring,
LJUBASCHAund ich habe auch einen Halsschmuck;
LJUBASCHAdie Perlen schillern wie ein
LJUBASCHARegenbogen; wenn du willst,
LJUBASCHAnimm es dir.
LJUBASCHAOder ist es zu wenig?
BOMELIUSMein Pulver ist nicht käuflich.
LJUBASCHAIst es denn so geheim?
BOMELIUSJa.
LJUBASCHAUnd was willst du für das Geheimnis?
BOMELIUSWas? Von dir?
BOMELIUSVon dir wenig ...
BOMELIUSergreift ihre Hand
BOMELIUSnur einen Kuss!
LJUBASCHAreisst ihre Hand los
LJUBASCHAWas fällt dir ein, Deutscher?
LJUBASCHAHast du den Verstand verloren?
LJUBASCHALeb wohl, wenn du nicht willst,
LJUBASCHAich werde einen anderen finden, der zugänglicher ist.
LJUBASCHASie läuft auf die andere Strassenseite; Bomelius Iäuft ihr nach
LJUBASCHARühr mich nicht an! Ich schreie.
BOMELIUSIch rühre dich nicht an, doch
BOMELIUSmorgen erzähle ich alles
BOMELIUSdem Bojaren Grjasnoj.
LJUBASCHAzuckt zusammen; für sich
LJUBASCHADer Teufel selbst stiftet dich an,
LJUBASCHAVerfluchter!
LJUBASCHAzu Bomelius
LJUBASCHAIch habe dir wohl zuwenig versprochen.
LJUBASCHANimm noch von mir
LJUBASCHAden letzten Fetzen,
LJUBASCHAleg selbst den Preis
LJUBASCHAfür deine Dienste fest; ich zahle,
LJUBASCHAich begebe mich in deine Hand.
LJUBASCHANun, sag schon!
BOMELIUSLiebe mich, liebe mich,
BOMELIUSliebe mich, Ljubascha!
BOMELIUSLiebe mich, liebe mich,
BOMELIUSdu Schöne, hab keine Furcht!
BOMELIUSAus dem Haus der Sobakins klingen fröhliche Stimmen und Lachen
STIMME SOBAKINShinter den Kulissen
STIMME SOBAKINSWir schiessen nicht mit dem Bogen,
STIMME SOBAKINSwir schiessen nicht mit der Büchse,
STIMME SOBAKINSdoch man wird keinen finden,
STIMME SOBAKINSder gegen uns trinken,
STIMME SOBAKINSsingen und tanzen kann.
STIMME SOBAKINSWas sollen wir mit dem Pflug?
STIMME SOBAKINSWenn wir doch eine Balalajka hâtten!
STIMME SOBAKINSSTIMMEN MARFAS und DUNJASCHAS
STIMME SOBAKINSHa, ha, ha, ha, ha, ha, ha!
STIMME LYKOWSDa hast du, was uns betrifft,
STIMME LYKOWSden Nagel auf den Kopf getroffen.
LJUBASCHASie lacht ...
LJUBASCHAOh, du wirst mir
LJUBASCHAfür dieses Lachen bezahlen!
LJUBASCHAzu Bomelius
LJUBASCHAGeh und bereite dein Pulver vor.
LJUBASCHAIch werde es kaufen. Hörst du?
LJUBASCHAIch bin einverstanden. Ich ...
LJUBASCHAwerde versuchen, dich zu lieben.
LJUBASCHABomelius läuft Hals über Kopf in sein Haus
LJUBASCHASo weit ist es mit mir gekommen
LJUBASCHAGrigori,
LJUBASCHAder Herr wird dich bestrafen,
LJUBASCHAbestrafen meinetwegen.
LJUBASCHASie ist schöner als ich,
LJUBASCHAihre Zöpfe sind länger als meine ...
LJUBASCHAAber ist das denn alles?
LJUBASCHAJa, liebt sie ihn denn,
LJUBASCHAso wie ich ihn liebe?
LJUBASCHAGerade noch scherzte sie mit emern anderen ...
LJUBASCHASie liebt ihn nicht, nein, sie liebt ihn nicht.
STIMME MARFASLeb wohl, Iwan Sergeitsch!
STIMME MARFASLjubascha versteckt sich. Aus der Tür treten Lykow und Sobakin
SOBAKINKomm, doch morgen vorbei
SOBAKINund bring Grjasnoj mit.
LYKOWverbeugt sich
LYKOWWir werden kommen.
SOBAKINDann komm gut nach Hause.
SOBAKINLykow geht ab. Sobakin geht zurück ins Haus
LJUBASCHASie sind gegangen! Also wird
LJUBASCHAGrigori morgen hier sein?
LJUBASCHAWarum kommt denn dieser Verfluchte nicht?
LJUBASCHABomelius kommt aus seinem Haus und schleicht zu Ljubascha
BOMELIUSBist du hier?
LJUBASCHAHast du das Pulver mitgebracht?
BOMELIUSJa, es ist fertig.
LJUBASCHAGib her.
LJUBASCHABomelius gibt ihr das Pulver
LJUBASCHAAber, wenn du mich betrügst?
BOMELIUSNein, ich werde dich nicht
BOMELIUSbetrügen; und du mich?
LJUBASCHANein, auch ich betrüge dich nicht.
LJUBASCHAzum Haus der Sobakins gewandt
LJUBASCHADu, meine Schöne, beschwere dich nicht über mich!
LJUBASCHAIch habe deine Schönheit gekauft,
LJUBASCHAaber teuer bezahlt… mit meiner Ehre.
LJUBASCHAzu Bomelius
LJUBASCHASchlepp mich in deine Hundehütte, Deutscher!
LJUBASCHABomelius zieht sie eilig mit sich
CHORhinter der Bühne
CHORNicht Falken sind aus den Lüften herabgeflogen,
CHORjunge Burschen versammelten sich zum Vergnügen,
CHORritten in das freie Feld hinaus,
CHORerfreuen ihr feuriges Herz.
CHORDie Tür zum Haus des Fürsten Gwosdjew?Rostowski öffnet sich weit; auf der Vortreppe erscheint eine Horde betrunkener Opritschniki. Aus einer Ecke kommen Diener mit Laternen herbeigelaufen und führen Pferde mit sich
CHORHei! Hei! Hei! Hei!
CHORIm freien Feld jagten sie wilde Tiere,
CHORtraten die Feinde mit den Pferden nieder.
CHORKeiner fand Schutz vor den Burschen,
CHORall ihre Feinde liegen tot umher.
CHORSo rechnen die Burschen ab,
CHORfür solche Bluttaten sollen sie ewigen Ruhm ernten!
CHORSollen sie ewigen Ruhm ernten!
SYSTEMDRITTER AKT - Der Brautführer
SYSTEMVorspiel
ERSTE SZENEEmpfangszimmer im Haus Sobakins. Rechts drei rote Fenster; links in der Ecke ein Kachelofen; daneben, zur Vorbühne hin, die Tür zur Diele. Im Hintergrund, in der Mitte, noch eine Tür; rechts davon ein Tisch vor einer Bank; links, direkt neben der Tür, eine Anrichte. Unter den Fenstern eine lange Bank. Wassili Sobakin, Iwan Lykow and Grigori Grjasnoj sitzen auf der Bank am Tisch
ERSTE SZENETerzett
SOBAKINOhne den Herrn erzürnen zu wollen,
SOBAKINIwan Sergeitsch,
SOBAKINwir haben eine grosse Familie!
SOBAKINEin halbes Dutzend prächtiger Burschen
SOBAKINist zu Hause geblieben.
SOBAKINOhne den Herrn erzürnen zu wollen!
SOBAKINFrüher sassen wir immer
SOBAKINzu zwölft am Tisch,
SOBAKINdann habe ich die Kinder verheiratet,
SOBAKINso wurden es weniger.
LYKOWWann wirst du denn deine Tochter
LYKOWunter die Haube bringen?
LYKOWEs wird Zeit, zukünftiger Schwiegervater,
LYKOWfür die Hochzeit und das frohe Fest.
SOBAKINEs wäre an der Zeit. Doch sieh mal,
SOBAKINwir müssen mit der Hochzeit noch warten.
SOBAKINUnlängst hat unser Herrscher befohlen,
SOBAKINihm alle Mädchen vorzuführen,
SOBAKINdie hierher gebracht wurden.
SOBAKINMeine kleine Marfa
SOBAKINwurde auch bestellt…
LYKOWWarum sie?
SOBAKINUnd Dunjascha auch.
SOBAKINInsgesamt waren es zweitausend Mädchen,
SOBAKINund heute rief man zwölf
SOBAKINin die engere Wahl.
SOBAKINGrjasnoj steht vom Tisch auf
SOBAKINWas ist los, Bojar?
GRJASNOJNichts… das ist wohl … das geht vorbei.
SOBAKINGenug, lwan Sergeitsch,
SOBAKINgenug, sorge dich nicht.
LYKOWOb ich sie heirate oder nicht,
LYKOWdas weiss nur Gott.
SOBAKINKönnte ich mein Wort brechen?
LYKOWAber mein Herz fühlt: Unheil droht.
SOBAKINIch wäre selbst froh, die Sache abzuschliessen.
LYKOWIch liebe sie mehr als mein Leben.
SOBAKINWir werden noch ein bisschen warten müssen.
LYKOWOhne sie werde ich nicht lange leben,
LYKOWmich nicht lange auf der Erde abplagen.
LYKOWAber was soll ich machen, was kann ich tun?
LYKOWIch bin doch ein Diener unseres Zaren und Herrschers!
GRJASNOJzur Seite
GRJASNOJMein Blut gefriert was ist, wenn plötzlich…!
GRJASNOJAber, nein! Das kann nicht sein.
GRJASNOJSie ist doch nicht allein,
GRJASNOJes sind doch zwölf.
GRJASNOJGebe Gott, dass wir dem Unheil entgehen.
SOBAKINSei nicht traurig, es gibt
SOBAKINbessere als Marfa.
SOBAKINErstmal sieht sich der Zar
SOBAKINalle Mädchen an, dann
SOBAKINfeiern wir unsere Hochzeit.
GRJASNOJUnd das Zaubermittel wird Marfa helfen,
GRJASNOJihren Bräutigam auszuwählen.
GRJASNOJgeht zu Sobakin
GRJASNOJIch habe mich selbst bereits
GRJASNOJals Brautführer angeboten.
SOBAKINNein, nein, lwan Sergeitsch,
SOBAKINsorge dich nicht umsonst,
SOBAKINmein Freund, verzehre dich nicht vor Kummer.
SOBAKINWir haben doch schon einen Brautführer,
SOBAKINdie Aussteuer steht schon lange bereit.
LYKOWWir können unserem Schicksal
LYKOWnicht entrinnen.
GRJASNOJzu Lykow
GRJASNOJDann ernennst du mich nicht zum Brautführer?
LYKOWDiese Ehre, Bojar,
LYKOWkannst du mir kaum verweigern.
GRJASNOJDanke, mein Freund!
SOBAKINUm die Brautwerber brauchen wir uns
SOBAKINanscheinend nicht mehr zu kümmem,
SOBAKINund um den Hochzeitskuchen auch nicht.
SOBAKINAber jetzt befehle ich Petrowna,
SOBAKINMet aus dem Keller zu holen.
SOBAKINDerweil wird auch meine Marfa
SOBAKINzusammen mit Dunjascha und
SOBAKINDomna lwanowna Saburowa zu uns kommen.
SOBAKINgeht durch die mittlere Tür ab
LYKOWSag, Bojar, wenn du
LYKOWwie ich verlobt wärst
LYKOWund deine Braut liebtest wie ich,
LYKOWwas würdest du tun?
LYKOWArietta
GRJASNOJWas ich tun würde?
GRJASNOJIch liesse alles geschehen,
GRJASNOJwas des Herrn Wille ist!
GRJASNOJIch werde doch nicht etwa Hand an mich legen!
GRJASNOJIch selbst war doch in deine Braut verliebt,
GRJASNOJhabe um sie gefreit und bekam eine Absage.
GRJASNOJWas soll man da machen?
GRJASNOJGibt es denn so wenige Mädchen?
GRJASNOJWenn nicht diese, dann eine andere, das ist gleich.
GRJASNOJIch biete mich euch selbst sogar
GRJASNOJals Brautführer an,
GRJASNOJund ich freue mich über eure Zärtlichkeit.
GRJASNOJMöge der Herr euch Freundschaft
GRJASNOJund Liebe verleihen!
SOBAKINkommt mit einem Krug Met und Bechern herein
SOBAKINHier sind der Met und die Becher.
SOBAKINTrink doch ein wenig, Bojar.
SOBAKINWanja, trink ein bisschen, mein Lieber.
SOBAKINSie kommen, wie es scheint!
SOBAKINJemand hat mit der Tür geschlagen.
SOBAKINDomna Saburowna tritt auf
SOBAKINSie sind da. Nun, was gibt es,
SOBAKINwas hast du für Neuigkeiten?
DOMNA SABUROWAAch, Väterchen!
DOMNA SABUROWALass mich Atem holen!
SOBAKINWo sind denn die Mädchen?
DOMNA SABUROWASie sind im Mädchenzimmer,
DOMNA SABUROWAum ihre Mäntel abzulegen.
DOMNA SABUROWAAch, mein lieber
DOMNA SABUROWAWassili Stepanowitsch,
DOMNA SABUROWAwas für ein Glück
DOMNA SABUROWAhat mir der Herr gesandt!
DOMNA SABUROWAWeisst du, mein Guter,
DOMNA SABUROWAder Zar hat doch tatsächlich
DOMNA SABUROWAmit meiner Dunjascha gesprochen.
SOBAKINNein! Erzähl!
SOBAKINArioso
DOMNA SABUROWAAlso, mein Lieber, sie liessen
DOMNA SABUROWAuns ein in den Palast
DOMNA SABUROWAund stellten alle Mädchen in einer Reihe auf.
SOBAKINAuch unsere?
DOMNA SABUROWAUnsere auch.
DOMNA SABUROWADunja stand hier, ganz am Ende,
DOMNA SABUROWAMarta ein Stückchen weiter.
DOMNA SABUROWAUnd was für Mädchen da waren!
DOMNA SABUROWADa gab es nichts auszusetzen, alle waren ausgesucht,
DOMNA SABUROWAeine schöner als die andere.
DOMNA SABUROWAUnd wie sich alle herausgeputzt hatten!
DOMNA SABUROWAWas es da alles gab!
DOMNA SABUROWASamt und Seide …
DOMNA SABUROWAWas für Perlen allein die Koltowskaja hatte!
DOMNA SABUROWAGleich darauf kamen die Bojaren:
DOMNA SABUROWA"Der Zar kommt, der Zar kommt!"
DOMNA SABUROWAWir fielen auf die Knie,
DOMNA SABUROWAund als wir aufstanden, sahen wir
DOMNA SABUROWAden Zaren kommen und den Zarewitsch,
DOMNA SABUROWAumgeben von Bojaren.
DOMNA SABUROWAAls der Zar uns betrachtete,
DOMNA SABUROWAein stattlicher Mann,
DOMNA SABUROWAwurde es hell im Palast.
DOMNA SABUROWASo ging er vorbei,
DOMNA SABUROWAein zweites und ein drittes Mal,
DOMNA SABUROWAscherzte mit der Koltowskaja,
DOMNA SABUROWAob ihr die vielen Perlen nicht die Arme langzögen.
DOMNA SABUROWAEr fragte Dunjascha, zum wem sie gehöre,
DOMNA SABUROWAwoher sie komme, wie alt sie sei.
DOMNA SABUROWAEr fragte sie aus und lächelte
DOMNA SABUROWAselbst immer dabei, und deine Tochter
DOMNA SABUROWAsah er so durchdringend an,
DOMNA SABUROWAdass Dunjascha zuerst ganz schüchtern wurde
DOMNA SABUROWAund nur flüsternd vor sich hin murmelte;
DOMNA SABUROWAdoch er war immer sehr freundlich und lächelte.
DOMNA SABUROWAPlötzlich erholte sich das Mädchen;
DOMNA SABUROWAund dann redet sie, ja lacht
DOMNA SABUROWAbeinah; und die kleinen Äuglein
DOMNA SABUROWAfunkeln, und sie wird ganz rot,
DOMNA SABUROWAmein kleines Sternchen, rot wie
DOMNA SABUROWAeine Mohnblume, ja, so war es.
SOBAKINDann ist also
SOBAKINdie Brautschau noch nicht beendet?
DOMNA SABUROWAIch weiss nicht, mein Lieber,
DOMNA SABUROWAich weiss nicht.
SOBAKINUnd wie sollen wir es denn jetzt erfahren?
SOBAKINDu bist hier bei uns, und zu deinem
SOBAKINHerrn Gemahl sind vielleicht schon die Bojaren
SOBAKINmit der Botschaft des Zaren gekommen. Was?
DOMNA SABUROWAScherze nur, scherze nur!
DOMNA SABUROWAUnd wenn es so wäre,
DOMNA SABUROWAwürdest du selbst kommen und deine Aufwartung
DOMNA SABUROWAmachen. Ich muss die Mädchen
DOMNA SABUROWAaufscheuchen gehen:
DOMNA SABUROWASie werden die Zeit verschwatzt haben.
DOMNA SABUROWAgeht ab
SOBAKINIch gehe auch and werde befehlen,
SOBAKINnoch etwas aufzutragen.
SOBAKINgeht ab
SOBAKINIm Zimmer wird es dunkel. Grjasnoj setzt sich nachdenklich an den Tisch
LYKOWWirklich Dunjascha?
LYKOWDas kann nicht sein!
LYKOWSollte der Herr mir Marfa
LYKOWwirklich bewahrt haben?
LYKOWKann ich jetzt wirklich olme Sorge
LYKOWmein kleines Täubchen meine
LYKOWliebe Gattin nennen?
LYKOWArie
LYKOWDie dunkle Wolke ist verflogen,
LYKOWdie Sonne ist wieder über uns aufgegangen.
LYKOWIch habe dich zurück, meine Herzliebste,
LYKOWund wieder erwartet uns ein glückliches Schicksal.
LYKOWIch werde dich lieben und kosen
LYKOWund zärtlich zu meinem Täubchen sein.
LYKOWMit inniger Fürsorge, mit liebevoller Zärtlichkeit
LYKOWwerden wir einander das Leben versüssen.
LYKOWWie ich mich ängstigte, wie ich mich sorgte!
LYKOWDoch allmählich hat sich der Kummer gelegt.
LYKOWDie dunkle Wolke ist verflogen,
LYKOWdie Sonne ist wieder über uns aufgegangen.
GRJASNOJIch habe dir doch gesagt: Du sollst nicht
GRJASNOJim voraus trauern und dich grämen,
GRJASNOJjetzt siehst du selbst,
GRJASNOJdass ich auf deiner Hochzeit
GRJASNOJausgiebig werde trinken können:
GRJASNOJWarte, lass doch
GRJASNOJdeine Braut hereinkommen,
GRJASNOJich möchte euch jetzt gratulieren.
GRJASNOJUnd der Met ist da, zur rechten Zeit.
LYKOWSchenk ein, schenk ein, Bojar.
GRJASNOJSieh nur, wie dunkel es hier ist ...
LYKOWGeh zum Fenster.
GRJASNOJDas ist es!
GRJASNOJEr geht zum Fenster, schenkt ein und stelIt den Becher auf dem Tisch ab
GRJASNOJSo, hier ist der Becher für den Bräutigam.
GRJASNOJJetzt für die Braut.
GRJASNOJNimmt einen anderen Becher, geht zum Fenster, dreht Lykow den Rücken zu und schüttet eilig das Pulver, das er unter seinem Hemd versteckt hatte, in den Becher. Dann schenkt er den Met ein und stellt den Becher auf ein Tablett
GRJASNOJUnd schon ist alles bereit.
VIERTE SZENESobakin kommt mit Kerzen herein; hinter ihm Marfa, Dunjascha, die Saburowa und Dienstmädchen der Sobakins. Auf ein Zeichen Grjasnojs geht Lykow zu Marfa und stellt sich neben sie; Grjasnoj reicht ihnen die Becher
GRJASNOJDen grossen für den Bräutigam,
GRJASNOJden kleinen für die Braut!
GRJASNOJMarfa trinkt ein wenig
GRJASNOJWie es alter Brauch ist,
GRJASNOJbis auf den Grund.
GRJASNOJMarfa trinkt aus und verbeugt sich. Petrowna bewirtet alle mit Met
GRJASNOJSextett und Chor
GRJASNOJGebe Gott, dass euer Haus
GRJASNOJimmer wie ein voller Krug sei,
GRJASNOJdass es immer reich
GRJASNOJgesegnet sei.
MARFA UND LYKOWmit einer Verbeugung
MARFA UND LYKOWWir danken dir
MARFA UND LYKOWfür dein freundliches Wort,
MARFA UND LYKOWder Herr beschere dir
MARFA UND LYKOWein langes, glückliches Leben.
SOBAKINNun, Kinder, beschere euch Gott
SOBAKINGlück und Erfolg,
SOBAKINbeschere euch Gott ein langes Leben,
SOBAKINbeschere euch Gott ein glückliches Leben.
DOMNA SABUROWALiebe und Eintracht,
DOMNA SABUROWAein Leben in Harmonie.
DOMNA SABUROWABeschere euch Gott ein langes Leben,
DOMNA SABUROWAbeschere euch Gott ein glückliches Leben
DOMNA SABUROWAin Liebe und Eintracht,
DOMNA SABUROWAbeschere Gott euch frohe Tage,
DOMNA SABUROWAglückliche Tage!
DOMNA SABUROWALiebe und Eintracht!
DOMNA SABUROWAHarmonie und Liebe
DOMNA SABUROWAsende euch Gott!
DUNJASCHABeschere euch Gott ein langes Leben,
DUNJASCHAbeschere euch Gott ein glückliches Leben
DUNJASCHAin Liebe und Eintracht,
DUNJASCHAbeschere Gott euch frohe Tage,
DUNJASCHAglückliche Tage!
DUNJASCHAMöge euch Gott
DUNJASCHAin Harmonie leben lassen!
DUNJASCHAMöge euch Gott
DUNJASCHAglücklich leben lassen!
GRJASNOJMöge euch Gott
GRJASNOJin Harmonie leben lassen!
GRJASNOJLiebe und Eintracht!
GRJASNOJSende euch Gott
GRJASNOJLiebe und Eintracht!
SOBAKINMöge euch Gott
SOBAKINin Harmonie leben lassen,
SOBAKINin Eintracht.
SOBAKINSende euch Gott
SOBAKINein glückliches, langes Leben.
MARFAWir danken allen für die Freundlichkeit,
MARFAvielen Dank!
MARFADank euch allen
MARFAfür die freundlichen Wünsche!
LYKOWVielen Dank,
LYKOWwir danken allen für die Freundlichkeit.
LYKOWVielen Dank!
CHORMädchen
CHORWerde glücklich, lieber
CHORlwan Sergeitsch,
CHORmit deiner schönen Braut!
CHORMöget ihr ein Leben führen in Liebe,
CHORin Glück und Freude,
CHORvon allen Leuten
CHORhochverehrt!
SOBAKINMöge euch Gott das ganze
SOBAKINLeben in Liebe leben lassen!
GRJASNOJMöge euch Gott
GRJASNOJin Eintracht leben lassen!
LYKOWGott beschere uns Glück!
DUNJASCHAGott beschere euch Glück!
DOMNA SABUROWAGott beschere euch Glück!
MARFABeschere uns Gott!
CHORWerde glücklich, lieber
CHORlwan Sergeitsch!
CHOREintracht euch, und Liebe!
CHORMARFA, DOMNA SABUROWA, DUNJASCHA, LYKOW, GRJASNOJ und SOBAKIN
CHORBeschere euch Gott!
CHORLobgesang
DOMNA SABUROWAWir wollen die Braut und den Bräutigam
DOMNA SABUROWAnun hochleben lassen.
DOMNA SABUROWAzu den Mädchen
DOMNA SABUROWAIch singe vor,
DOMNA SABUROWAund ihr stimmt ein.
DOMNA SABUROWAsingt vor
DOMNA SABUROWAEin Falke erhob sich in die Lüfte,
DOMNA SABUROWAein kühner Falke erhob sich in die weiten Lüfte.
CHORDa erblickte der Falke aus der Höhe,
CHORerblickte der kühne Falke eine weisse Taube.
CHORDer Falke liess sich bei der Taube nieder,
CHORer setzte sich dicht an ihre Seite,
CHORumarmte sie mit seinem Flügel
CHORund glättete ihr das dichte Federkleid.
CHORDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
CHOREr umarmte sie mit seinern Flügel.
CHOREs war kein Falke,
CHORsondern ein junger Mann.
CHORDer tapfere junge
CHORIwan Sergeitsch.
CHORUnd er sah eine weisse Taube,
CHORer sah die bezaubernde Marfa Wassilewna,
CHORer ging hinüber zu ihr auf den Hof,
CHORsetze sich mit ihr aufs Treppchen.
CHOREr sagte ihr zärtliche Worte,
CHORder kühne Bursche eroberte das Herz des Mädchens …
CHORDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
CHOREr sagte ihr zärtliche Worte ...
PETROWNAkommt hereingelaufen
PETROWNABojaren kommen zu dir
PETROWNAmit einer Botschaft des Zaren.
SOBAKINZu mir?
SOBAKINDu hast ja den Verstand verloren!
PETROWNAIch habe den Verstand nicht verloren!
PETROWNADu musst sie empfangen…
PETROWNAHorch, sie sind schon in der Diele!
PETROWNAMaljuta und die Bojaren treten ein; Sobakin und die anderen verneigen sich tief
MALJUTAWassili!
MALJUTAUnser grosser Herrscher,
MALJUTAZar und Grossfürst
MALJUTAvon ganz Russland, lwan Wassiljewitsch,
MALJUTAhat dich ausgezeichnet
MALJUTAund befohlen, dir zu sagen:
MALJUTASobakin fällt auf die Knie
MALJUTA"Auf göttliches Geheiss
MALJUTAund Bitten meiner Eltern
MALJUTAgebot mir der Herr, mich nun
MALJUTAehelich zu binden und
MALJUTAdeine Tochter, Marfa Wassiljewna,
MALJUTAzur Gemahlin zu nehmen."
MALJUTAAlle sind erstaunt; Sobakin verneigt sich tief
SYSTEMVIERTER AKT - Die Braut
SYSTEMVorspiel
ERSTE SZENEEin Durchgangszimmer im Zarenpalast. Im Hintergrund, den Zuschauern gegenüber, die Tür in die Gemächer der Zarin. Links, im Vordergrund, die Tür zur Vorhalle. Fenster mit vergoldeten Gittern. Der Raum ist mit rotem Stoff bespannt; Bänke mit bunt gemusterten Wasserkrügen. Rechts, im Vordergrund, der mit Brokat bespannte Thron der Zarin. Von der Zimmerdecke herab hängt ein kristallener Kronleuchter an einer vergoldeten Kette
ERSTE SZENEArie
SOBAKINsteht nicht weit vom Thron der Zarin, häIt nachdenklich den Kopf gesenkt
SOBAKINSie ist eingeschlafen …
SOBAKINvielleicht ist es so leichter.
SOBAKINDie arme Dulderin!
SOBAKINWas für einen Kummer hat uns
SOBAKINder Herr für meine Sünde gesandt.
SOBAKINDas hätte ich nicht gedacht und nicht geahnt:
SOBAKINMeine Tochter Zarin,
SOBAKINich selbst Bojar,
SOBAKINmeine Söhne Bojaren;
SOBAKINwas will ich noch?
SOBAKINNicht einmal im Traum
SOBAKINist mir so ein Glück,
SOBAKINso ein Glück erschienen.
SOBAKINAber jetzt ist alles anders!
SOBAKINWo ich mich freuen sollte, gräme ich mich,
SOBAKINwenn ich meine arme Tochter sehe,
SOBAKINund es zerreisst mir das Herz, nicht zu
SOBAKINwissen, wie und wodurch ich helfen kann.
DOMNA SABUROWAkommt aus den Gemächern der Zarin
DOMNA SABUROWASei nicht traurig.
DOMNA SABUROWAGott ist gnädig,
DOMNA SABUROWAdie Zarin wird sich erholen.
DOMNA SABUROWADas ist alles nur ein Jugendproblem,
DOMNA SABUROWAirgend sowas.
SOBAKINNein, offensichtlich ist etwas nicht in Ordnung.
SOBAKINEs gab wirklich keinen Grund für sie,
SOBAKINso plötzlich zu erkranken,
SOBAKINda haben scheinbar gute Leute etwas nachgeholfen.
SOBAKINEin Stubenmädchen kommt hereingelaufen
STUBENMÄDCHENBojarin!
STUBENMÄDCHENDie Zarin ist aufgewacht!
DOMNA SABUROWASofort, sofort.
DOMNA SABUROWADer Heizer des Zaren kommt herein
HEIZEREin Bojar mit einer Botschaft des Zaren!
DOMNA SABUROWALasst uns sofort gemeinsam
DOMNA SABUROWAder Zarin Bericht abstatten.
GRJASNOJkommt aus der Vorhalle herein
GRJASNOJEin ergebener Gruss dem Bojaren
GRJASNOJWassili Stepanowitsch!
SOBAKINIch grüsse auch dich, Bojar!
GRJASNOJDer grosse Herrscher hat mich,
GRJASNOJseinen Diener, mit der Nachricht
GRJASNOJzu deiner Tochter und unserer
GRJASNOJHerrscherin und Zarin geschickt,
GRJASNOJdass der Verbrecher alles gestanden hat
GRJASNOJund der ausländische Arzt des Herrschers
GRJASNOJversucht, ihre Krankheit zu heilen.
SOBAKINUnd wer ist der Verbrecher?
GRJASNOJIch berichte, wie mir befohlen wurde.
GRJASNOJGeh nun und sag es ihr.
GRJASNOJSobakin geht ab
GRJASNOJSie ist krank, sie weint und grämt sich.
GRJASNOJEs gibt Anzeichen, dass
GRJASNOJsie liebeskrank ist.
GRJASNOJIch wage nicht, es auszusprechen…
GRJASNOJich weiss nur eines:
GRJASNOJUm nur einen Blick
GRJASNOJauf Marfa werfen zu dürfen,
GRJASNOJwürde ich mir selbst den Arm
GRJASNOJbis zum Ellbogen abschneiden.
STIMME MARFAShinter der Bühne
STIMME MARFASLasst mich!
STIMME MARFASIch will alles selbst hören.
STIMME MARFASMarfa rennt herein, blass und aufgeregt; ihr Leinenkleid ist unordentlich, ihre Haare zerzaust, die goldene Krone nachlässig auf den Kopf gestülpt. Domna Saburowa, Dunjascha und die Stubenmädchen versuchen, sie zurückzuhalten
STIMME MARFASDOMNA SABUROWA und CHOR
STIMME MARFASKomm zur Besinnung, Herrscherin
STIMME MARFASund Zarin!
STIMME MARFASGrundlos ist deine Sorge,
STIMME MARFASumsonst gehst du
STIMME MARFASzu dem Bojaren.
STIMME MARFASEs gehört sich nicht,
STIMME MARFASdass er deine glänzenden Augen sieht.
MARFALasst mich! Lasst mich doch!
MARFAreisst sich los und setzt sich auf ihren Thron
MARFABojar, komm her, ich höre.
GRJASNOJDer grosse Herrscher,
GRJASNOJZar and Grossfürst
GRJASNOJlwan WassiIjewitsch geruhte,
GRJASNOJmich mit einem Gruss zu schicken,
GRJASNOJund trug mir auf, nach deiner Gesundheit zu fragen.
MARFAsteht auf
MARFAIch bin gesund, ich bin vollkommen gesund!
MARFAIch habe gehört, man hat dem Herrscher erzählt,
MARFAich sei verhext worden.
MARFADas ist alles Lüge und Erfindung!
MARFAMaljuta and einige Bojaren kommen aus der Vorhalle herein und bleiben an der Tür stehen
GRJASNOJGestatte, dass ich dir etwas anderes berichte.
GRJASNOJMarfa nickt zum Zeichen ihres Einverständnisses mit dem Kopf und blickt Grjasnoj beunruhigt an
GRJASNOJlwaschko Lykow hat die
GRJASNOJteuflische Absicht gestanden,
GRJASNOJdich durch Gift zu ermorden,
GRJASNOJund der Herrscher befahl, ihn hinzurichten;
GRJASNOJich selbst habe dem Verbrecher
GRJASNOJmit meiner unwürdigen Hand ins Herz gestochen.
GRJASNOJverbeugt sich. Marfa schreit auf und fällt in Ohnmacht
GRJASNOJQuintett und Chor
CHORDas ist das Ende der armen Zarin!
GRJASNOJWas ist mit ihr?
GRJASNOJDOMNA SABUROWA, DUNJASCHA und SOBAKIN
GRJASNOJWieder ein Anfall, wie zuvor.
CHORDas ist das Ende der armen Zarin!
DUNJASCHANein, das können wir nicht glauben.
DOMNA SABUROWADoch nicht lwan Lykow!
DOMNA SABUROWADOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
DOMNA SABUROWAEs sind andere gewesen, übIe Verbrecher.
SOBAKINEs kann nicht sein,
SOBAKINdass Wanja eine solche Sünde begangen hat!
CHOREs ist unmöglich, ohne Tränen in den Augen ...
SOBAKINDas ist eine böse Verleumdung!
CHOR... die Arme anzuschauen.
CHORDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
CHORWessen Hand hat sich erhoben,
CHORohne Furcht, ohne zu zittern, so eine Tat zu begehen?
SOBAKINOder hat er unter grausamer Folter
SOBAKINein falsches Geständnis abgelegt?
CHORKein Tröpfchen Blut im Gesicht ...
CHORDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
CHORWer hat diese Schuld auf seine Seele geladen?
CHOR... die Augen geschlossen.
SOBAKINKonnte er die schlimmen
SOBAKINQualen nicht ertragen?
GRJASNOJDa liegt die weisse Blume
GRJASNOJniedergemäht,
GRJASNOJdas Vögelchen
GRJASNOJmit durchschossenem Flügel,
GRJASNOJdie Arme.
GRJASNOJDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
GRJASNOJDer Armen hat ...
SOBAKINAber wer ...
SOBAKINDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
SOBAKIN... ein gottloser Sünder ...
CHORDie leichenblassen Lippen ...
SOBAKINWer hat diese Schuld auf seine Seele geladen?
SOBAKINDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
SOBAKIN... Gift zu trinken gegeben.
CHOR... atmen nicht.
CHORDOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
CHORWessen Hand hat sich erhoben?
MALJUTAZar Iwan, du Armer,
MALJUTAmit Ehefrauen hast du kein Glück.
MALJUTADOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
MALJUTASinnlos ist sie gestorben.
GRJASNOJSollte ich schuld sein, und dies ist mein Vergehen?
SOBAKINMan hat meine Tochter getötet, mein Leben vernichtet!
CHORDie arme Zarin ist tot!
CHORMarfa erlangt das Bewusstsein wieder
CHORDOMNA SABUROWA, DUNJASCHA und SOBAKIN
CHOREs scheint, sie ist wieder zu sich gekommen!
GRJASNOJSie ist wieder zu sich gekommen!
MARFAAch, was ist mit mir?
MARFADu lebst, lwan Sergeitsch?
MARFAAch, ach, Wanja, Wanja!
MARFAWas habe ich bloss für Träume!
MARFABeim Sticken
MARFAschlief ich unvermittelt ein, und ich träumte,
MARFAich sei Zarin ...
GRJASNOJBesinne dich, o Herrscherin und Zarin!
SOBAKINStill, still!
MARFA… der Zar hätte mich zu seiner Braut erkoren,
MARFAwir seien voneinander getrennt.
SOBAKINWidersprich ihr nicht, Bojar.
DOMNA SABUROWASie wird zu sich kommen ...
DOMNA SABUROWADOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
DOMNA SABUROWA... denn der Herr ist gnädig.
MARFAMir schien, sie hätten gesagt: Du bist Zarin!
MARFADein früherer Bräutigam ist ein Verbrecher.
MARFAEr wird gerade dafür gerichtet,
MARFAdass er dich töten wollte.
MARFAMir war's, als ginge meine Brust in Flammen auf,
MARFAals hämmerte es fürchterlich in meinem Kopf!
MARFAWieso bin ich in meinem Traum nicht gestorben!
GRJASNOJIch kann es nicht mehr ertragen!
GRJASNOJSo sieht also wahres Liebesleid aus!
GRJASNOJDu hast mich betrogen,
GRJASNOJbetrogen, du Heide!
GRJASNOJIch werde mit diesem
GRJASNOJÜbeltäter abrechnen!
MALJUTANein, wir werden kaum
MALJUTAHochzeit mit ihr feiern.
MARFADann habe ich geträumt…
MARFAAch, was für ein Traum!
MARFAGrjasnoj trat in das Zimmer
MARFAund erzählte uns, er hätte dich erstochen.
MARFAEin schöner Brautführer!
MARFAEi, Grjasnoj!
MARFAHat etwas gefunden, die Braut zu erheitern.
GRJASNOJWirklich? Grjasnoj wird dich noch unterhalten.
GRJASNOJBojaren! Ich …
GRJASNOJich bin der verfluchte Sünder!
GRJASNOJIch habe Lykow zu Unrecht beschuldigt,
GRJASNOJich habe die Braut unseres Herrschers vergiftet.
GRJASNOJallgemeine Bestürzung
MALJUTAGrigori, was sagst du da?
MALJUTAGott sei mit dir!
CHORBojaren
CHORBesinne dich!
CHORDu richtest dich doch selbst zugrunde.
MARFADu sagst, dass man
MARFATräumen nicht glauben soll.
MARFAAber dies war kein einfacher Traum.
GRJASNOJDu unschuldiges Opfer!
GRJASNOJIch habe dich vergiftet, ich selbst,
GRJASNOJich selbst reichte dir das Gift.
MALJUTADu Wahnsinniger, was hast du getan!
GRJASNOJJa, ich bin wahnsinnig:
GRJASNOJSchon lange hat sie mich um den Verstand gebracht.
GRJASNOJAber Gott sieht,
GRJASNOJdass auch ich selbst betrogen wurde.
GRJASNOJIch erbat einen Zaubertrank,
GRJASNOJweil ich die Zarin
GRJASNOJfür mich gewinnen wollte,
GRJASNOJdenn ich liebte,
GRJASNOJliebte sie, liebe, liebe sie,
GRJASNOJwie der stürmische Wind die Freiheit.
GRJASNOJDOMNA SABUROWA, DUNJASCHA, SOBAKIN, MALJUTA und CHOR
GRJASNOJSchweig, du Verbrecher!
GRJASNOJDu wagst es, von der Zarin
GRJASNOJso zu sprechen!
GRJASNOJRasch, bringt ihn hinaus!
SYSTEMSzene und Arie
MARFAlwan Sergeitsch, möchtest du,
MARFAdass wir in den Garten gehen?
MARFAWas für ein schöner Tag, alles
MARFAduftet nach grünem Gras.
MARFAWillst du mich jetzt
MARFAein bisschen jagen?
MARFAIch laufe dort geradeaus
MARFAden Weg entlang.
MARFAklatscht in die Hände
MARFALos… eins, zwei, drei.
MARFAläuft, bleibt stehen
MARFAAha! Nun, du hast mich nicht gefangen!
MARFADoch ich bin ganz ausser Atem gekommen,
MARFAweil mir die Übung fehlt.
MARFAAch, sieh mal: Was für eine
MARFAblaue Glockenblume ich
MARFAgepflückt habe!
MARFAIst es wahr, dass sie
MARFAIn der Johannisnacht läutet?
MARFAÜber diese Nacht hat mir Petrowna
MARFAviele Wunder erzählt.
MARFADieser Apfelbaum hier
MARFAsteht immer in Blüte.
MARFAWillst du dich nicht ein Weilchen
MARFAdarunter setzen?
MARFAAch, dieser Traum, ach, dieser Traum!…
MARFASieh her, hier, über unseren Häuptern
MARFAerstreckt sich der Himmel wie ein Zelt.
MARFAWie wunderbar Gott ihn gewebt bat,
MARFAgewebt hat, als wäre er aus
MARFAdunkelblauem Samt.
MARFAOb in fremden Gegenden,
MARFAin fremden Ländern
MARFAder Himmel genauso aussieht wie bei uns?
MARFASchau: Dort, dort drüben,
MARFAwie eine goldene Krone schwebt
MARFAdie Wolke hoch oben.
MARFASolche Kronen,
MARFAmein Liebster,
MARFAwerden auch wir morgen tragen.
GRJASNOJNein, nein, ich ertrage es nicht!
GRJASNOJFühre mich, Maljuta,
GRJASNOJführe mich vor ein strenges Gericht!
GRJASNOJAber vorher lass mir noch
GRJASNOJdie eine Freude,
GRJASNOJlass mich mit dem Deutschen
GRJASNOJabrechnen.
LJUBASCHAIöst sich aus der Gruppe der Stubenmädchen
LJUBASCHARechne mit mir ab!
LJUBASCHAMich hast du wohl ganz vergessen, mein Liebster!
LJUBASCHAIch habe deine Unterhaltung mit dem Deutschen
LJUBASCHAmit angehört.
LJUBASCHAAuch ich habe um ein Zaubermittel gebeten.
LJUBASCHADu hast viel Geld für deines vergeudet,
LJUBASCHAich habe für meins weniger bezahlt.
LJUBASCHAAber mein Zaubermittel ist etwas
LJUBASCHAlistiger, davon wird der Mensch
LJUBASCHAimmer kränker und schwächer.
GRJASNOJWas hast du gesagt?
LJUBASCHADer Mensch wird krank und schwach,
LJUBASCHAdann stirbt er.
LJUBASCHAIch habe unsere Mittel vertauscht,
LJUBASCHAund du selbst brachtest es
LJUBASCHAmeiner Nebenbuhlerin.
MARFAlwan Sergeitsch, mit wem
MARFAredet Dunjascha so eifrig?
LJUBASCHAHörst du? Sie ruft!
GRJASNOJgreift zum Messer
GRJASNOJVerfluchte!
LJUBASCHAWas ist, nun töte mich schon!
LJUBASCHADu weisst doch selbst,
LJUBASCHAdass du meine Seele verdorben hast,
LJUBASCHAweder meine Tränen
LJUBASCHAnoch meine Bitten fanden dein Erbarmen.
LJUBASCHANun töte mich auch ganz!
LJUBASCHAStich zu, Mörder!
GRJASNOJDa hast du's!
GRJASNOJsticht zu
LJUBASCHADanke!
LJUBASCHAsinkt zu Boden
LJUBASCHADirekt ins Herz! ...
LJUBASCHAstirbt
MALJUTADas arme Ding!
MALJUTAUnd auch für Grischa ist dies das Ende.
MALJUTADOMNA SABUROWA und DUNJASCHA
MALJUTADu Gütiger, er hat sie erstochen!
SOBAKINEr hat sie erstochen! Fesselt seine Hände!
CHORDu Gütiger, er hat sie erstochen!
CHOREr hat sie erstochen! Fesselt seine Hände!
GRJASNOJRührt mich nicht an,
GRJASNOJIasst, lasst mich Abschied von ihr nehmen.
GRJASNOJDu Arme, Unschuldige,
GRJASNOJverzeih! Verzeih mir!
GRJASNOJFür jede kleine Träne,
GRJASNOJfür jedes Stöhnen, für jeden
GRJASNOJdeiner Seufzer, Marfa, werde ich teuer bezahlen.
GRJASNOJIch werde mich selbst vor Zar Iwan
GRJASNOJverneigen und für mich
GRJASNOJso schreckliche Qualen erbitten, wie sie
GRJASNOJdie Sünder in der Hölle nicht erwarten.
GRJASNOJLeb wohl, leb wohl!
GRJASNOJEr wird abgeführt. In der Tür dreht sich Grjasnoj ein letztes Mal nach Marfa um und wirft ihr noch einen Blick zum Abschied zu
MARFAKomm doch morgen, Wanja!
MARFADOMNA SABUROWA, DUNJASCHA, SOBAKIN, MALJUTA und CHOR
MARFAMein Gott!