Verbotener Gesang
S. Gastaldon
Vom Balkon jeden Abend blickt' ich nieder;
Da tönt's herauf wie zarte Herzensklagen.
Ein schöner Mann sang schmelzend Liebeslieder,
Und dann begann mein Herz mächtig zu schlagen,
Ach mächtig, jedesmal, schlug mir das Herz.
Das schöne Lied erfüllte mich mit Freuden;
Wie hört' ich 's gerne, immer möcht' ich's hören.
Doch sang ich's selber, die Mutter wollt's nicht leiden:
Dass sie's verbot, weiss ich nicht zu erklären.
Jetzt ist sie fort! Erklinge nun, mein Lied,
Das mich unwiderstehlich immerdar durchglüht:
"Die ernsten Augen, lasse mich sie küssen,
Dein schwarzes Haar, die Lippen, ach, die süssen,
Du Engelsbild, o dürft' ich mit dir sterben,
Welch selig Los, den Himmel zu erwerben."
Gestern noch sah ich ihn vorübergehen,
Und wieder sang er, ich konnt' es wohl versteh'n:
"Die ernsten Augen, lasse mich sie küssen,
Dein schwarzes Haar, die Lippen, ach, die süssen,
O du mein Engel, ewig lieb' ich dich,
Schenk mir dein Herz! O komm, erhöre mich!"